Schweiz

Wenn die Kirche Berufungen ausbremst: Was Frauen und einen Diakon empört

«Macht doch, was ihr dürft, und da könnt ihr euch ganz ausbreiten.» Dieser Satz bringt die Theologin Ute Knirim in Rage – denn sie fühlt dann ihre Berufung nicht gehört. Beim Quellentag der Junia-Initiative im Kloster Fahr tauscht sie sich mit anderen aus, die sich von der Kirche ausgebremst fühlen.

Regula Pfeifer

Vier Frauen und ein Mann sitzen in einem Workshop zur Berufungsfrage. Nur in der Kirche gebe es eine Instanz, die die Frauen an ihrer Berufung hindert, kritisiert Dorothee Becker. Sie ist Gemeindeleiterin der Pfarrei St. Franziskus in Riehen BS und leitet beim Quellentag im Kloster Fahr den Workshop. Becker ist Mitinitiantin der Junia-Initiative.

Junia – das ist eine Apostolin, die im Neuen Testament bei Paulus vorkommt. Sie gilt als Kronzeugin dafür, dass in der frühen Kirche auch Frauen etwas zu sagen hatten. Und gehört wurden.

Workshop am "Quellentag"

Per Kirchenrecht ausgeschlossen

Becker und ihre Mitstreiterinnen liegt der sakramentale Dienst am Herzen. Doch er ist nicht in Reichweite. In nichtkirchlichen Berufen hindern Frauen heutzutage höchstens bestimmte Umstände daran, sich voll zu entfalten. In der Kirche sind die Frauen per Kirchenrecht von wichtigen Aufgaben ausgeschlossen.

Dorothee Becker

«Das Thema ist mir sehr nah», sagt Ute Knirim (51). Die Theologin arbeitet als Pfarreiseelsorgerin in den katholischen Pfarreien in Köniz und in Wabern bei Bern. Sie habe es zwar gut da, ihr Team sei aufgeschlossen.

«Ganz viel ist möglich. Auch in der Liturgie und auch in Eucharistiefeiern», sagt Knirim. Sie leitet Wortgottesdienste mit Kommunionfeier, übernimmt hin und wieder auch Taufen. Aber dass sie nicht Brot und Wein in die Hand nehmen und Christus bitten dürfe, in Brot und Wein gegenwärtig zu sein, sei für sie «unerträglich».

Von Priestern gehindert

Knirim erzählt von früheren Situationen, in denen sie von Priestern nicht ernst genommen wurde. Diese hätten ihr verwehrt, was sie üblicherweise in einem Wortgottesdienst mit Kommunionfeier tue: nämlich das Ziborium hochzuheben, also die Schale mit den von einem Priester gewandelten Hostien.

Pfarreiseelsorgerin Ute Knirim (r.) erzählt, wo sie an Grenzen gestossen ist. Links Dorothee Becker, Workshop-Leiterin

Auch wollten Priester ihr es verbieten, mit den Menschen das Tages- oder Schlussgebet zu sprechen oder das Evangelium vorzutragen. Inzwischen trete sie selbstbewusst auf, wenn sie die Liturgie leite oder wenn ein Priester der Eucharistiefeier vorstehe. «Wenn mir dann jemand zu wenig Zurückhaltung vorwirft, kommt das nicht selten von Frauen», sagt sie. «Das tut weh.»

Solche Erlebnisse zeigen der Theologin: Ihre aktuell gute Situation ist fragil. Sobald die Gemeindeleitung an jemand anders übertragen würde, könnten ihre Mitwirkungsmöglichkeiten infrage gestellt sein.

Das führt zu Stress, ist ihrem Gespräch zu entnehmen. Auch das Unverständnis in gewissen Kreisen macht ihr zu schaffen. Ein Satz bringt sie besonders in Rage: «Macht doch, was ihr dürft, und da könnt ihr euch ganz ausbreiten.» Diesen Satz habe sie oft gehört.

Ute Knirim hingegen findet: «Frauen müssen sich auf ihre Taufe und Firmung besinnen.» Und dabei Selbstbewusstsein entwickeln. Gott rufe alle Menschen, für das Reich Gottes einzustehen. Die Ordination für die Feier der Sakramente, wie sie die Junia-Initiative auf den Weg bringen will, unterstützt sie. «Es ist wichtig, die eigene Berufung ernst zu nehmen», sagt sie. «Das ist höher zu werten als alle Verbote.»

«Ich bin in meiner Geistkraft gebremst, weil ich Jesus nicht um Wandlung bitten darf.»

Nadja Eigenmann, Spitalseelsorgerin

Auch Nadja Eigenmann (58) leidet darunter, keine Eucharistie feiern zu dürfen. Die Spitalseelsorgerin aus Horgen empfiehlt sich auf der Junia-Webseite für den sakramentalen Dienst. «Ich bin in meiner Geistkraft gebremst, weil ich Jesus nicht um Wandlung bitten darf», sagt sie im Berufungsworkshop.

Spitalseelsorgerin Nadja Eigenmann im Gespräch mit Esther Biedermann

Trotzdem hält sie sich an das Verbot. Als sie unlängst Osternacht in der Familie feierte, überlegte sie nur kurz, ob sie vor dem Brot-Teilen die Worte des Hochgebets sprechen sollte. Dann verwarf sie die Idee. Es sei trotzdem eine schöne Feier geworden, die auch von ihren Töchtern geschätzt wurde, erzählt Eigenmann.

Affront zur Missio: Predigtverbot

Als Affront empfindet sie einen Satz der Churer Bistumsleitung. Da stehe im Brief zur Erneuerung ihrer Missio jeweils: Sie habe keine Erlaubnis, bei einer Eucharistiefeier zu predigen. Das ist für sie als Spitalseelsorgerin zwar kein Problem. «Ich bin frei», sagt Eigenmann. So hat sie seit zwei Jahren keinen Priester mehr zu einem Gottesdienst eingeladen – und dies nicht nur pandemiebedingt.

Eigenmann ist überzeugt: Ihre Familienerfahrung hat sie besonders befähigt, als Spitalseelsorgerin tätig zu werden. Ihre beiden Töchter waren krank, «in Lebensgefahr», sagt sie. Sie und ihr Mann waren sehr oft im Kinderspital. Sie ist überzeugt: «Was ich meiner Familie geschenkt habe, kann ich jetzt mit Überzeugung anderen schenken.» Eigenmann arbeitet oft auf der Intensivstation. Dort erlebt sie viel Spirituelles. Etwa Pflegende, die mit Patientinnen und Patienten abends beten.

Ja zum Mann statt zum Orden

Die Seelsorgerin, die sich früher mal überlegte, der Gemeinschaft der Ursulinen beizutreten, ist froh, dass sie den Weg mit ihrem Mann gewählt hat. «Ich habe zum Glück früh erkannt: Der Eucharistiefeier bei den Ursulinen steht ein alter Mann vor.»

Weiter berichtet Eigenmann: «Ich will keine unlogischen Argumente mehr akzeptieren.» Dass die Kirchenleitung Frauen in höhere Ämter berufen will, ist für sie ein Tropfen auf den heissen Stein. «Das Entscheidende wird uns weiterhin vorenthalten», findet sie. Dabei sei angesichts des offensichtlichen Priestersterbens klar: «Wir brauchen Menschen, die bereit sind für den sakramentalen Dienst.»

Diakon unterstützt Frauen

Eine Lanze für berufene Frauen bricht auch der Mann in der Runde, Alex Wyss (69). Er ist Theologe, ständiger Diakon und inzwischen im Ruhestand. Wyss kritisiert die Bischöfe: «Es ist doch die klare Pflicht von Hirten zu erkennen, dass sie berufene Seelsorgerinnen an ihrer Seite haben, die sich entfalten sollten.»

Solidarisiert sich mit Frauen, die den sakramentalen Dienst fordern: Diakon Alex Wyss

Genervt fügt er hinzu: «Die kirchenamtliche Theologie hat alle Glaubwürdigkeit verloren. Dies, weil sie den männlichen Priesterzölibat als vermeintlich höchstes Traditionsgut der Kirche behandelt. Dafür nimmt sie sogar in Kauf, dass das sakramentale Leben in den Gemeinden verkümmert und die theologisch gebildete Rekrutierungsbasis für die Seelsorge wegbricht.» Der pensionierte Pfarrei- und Industrieseelsorger betreibt heute die ehrenamtliche ökumenische Schifferseelsorge in den Rheinhäfen beider Basel.

Nach Wyss’ Einschätzung hat das Weiheamt des ständigen Diakons an Wert verloren. Bei seiner Einführung nach dem Zweiten Vatikanum habe der Diakonat als nahezu vollwertiger Klerikerdienst an der Seite von Priester und Bischof gegolten.

Diakonat zurückgestuft – um Frauen zurückzubinden?

Papst Benedikt XVI. habe 2009 dann das Weihesakrament ausdifferenziert – mit dem Motu Proprio «Omnium in mentem» vom 15. Dezember 2009. Seither seien einzig Bischof und Priester bevollmächtigt, «in der Person Christi, des Hauptes» zu handeln.

Der Diakon aber habe nur noch «dem Volk Gottes zu dienen». Wyss hegt den Verdacht, dass damit vorsorglich eine Aufnahme von Frauen in den Klerus verunmöglicht werden soll. Dies insbesondere, wenn sie in den diakonalen Dienst kämen. Sollten Frauen also den Zugang zum Diakonat haben, wären ihnen weiterhin enge Grenzen gesetzt.

Muttersein als Berufung

Auch Esther Biedermann unterstützt die Frauen, die in den sakramentalen Dienst wollen. Die Katholikin hat sich lange im Basler Frauenbund engagiert. Die 65-Jährige hält den Anwesenden einen Spiegel vor. Berufung gebe es nicht nur im kirchlichen Umfeld, sagt sie.

Auch Muttersein sei eine Berufung. Diese nimmt sie für sich in Anspruch. «Ich habe meinen drei Töchtern den Glauben mitgeben, damit er sie trägt in der Not», sagt Biedermann. Auch andere Berufe können nach ihrer Ansicht Berufung sein. Etwa ein Einsatz in der Administration oder in der Pflege. «Es gibt viel Potential, das nicht gesehen wird.»

Junia-Initiative: Treffen im Kloster Fahr | © Christian Merz
18. Mai 2021 | 18:15
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Spirituelle Momente: Bibel-Teilen und «Tränenritual»

Der Quellentag im Kloster Fahr war spirituell umrahmt. Und zwar in der Klosterkirche. Zu Beginn leitete Monika Hungerbühler das «Bibel-Teilen». Hungerbühler ist Co-Leiterin der Offenen Kirche Elisabethen in Basel und Mitinitiantin der Junia-Initiative.

Das «Bibel-Teilen» stammt aus Südafrika und ist vor allem in Afrika, Asien und Lateinamerika verbreitet. «Die Methode befähigt jeden, das Wort mit sich selber in Verbindung zu bringen», sagte Hungerbühler.

Thema war das Kapitel 19 der Apostelgeschichte, die gendergerecht «Über die Zeit der Apostelinnen und Apostel» heisst. Eindrücklich war der Moment, als eine Person nach der anderen ein Wort oder eine Wortgruppe dreimal hintereinander wiederholte: «Verzückt, verzückt, verzückt», hiess es da. Oder: «die heilige Geistkraft», «die heilige Geistkraft», «die heilige Geistkraft». Dasselbe wurde mal so, mal anders betont. Das klang nach.

Den liturgischen Abschluss bildeten Gebete, Lieder, ein Bibeltext über Jesus und die Syrophönizierin sowie symbolische Handlungen. Auf Texte der Trauer, Wut und Verzweiflung ob den erlittenen Ungerechtigkeiten folgte ein «Tränenritual», wie die Junia-Frauen es nannten.

Die Teilnehmenden traten einzeln nach vorne, nahmen einen Krug und leerten Wasser in eine Schale. Später formulierten Monika Hungerbühler, Charlotte Küng-Bless und Susanne Birke Fürbitten. Letztere schloss dabei queeren Menschen besonders mit ein. Sie ist in der Regenbogenpastoral des Kantons Aargau aktiv. Darauf traten Teilnehmende wieder nach vorne, um eine Kerze anzuzünden und eine Bitte zu formulieren. (rp)