Vor 60 Jahren tankte Joseph Ratzinger in Saas-Fee Kraft fürs Konzil
1962 war ein intensives Jahr für Joseph Ratzinger. Mitten in den Vorbereitungen für das Zweite Vatikanische Konzil erholte er sich im «Hotel Du Glacier» in Saas-Fee. Die Erinnerungen daran sind im Bergdorf verblasst. Doch Pfarrer Konrad Rieder ist überzeugt: «Joseph Ratzinger war einer der grössten Theologen des 21. Jahrhunderts.»
Magdalena Thiele
Die Gipfel der Alpen zeigen sich in Saas-Fee im Kanton Wallis verschlungen von Puderzuckerwolken. Als wollten diese etwas zudecken, wabern sie schon den ganzen Dienstagvormittag über dem Wintersport-Ort, der ohne den Tourismus rund 1500 Einwohner hat. Dagegen stehen stolze 6000 Betten zur Übernachtung bereit.
Und tatsächlich muss man hinter die dicke Wolkendecke blicken, um hier auf dem Hochplateau des Saastals eine Geschichte zu finden, die dieser Tage nur noch von wenigen Einheimischen erzählt wird.
Sohn der Hotelbesitzer erinnert sich kaum
Sie spielt im Jahr 1962. Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., kam Ende Juli nach Saas-Fee, um sich von vielen Strapazen zu erholen. Schon bald sollte das Zweite Vatikanische Konzil beginnen. Ganze vier Tage hatte zuvor die von ihm initiierte Subkommission getagt, berichtet der Autor Peter Seewald in seiner 2020 veröffentlichten Ratzinger-Biographie.
Einige Tage verbrachte Joseph Ratzinger im Hotel Du Glacier. «Ich weiss es, habe aber keine konkreten Erinnerungen daran», erzählt Dominik Supersaxo. Seine Eltern waren Inhaber des Gästehauses. Er selbst betreibe eine Handwerksfirma und habe nie viel mit dem Hotel zu tun gehabt.
Hotel wird umgebaut
Und auch die Spuren des Hotel Du Glacier verblassen langsam im dicken Schnee, der sich auf Dächer und Strassen gelegt hat. Das Haus wird derzeit umgebaut – hier sollen 21 Luxus-Appartements entstehen. Das Angebot richte sich an Eigentümer, die einen Zweitwohnsitz mit Panoramablick suchen, heisst es auf der Homepage des Verkaufsbüros.
Die Bauarbeiten haben längst begonnen, aber wer genau hinsieht, kann noch etwas von dem alten alpenländischen Charme des Hauses einfangen.
Gebet für Benedikt XVI.
Die Nachricht vom Tode Joseph Ratzingers habe sich hier trotz der verblassten Erinnerung sehr schnell verbreitet, sagt der Pfarrer von Saas-Fee, Konrad Rieder. «Wir haben gleich in der Messe am Samstagabend für den verstorbenen emeritierten Papst gebetet», berichtet Rieder. Vom geplanten Trauergeläut um 15 Uhr habe er zu spät erfahren, sodass die Glocken der Herz-Jesu-Kirche still trauerten.
Die Gemeindemitglieder, mit denen er über den Tod Benedikts gesprochen hat, hätten vor allem positive Erinnerungen an das Pontifikat. «Benedikt XVI. war sicherlich kein Medienprofi», sagt Rieder. «Das Bild, das von ihm in den Medien gezeichnet wurde, war deutlich zwiespältiger als das, was ich bei den Gemeindemitgliedern in Saas Fee wahrnehme.»
Bei Touristen kein Thema
Deshalb hoffe er auch, dass vor allem Joseph Ratzingers grosses theologisches Werk im Gedächtnis der Menschen bleibe: «Für mich war er einer der grössten Theologen des 21. Jahrhunderts.»
In Saas-Fee ist davon am Dienstag nicht mehr viel zu spüren. «Das war hier kein Thema», sagt Carine Maillat. Die Schweizerin verbringt ihren Urlaub gerade hier: «Ich habe noch keinen anderen Touristen über den verstorbenen Papst sprechen hören.» Es scheint, als hätte Joseph Ratzinger hier in den Schweizer Bergen das gefunden, wonach er im Sommer 1962 gesucht hatte: Ruhe und Rückzug.
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