Schweiz

Warum im Islam nur Frauen Gold tragen sollten

Wer ins Paradies kommt, kann sich auf Schüsseln aus Gold freuen. Im Islam ist Gold vor allem ein Frauending: Männer sollten kein Gold tragen. Und Essen mit goldenem und silbernem Besteck ist verboten.

Raphael Rauch

Welche Rolle spielt Gold im Koran?

Reinhard Schulze*: Der Koran erinnert, ohne sie ganz zu erzählen, an die biblische Geschichte vom Goldenen Kalb. Es wird erwähnt, dass das Kalb, eigentlich wie in der Tora ein Jungstier, aus Schmuck gefertigt war. Damit dürfte Gold gemeint gewesen sein, doch spielte diese Tatsache in der Erzählung keine Rolle. Entscheidender war, dass der Jungstier scheinbar lallte oder muhte, als sei es lebendig – und forderte damit ein, verehrt zu werden.

Was bedeutet das?

Schulze: In der exegetischen Erzähltradition wurde viel darüber spekuliert, was es mit diesem Lallen auf sich hat. Vielfach wurde daraus geschlossen, dass das Kalb eigentlich aus Staub gemacht sei. Schöpfer des Goldenen Kalbs aber ist im Koran nicht Aaron, sondern ein rebellischer Gefährte von Mose namens Sāmirī. Es ist unklar, um wen es sich handelt.

Welche Bedeutung hat Gold sonst noch im Koran?

Gold symbolisiert einerseits die vergängliche irdische Anerkennung: Mose wird vom Pharao verlacht, weil ihm keine Armreife aus Gold mitgegeben wurden. Andererseits werden die, die ins Paradies eingehen, Schüsseln aus Gold empfangen und sich mit Armreifen aus Gold schmücken. Dieses Motiv taucht noch einmal in einer medinensischen Offenbarung auf. Ansonsten wird Gold hier eher weltlich gesehen, nämlich als das, wonach man sich sehnt, womit man sich von Schuld freikaufen möchte – oder das man gerne hortet, statt es gottgefällig zu verwenden. Kurzum: Gold erscheint als Verlockung einer falschen Verehrung, als vergängliches Symbol irdischen Rangs, als ökonomischer Wert und im Paradies davon befreit als ästhetische Wonne.

Muslimisches Symbol am Haus der Religionen

Welche Rolle spielt Gold in der arabischen Literatur?

Schulze: In der vormodernen arabischen Literatur spielte Gold eine grosse Rolle, um Edles, Wertvolles und Reines zu kennzeichnen. Daher führten recht viele Bücher den Begriff Gold im Titel, am bekanntesten wohl die «Goldwiesen» des Literaten al-Masʿūdī, der 956 starb. In 1001 Nacht wird an zahlreichen Stellen auf goldene Gegenstände verwiesen, wenn es darum geht, Reichtum und Ansehen zu kennzeichnen. Da sich in der vorneuzeitlichen Literatur vielfach Anspielungen auf die Alchemie finden, finden sich dort oft Verweise auf Gold. Meist als erhofftes Ergebnis einer Transmutation von gewöhnlichen Metallen in Silber und Gold. Gold hatte daher keinen eigenständigen schöpferischen Charakter wie etwa der Stein der Weisen oder das Elixier. Allerdings galt die Sonne schon früh als Namensgeber für «Gold».

Ansonsten wurde in der Vorneuzeit von Gold vornehmlich als Währung gesprochen: Seit der Münzreform des Kalifen ʿAbdalmalik im Jahre 696 und bis zum Anbruch der Neuzeit war der Golddinar eine Art Leitwährung.

«Die Ehefrau erhielt im Scheidungsfall tatsächlich auch den Wert des Brautpreises, der beim Eheabschluss vereinbart worden war.»

Welche Rolle spielt Gold bei muslimischen Hochzeiten? Sollte der Ehering golden sein?

Schulze: Die Brautgabe (mahr) wird gerne in Gold hinterlegt. Das hatte sicherlich damit zu tun, dass Gold als wertbeständig angesehen wurde und dass daher die Ehefrau im Scheidungsfall tatsächlich auch den Wert des Brautpreises erhielt, der beim Eheabschluss vereinbart worden war.

Der Ehering – als anulus pronubis im Grunde eine römische Erfindung – fand erst im Hochmittelalter Eingang in die europäischen christlichen Traditionen der Eheschliessung. Im 19. Jahrhundert gewann er auch unter christlichen Ehen im Nahen Osten an Bedeutung, wo er immer links getragen wurde. Als Signet einer bürgerlichen Standesheirat wurde der Ring dann auch in muslimische Ehen eingeführt – wobei es aber fast immer nur die Frau ist, die den Ehering aus Gold trägt.

Radikal-orthodoxe Muslime bezeichnen den Ehering als «Imitation der Ungläubigen». Und dennoch sehen manche von ihnen dem Tragen eines Eheringes in der Absicht, den Bund der Ehe zu symbolisieren, als erlaubt an. Natürlich seien dann Goldringe für Männer zumindest «zu vermeiden», andere sehen dies als «verboten» oder als «Tabubruch» an. Da gerade in türkischen Familien auch Männer goldene Eheringe tragen, weicht dieses Tabu aber mehr und mehr auf.

Minarette einer Moschee in Ürümqi

Welchen Stellenwert hat Gold in der islamischen Kunst?
Schulze: Das Dekorieren von Gegenständen mit Gold galt oft als «Blick ins Paradies». Mit Gold verzierte Schriftzüge, vor allem so geschriebene Verse aus dem Koran, wurden hierdurch dem Göttlichen zugewiesen, zugleich aber diente die Verzierung mit Gold auch als Ornament für irdisches Vergnügen, sowohl in ästhetischer wie sozialer Hinsicht.

Ist der Felsendom in Jerusalem die bekannteste Moschee mit Gold?

Schulze: Der erste Dom, der 691 fertiggestellt wurde, hatte schon eine vergoldete Kuppel. Das Gebäude wurde vom Kalifen ›Abdalmalik Ibn Marwan in Auftrag gegeben. Die Arbeiter beendeten das Projekt nach etwas mehr als vier Jahren, früher als geplant und unter dem Budget. Der Kalif nahm die 100’000 Goldmünzen, die nicht ausgegeben wurden, und liess sie einschmelzen, um die Kuppel zu vergolden. Die ursprüngliche Hülle verschwand im Laufe der Jahre und wurde dann Anfang der 1990er-Jahre wieder vollständig restauriert. Vor allem in der Neuzeit und Moderne galt der Felsendom oft als ästhetisches Vorbild und wurde immer wieder nachgeahmt, so die 1976 eröffnete «Goldmoschee» in Manila. Ausserdem sind zu nennen die Sunehri Moschee in Lahore (Pakistan), die Sunehri Moschee in Delhi (Indien), die al-ʿAskari Moschee in Samarra (Irak) und die Dian Al-Mahri Moschee in Depok/Java (Indonesien).

Blick auf die Altstadt von Jerusalem mit Tempelberg und Felsendom.

Warum dürfen nur Frauen im Islam Gold tragen?

Schulze: Das an Männer gerichtete Verbot, Schmuck aus Gold oder Seide zu tragen, gründet auf frühislamischen Überlieferungen, wonach der Prophet Muhammad Gold als glühende Kohle bezeichnet und in der Liebe zu Gold eine pietätlose Anhänglichkeit an Extravaganzen gesehen hatte. Zudem wurde überliefert, er habe das Tragen von Gold der weiblichen Natur zugerechnet. Frauen galten ihm als weniger anfällig, Gold zu verehren als Männer. Sie wüssten, mit Gold und Seide umzugehen.

«Zahngold ist erlaubt, da es sich hierbei um ein Mittel handelt, um einen körperlichen Schaden zu beheben.»

Dürfen Männer also keinen goldenen Ring tragen?
Schulze: Es gibt keine eindeutige Deutung, wie die Überlieferungen zu verstehen sind, wonach den Männern das Tragen eines Goldrings verboten ist. Unter frommen Muslimen hat sich der Konsens herausgebildet, dass Männer allenfalls Ringe aus Blech oder Eisen tragen dürfen. Ringe aus Silber oder vorzugsweise aus Eisen sind aber bei den Orthodoxen nur dann erlaubt, wenn es sind um Kostbarkeiten handelt und wenn der Ring nicht die Bedeutung eines Eherings habe. Eheringe seien ihrer Meinung nach prinzipiell verboten.

Allerdings gab es auch andere Stimmen unter den Orthodoxen. So meinte der wahhabitische Gelehrte Ibn ʿUthaymin: «Der Verlobungsring ist eine Art Ring und es ist im Grund genommen nichts Falsches an Ringen, solange sie nicht von irgendeiner Überzeugung begleitet werden. So ist es bei einigen Leuten der Fall, wenn der Mann seinen Namen auf den Ring schreibt, den er seiner Verlobten gibt, und sie schreibt ihren Namen auf den Ring, den sie ihm gibt, wobei beide daran glauben, dass dadurch eine starke Bindung zwischen ihnen erzeugt wird. In diesem Fall ist der Ring tabuisiert, denn er steht für etwas, das keine Basis im Islam hat und was keinen Sinn ergibt.»

Was ist mit Zahngold?

Schulze: Zahngold ist erlaubt, da es sich hierbei um ein Mittel handelt, um einen körperlichen Schaden zu beheben. Die Juristen argumentierten hierbei auf der Grundlage einer Überlieferung des Propheten, wo es um jemanden ging, der in vorislamischer Zeit im Kampf seine Nase verloren und diese durch eine Prothese aus Silber ersetzt hatte, die aber nicht verhielt.

Warum ist Muslimen verboten, mit goldenem oder silbernem Besteck Mahlzeiten zu sich zu nehmen?

Schulze: Hier wirken ziemlich eindeutig klingende Überlieferungen. «Eine Person, die aus Gold- und Silbertassen trinkt, füllt ihren Bauch nur mit dem Höllenfeuer», habe Muhammad gesagt, oder «Trinkt nicht aus Gold- und Silbertassen und esst nicht aus Gold- und Silbertellern, diese sind für die Ungläubigen in dieser Welt, hingegen für euch im Jenseits.» In beiden Fällen handelt es sich um moralische Gebote, eine Handlung zu unterlassen. Die Nichtbefolgung dieses Verbots wurde nicht geahndet.

Es gibt einen Zusammenhang zwischen Gold und Zakat, der Solidarität mit den Armen. Was ist damit gemeint?

Schulze: Hintergrund ist der berühmte Koranvers 9:34, in dem bestimmt wurde: «Und jenen, die Gold und Silber horten und es nicht für Gottes Weg verwenden – ihnen verheisse Du schmerzliche Strafe.» Über die Konsequenzen sind sich die Juristen aber keinesfalls einig. Es kommt ganz darauf an, was unter «horten» verstanden wird. Für gewöhnlich wird Gold nicht gehortet, wenn es der persönlichen Zierde dient, also zum Beispiel als Schmuck oder als Zahngold getragen wird. Einige Juristen allerdings verlangten auch für diesen Fall die Zakat-Abgabe. Immer dann, wenn das Gold potentiell in den Handelsverkehr einbezogen werden könnte, müsse die Zakat bezahlt werden. Wenn man Gold im Wert von 100’000 Franken besitzt, dann müsste man etwa 2500 Franken abtreten.

«Die Dreikönige kommen im Koran nicht vor.»

Gibt es die Metapher eines Goldenen Zeitalters im Islam?

Die Metapher verwendete erstmal der maronitische Libanese Ibrahim Sarkis (1834–1885) in seiner kurzen «Geschichte des Altertums», die er 1875 in Beirut publizierte. Seitdem taucht der Begriff auch auf, um die islamische Frühzeit, bisweilen die Hochzeit des abbasidischen Kalifats, zu bezeichnen.

Kommen die Heiligen Dreikönige im Koran vor – als Sterndeuter, die natürlich einem Propheten Huldigen, nicht dem Sohn Gottes?
Schulze: Nein, die Dreikönige kommen im Koran nicht vor.

Was fällt Ihnen zum Thema Gold und Islam sonst noch ein?

Schulze: Der sogenannte Islamische Staat wollte mit seiner Währungspolitik, die auf der Wiedereinführung des Golddinars beruhte, moralisch punkten. Tatsächlich ist er aber grandios gescheitert.

* Reinhard Schulze ist emeritierter Professor für Islamwissenschaft der Universität Bern. Er ist Direktor des Forums Islam und Naher Osten.

Goldene 20er

Am 1.1.2021 haben die 2020er-Jahre begonnen. Werden sie für die Kirche zu Goldenen Zwanzigern? Was bedeutet Gold in der Liturgie? Welchen Reformstau gibt es? Welche Lösungen funktionieren? Diese Fragen beantwortet kath.ch in der Serie «Goldene 20er» – bis Mariä Lichtmess am 2.2.2021. (kath.ch)


Goldener Gebetsraum in der Wiler Moschee | © Screenshot / SRF
4. Januar 2021 | 08:00
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