Wenn der Glauben wie eine Glaskugel schimmert
Neulich wurde auf «Arte»-TV über die Jahrhundertausstellung von Jan Vermeer, dem legendären niederländischen Maler, 2003 im Amsterdamer Rijksmusem berichtet. Dabei tauchte auch das Bild «Allegorie des katholischen Glaubens» auf – ein faszinierendes Gemälde, dessen genaue Betrachtung sich lohnt.
Wolfgang Holz
Allegorien sind in der Bildenden Kunst seit der Antike symbolische Bilder und Figuren, zumeist Frauengestalten, die komplexe, abstrakte Begriffe auf den Punkt bringen beziehungsweise in ihrer Person anschaulich verkörpern. Wohl am legendärsten ist die «Justitia», jene Frau, die mit verbundenen Augen, Waagschale und Schwert die Gerechtigkeit verkörpert.
Auch Jahreszeiten wurden beispielsweise von Künstlern in Form von Frauengestalten dargestellt, meist ausgestattet mit charakteristischen Attributen der betreffenden Jahreszeit wie etwa ein Füllhorn für die Ernten im Herbst. Auch Liebe (»Amor mit Pfeil und Bogen»), Frieden (»Weisse Taube») und Tod (»Sensenmann») sind immer wieder häufig allegorisch dargestellte Motive. Wobei das griechische «Allegorie» so viel bedeutet wie «andere Sprache» und «eindringlich sprechen» bedeutet.
Grosses Gemälde Vermeers
Die Allegorie im Gemälde «Allegorie des katholischen Glaubens» (1670-72) von Jan Vermeer (1632-1675) ist wesentlich komplexer. Es ist eines seiner grössten Gemälde mit 114 auf 89 Zentimetern Grösse, das seit 1931 im Besitz des Metropolitan Museum of Art in New York ist.
Auf dem Bild ist eine für den Delfter Maler typische Interieur-Szene zu sehen – die allerdings gespickt mit teils offensichtlichen, teils geheimnisvollen Details ausgestattet ist, die alle etwas mit dem katholischen Glauben zu tun haben. Vermeer, der insgesamt nur 37 Bilder malte, konvertierte ja vor seiner Heirat zum Katholizismus. Die dargestellte Szene könnte auf die Feier der heiligen Messe in «versteckten Kirchen» in Privathäusern oder in einer Schulkirche anspielen.
Junge Frau in Blau-Weiss
Doch zum Bild selbst: Der Glaube ist durch eine junge, sitzende Frau dargestellt, die ihren Blick aufwärts auf eine gläserne Kugel richtet, die von der Decke herunterhängt. Zu sehen ist die Frau durch das Hinter-einen-Vorhang-Schauen, ein Stilelement, das bei Vermeer häufig auftaucht und der Szenerie etwas Dramatisches, Theatralisches, in diesem Fall Sakrales, verleiht.
Die Frau trägt ein blau-weisses Kleid, was die Farben des Himmels verkörpert und gleichzeitig die Tugenden der Reinheit und Wahrheit impliziert. Ihr Blick nach oben ist ergriffen, ihre schräge Pose wirkt leicht lasziv, ihre rechte Hand hat sie aufs Herz gelegt. Neben ihr ist ein mit einem Kelch, Messbuch und Kruzifix gedeckter Tisch zu sehen. Hinter ihr entdeckt man eine monumentale Kreuzigungsszene auf einem flämischen Gemälde.
Blut der sündigen Schlange spritzt heraus
Interessant: Einen Fuss hat die vom Glauben ergriffene Dame auf einen Globus gestellt, während im Vordergrund eine wuchtige Steinplatte – der Grundstein der Kirche? – die die Schlange des Bösen zerquetscht hat und deren Blut herausspritzen lässt. Gleich daneben kullert ein angebissener Apfel auf dem Fliesenboden, das Ur-Symbol der Sünde aus dem Paradies. Für den Betrachter wird sofort klar: Die Sünde ist endgültig besiegt.
Jesuitische Einflüsse
Rätselhafter ist dagegen die gläserne Kugel, die die junge Frau mit ihrem Blick anstarrt. Von Experten wie Eddy De Johgh erklärt, soll diese Glaskugel auf jesuitische Einflüsse zurückgehen. Genauer gesagt soll es sich um ein Emblem handeln, auf dem ein geflügelter Junge, ein Symbol der Seele, gezeigt wird, der eine Kugel hält, die ein nahes Kreuz und die Sonne reflektiert.
Die Kugel soll auf diese Weise quasi die immaterielle Sphäre des Glaubens beziehungsweise die Fähigkeit an Gott zu glauben, verkörpern. Sprich: Der katholische Glaube ist in Vermeers Gemälde in letzter Instanz trotz aller offensichtlicher und sinnlich-dramatischer Bildlichkeit ein innerer, seelisch-visionärer Akt der Verbindung zu Gott. Religion eben.
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