Bischof Joseph Bonnemain gibt einem jungen Firmling in Thalwil die Hand.
Schweiz

Warum sich zahlreiche Jugendliche nicht mehr firmen lassen wollen

Zurzeit werden oder sind bereits wieder viele Jugendliche gefirmt worden – und dadurch in ihrem Taufversprechen und in ihrem Glauben bestärkt worden. Doch junge Menschen entfernen sich immer häufiger von der Kirche, wie Statistiken ausweisen. Das betrifft auch das Sakrament der Firmung. Eine Annäherung.

Wolfgang Holz

Sie wird bald 17 Jahre alt und lebt im Bistum Basel. Sie wurde als Kind getauft. In die Kirche geht sie schon seit Langem nicht mehr. Sie will sich deshalb auch nicht im nächsten Jahr firmen lassen. «Ich fühle mich nicht religiös und glaube auch nicht an Gott», sagt der Teenager in sich ruhend und überlegt im Gespräch mit kath.ch. Obwohl sie gerne am Religionsunterricht in der Schule teilnehme – «weil es dort oft interessante Dinge zu erfahren gibt» –, glaube sie im Prinzip an keine höhere Macht.

Aber was macht sie, wenn sie in ihrem Leben mal nicht weiter weiss oder sich verzweifelt fühlt? «Dann kann ich darüber ja mit meiner Familie und mit meinen Freunden sprechen.» Wobei sie grundsätzlich vom Guten im Menschen überzeugt sei.

Kein Einzelfall

Die Schülerin, die ihren Namen nicht online lesen möchte, ist kein Einzelfall. In der Schweiz lässt sich bei den Firmungen ein deutlicher Abwärtstrend beobachten – wie Statistiken des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts (SPI) in St. Gallen zeigen.

Aus den Zahlen der Kirchenstatistik lässt sich ablesen, dass die Bindung junger Menschen zur römisch-katholischen Kirche generell stark abnimmt. Was angesichts der allgemeinen Säkularisierung der Gesellschaft und der Tatsache, dass 2023 67’497 Menschen schweizweit die katholische Kirche verlassen haben, nicht verwunderlich erscheint.

Doch zurück zur Zahl der Firmungen. Laut SPI ist im Bistum Basel die Zahl der Firmungen zwischen 2012 und 2020 von 7921 Firmungen auf 4481 Firmungen zurückgegangen. Im Bistum St. Gallen beträgt der Rückgang von 1741 auf 1124 Firmungen. Im Bistum Chur von 4673 auf 3187 Firmungen, im Bistum Lausanne-Genf-Freiburg von 3053 auf 1563. Und im Bistum Sitten hat sich die Zahl der Firmlinge von 1432 auf 1130 reduziert, im Bistum Lugano von 1804 auf 843. Schweizweit wurde im Zeitraum zwischen 2012 und 2020 ein Rückgang von 20’624 auf 12’328 Firmungen registriert.

Firmalter spielt eine Rolle

Dabei kann das Firmalter eine grosse Rolle für die Entscheidung von Jugendlichen spielen, ob sie sich firmen lassen oder nicht. Viele Bistümer haben inzwischen das Firmalter von der 6. Klasse auf 17 oder 18+ Jahre angehoben. Die Jugendlichen treffen den Entscheid zur Firmung dadurch viel bewusster – und oftmals gegen die Kirche. Was nicht grundsätzlich als negativ eingestuft wird.

Mit grosser Feierlaune und in ökumenischer Offenheit fand am Samstag, 14. Juni 2025 die Feier der Firmung und Konfirmation in der reformierten Kirche Baar statt. Auf dem Foto fehlt Elena. Im Hintergrund: Domherr Reto Kaufmann
Mit grosser Feierlaune und in ökumenischer Offenheit fand am Samstag, 14. Juni 2025 die Feier der Firmung und Konfirmation in der reformierten Kirche Baar statt. Auf dem Foto fehlt Elena. Im Hintergrund: Domherr Reto Kaufmann

Im Bistum Sitten findet die Firmung mehrheitlich in der Primar- und Sekundarschule statt, in den beiden Bistümern Lausanne, Genf und Freiburg und Lugano in der Oberstufe. Im Bistum St. Gallen haben hingegen mittlerweile alle Pfarreien auf das Firmalter 18+ umgestellt. In den Bistümern Basel und Chur hat sich bisher kein Firmmodell eindeutig durchgesetzt.

«Manche fühlen sich eben noch nicht reif genug für die Firmung und schieben diese auf später auf.»

Für Reto Kaufmann, Pfarrer von St. Michael in Zug und Domherr, der jüngst zahlreiche Jugendliche in der Pfarrei St. Martin in Baar firmte, ist klar, dass es für Jugendliche verschiedene Gründe geben kann, warum sie sich nicht firmen lassen wollen: «Manche fühlen sich eben noch nicht reif genug für die Firmung und schieben diese auf später auf – das gibt es immer wieder», versichert er gegenüber kath.ch. Oder der Glaube und die Kirche spielten im Leben der jungen Menschen momentan eben keine oder keine grosse Rolle, weil andere Dinge wie ihre Ausbildung oder das Studium für sie wichtiger seien.

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«Die Jugendlichen stehen zum Zeitpunkt ihrer Firmung meist an einem Wendepunkt im Leben «, ist Pfarrer Reto Kaufmann überzeugt. Sie würden sich bewusst, dass sie immer mehr ihr Leben selbst in die Hand nehmen müssten und Entscheidungen selbst treffen müssen. Kaufmann: «An diesem Punkt schenkt das Sakrament der Firmung die Zusage, dass Gott mit der Kraft des Heiligen Geistes immer unser Leben begleitet – auch schon vor der Firmung.»

«Junge Menschen sind Seismographen»

Diakon und Jugendseelsorger Damian Pfammatter, Studienleiter und Dozent für kirchliche Jugendarbeit und Gemeindeanimation am Religionspädagogischen Institut in Luzern (RPI), kennt sich mit dem Leben und Problemen von Jugendlichen aus. Im Interview mit kath.ch erklärt er Hintergründe für kirchenfernes Verhalten.

Herr Pfammatter, wie wichtig ist aus Ihrer Sicht für Jugendliche das Sakrament der Firmung heutzutage noch?

Damian Pfammatter: Früher war die Firmung in einer religiös geprägten Gesellschaft für viele Jugendliche ein selbstverständlicher Schritt auf ihrem Glaubensweg. Heute wachsen Jugendliche in einer pluralistischen Welt, in einer multikulturellen als auch multireligiösen Gesellschaft auf. Sie begegnen unterschiedlichen Weltanschauungen, Glaubensvorstellungen und Lebensentwürfen. Gerade vor diesem Hintergrund gewinnt die Firmung als letztes der drei Initiationsakramente – Taufe, Eucharistie und Firmung – eine besondere Bedeutung: Sie bietet die Möglichkeit, den Glauben bewusst und eigenverantwortlich in der Gemeinschaft der Kirche zu bejahen.

Damian Pfammater vom Religionspädagogischen Institut (RPI) in Luzern
Damian Pfammater vom Religionspädagogischen Institut (RPI) in Luzern

Warum?

Pfammatter: Die Firmung ist nicht nur ein liturgischer Akt, sondern ein persönliches Bekenntnis zur christlichen Gemeinschaft. Diese Erfahrung von Gemeinschaft gilt es in einer vom Individualismus geprägten Welt, von der Kirche zu fördern und zu stärken. Nur zusammen mit anderen können die grossen Herausforderungen in der Welt angegangen werden. Bei Jugendlichen, die sich ernsthaft mit Fragen nach Sinn, Identität, Werten, Spiritualität und ihrem eigenen Lebensweg auseinandersetzen, bietet die Firmung Orientierung. Sie eröffnet einen Raum, um den eigenen Glauben zu reflektieren, ihn zu vertiefen und bewusst Zeugnis davon zu geben, in einer Gesellschaft, in der religiöse Zugehörigkeit längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

Warum lassen sich Ihrer Meinung nach laut Statistik des SPI aber immer weniger Jugendliche firmen?

Pfammatter: Junge Menschen sind gewissermassen «Seismografen» der Gesellschaft. Die sinkenden Firmzahlen spiegeln gesellschaftlichen Entwicklungen wider, die weit über die Kirche hinausreichen. Die Jugendsynode unter Papst Franziskus hat verschiedene Gründe benannt, weshalb sich junge Menschen von der Kirche entfernen. Viele empfinden die Kirche für ihr eigenes Leben als wenig relevant. Diese Haltung entsteht jedoch meist nicht aus einer grundsätzlichen Ablehnung, sondern hat nachvollziehbare Ursachen.

Dazu gehören die sexuellen und finanziellen Skandale der vergangenen Jahre, eine mangelnde Glaubwürdigkeit kirchlicher Strukturen sowie die Erfahrung, dass junge Menschen mit ihren Fragen und Lebensrealitäten nicht ausreichend wahrgenommen werden. Hinzu kommt die Herausforderung, kirchliche Positionen in Fragen von Ethik und Lebensgestaltung in einer zunehmend pluralen Gesellschaft verständlich zu vermitteln.

In der Schweiz lässt sich zudem seit Jahren eine abnehmende Bindung an die Kirchen beobachten. Viele Familien leben ihren Glauben nicht mehr selbstverständlich im Alltag, sodass religiöse Traditionen und Glaubenserfahrungen seltener an die nächste Generation weitergegeben werden. Gleichzeitig stehen Jugendlichen heute zahlreiche Freizeit-, Bildungs- und Kulturangebote offen, die mit kirchlichen Angeboten konkurrieren. Religion spielt für viele im Alltag nur noch eine untergeordnete Rolle. Die rückläufigen Firmzahlen sind deshalb nicht nur eine Herausforderung, sondern auch ein Auftrag an die Kirche, junge Menschen ernst zu nehmen und ihnen aufzuzeigen, wie die Botschaft Jesu auch heute Orientierung, Hoffnung und Sinn schenken kann.

Was geben Sie Jugendlichen mit auf den Weg, die sich firmen lassen wollen?

Pfammatter: Zunächst weise ich sie darauf hin, dass die Firmung kein Abschluss ihrer religiösen Entwicklung ist, sondern vielmehr ein Aufbruch. Mit der Firmung beginnt ein wichtiger Schritt auf dem persönlichen Glaubensweg, getragen von der Gemeinschaft und offen für das Wirken des Heiligen Geistes. Aus dieser österlichen Auferstehungshoffnung kann Glaube wachsen und sich weiter entfalten. In der Firmung sprechen die Jugendlichen dieses Ja selbst aus. Sie setzen sich bewusst mit ihrem Glauben auseinander und entscheiden eigenständig, welchen Platz dieser in ihrem Leben einnehmen soll.

Jedes der sieben Sakramente ist ein sichtbares Zeichen auf dem Weg mit Gott, zu den Mitmenschen und zu sich selbst. Die Firmung stärkt besonders die Suche nach der eigenen Identität und begleitet junge Menschen auf ihrem Weg zur «Menschwerdung». Sie ermutigt dazu, die eigenen Begabungen und Fähigkeiten zu entdecken und sie für eine gerechtere, menschenwürdigere, friedlichere und nachhaltigere Welt einzusetzen.

Die christliche Botschaft verweist auf eine Wahrheit, nach der sich viele Menschen sehnen. Papst Franzsikus fasst sie in «Christus vivit» (111-123) in drei grundlegenden biblischen Botschaften zusammen: Erstens, Gott liebt dich. Zweitens, Jesus Christus hat sich aus Liebe hingegeben, um dich zu retten. Drittens, Jesus lebt. Die Firmung erinnert die Jugendlichen an diese hoffnungsvolle und lebensverändernde Wahrheit und lädt sie ein, daraus Kraft für ihren weiteren Lebensweg zu schöpfen. (woz)


Bischof Joseph Bonnemain gibt einem jungen Firmling in Thalwil die Hand. | © Sabine Zgraggen
13. Juni 2026 | 17:00
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