«Benedikt XVI. war ein sympathischer Papst»
Neujahrstag in Solothurn: Der Bischof von Basel, Felix Gmür, betet mit den Gläubigen für den verstorbenen Benedikt XVI. Ein Benedikt-Fan eilt nach dem Segen kurz nach vorne, um Bischof Felix Gmür zu danken. Im Gespräch würdigen die Gläubigen das Wirken des emeritierten Papstes.
Barbara Ludwig
In Solothurn strahlt an diesem Neujahrstag die Sonne, als wäre es Frühling. Der Innenraum der St. Ursen-Kathedrale mit ihren weissen Marmorwänden erscheint darob noch einmal heller. Das Kirchenschiff ist etwa zur Hälfte besetzt mit Menschen, die den Neujahrsgottesdienst mit dem Basler Bischof Felix Gmür feiern.
Friede als ewiger Friede
Anders als in Einsiedeln, wo ein Foto von Benedikt XVI. und ein Kondolenzbuch aufgestellt sind, deutet in der Kathedrale zunächst nichts auf den Tod des emeritierten Papstes hin. Das ändert sich, als Domchor und Gemeinde das erste Lied singen: «Der du die Zeit in Händen hast». Ein Lied, das zum Jahreswechsel passt. Und zu Benedikt XVI., dessen irdisches Leben am Silvestermorgen um 9.34 Uhr zu Ende gegangen ist. Immer wieder beten die Gläubigen während des Pontifikalamtes für Benedikt XVI.
Der Neujahrstag ist Weltfriedenstag. Daran erinnert der Basler Bischof Felix Gmür bei der Eröffnung. Der Friede solle uns selbst gelten, dem Kontinent und der Welt, betet Gmür. Und schliesslich: «Friede als ewiger Friede soll Benedikt gelten. Herr gib ihm die ewige Ruhe.» Die Gläubigen antworten: «Und das ewige Licht leuchte ihm.» Dann setzt der Chor oben auf der Empore mit dem Kyrie ein. Es ist die «Missa Princeps Pacis», die «Friedensfürst-Messe» von William Lloyd Webber.
Wenn sich der Himmel öffnet
In seiner Predigt umkreist Felix Gmür das Wort «Fülle», weil er den Gläubigen ein «erfülltes neues Jahr» wünschen möchte. Eine Facette sei auch die Zeit, die sich irgendwann dem Ende zuneige, sich erfülle. «Die Zeit erfüllt sich dann, wenn sich der Himmel öffnet. Und als die Zeit gekommen und erfüllt war, kam Jesus zur Welt», sagt der Bischof mit Blick auf die weihnachtliche Festzeit.
Für den verstorbenen Benedikt XVI. sei die Erfüllung seiner irdischen Zeit am Samstag gekommen, «weil er – so hoffen und beten wir – in die Ewigkeit eingetreten ist». Dort spiele die Zeit keine Rolle mehr, sagt Gmür, der bei der Predigt auf der untersten Altarstufe steht.
Dank für Benedikt XVI. und Bischof Gmür
In den Fürbitten bittet die Gemeinde um ein baldiges Ende des Krieges in der Ukraine. Gemeinsam mit der ganzen Kirche dankt sie schliesslich dem emeritierten Papst Benedikt XVI. für alles, was er für die Kirche getan habe, und bittet um Gottes Frieden für ihn.
Nachdem Felix Gmür, die Mitra auf dem Haupt und den Bischofsstab in der Hand, den Schlusssegen gespendet hat und gemeinsam mit den konzelebrierenden Priestern und den Ministrantinnen den Chorraum verlassen will, gibt es eine Überraschung: Ein Mann steht unvermittelt auf und tritt nach vorne, um dem Bischof zu danken. Es ist Johann Rudolf Rhyner (78). Schnell nimmt er wieder auf der Kirchenbank Platz, wo ihm dann ein strahlender Felix Gmür die Hand gibt.
«Ich habe Benedikt XVI. gern gehabt.»
Dankbarkeit durchzieht auch die Voten von Gläubigen, die bereit sind, etwas zum verstorbenen Benedikt XVI. zu sagen. Johann Rudolf Rhyner hat sich bereits vor der Messe geoutet. «Ich habe ihn gern gehabt. Er ist sympathisch rübergekommen.» Die Offenheit des früheren Papstes habe er geschätzt. «Benedikt war präsent, bei den Leuten», sagt der leutselige Mann, der mit seiner Frau zum Gottesdienst gekommen ist.
Auch Peter Michael Kurz (59) sagt: «Er war ein sympathischer Papst.» Zunächst habe ihm das Stigma des Intellektuellen angehaftet. «Es hiess, er sei unnahbar», sagt Kurz. Kurz ist Tenor im Domchor und Mitglied der Marianischen Männerkongregation Mariä Himmelfahrt Solothurn.
Der lächelnde Papst
Doch als Papst habe sich Joseph Ratzinger geöffnet. «Er ist bekannt für sein Lächeln, das er als Papst gefunden hat.» Benedikt XVI. habe versucht, den Menschen sein Verständnis des Glaubens nahe zu bringen, sagt der Chorsänger und rühmt die hohe Bildung des Verstorbenen. «Mit seinem Intellekt hat Benedikt XVI. Licht in die Kirche gebracht.» Kurz weiss aber auch um die Schatten in der Kirche. Es sei wichtig gewesen, dass unter Benedikt XVI. die sexuellen Übergriffe durch Kleriker publik geworden seien.
Bücher des Ex-Papstes wieder lesen
Nathalie Pedretti (35) sagt, sie sei nicht traurig, dass Benedikt XVI. gestorben ist. «Ich bin von Dankbarkeit erfüllt über das, was er uns hinterlässt», sagt die Frau, die im Sport- und Fitnessbereich tätig ist. Sie habe viele Bücher von Joseph Ratzinger, die sie nun wieder lesen wolle.
Pedretti, die ein Kettchen mit einem kleinen Kreuz um den Hals trägt, zählt drei Buchtitel auf. An Benedikt XVI. habe sie geschätzt, dass er das Glaubensgut habe bewahren wollen. Die Totenmesse werde sie sich nicht am Fernsehen anschauen, sagt die junge Frau. Vielmehr habe sie vor, in den kommenden Tagen für den Verstorbenen zu beten.
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