Schweiz

«Viele Asylsuchende haben zu mir als Muslimin schneller Vertrauen»

Zürich, 21.2.18 (kath.ch) Belkis Osman ist muslimische Seelsorgerin im Asylzentrum Juch in Zürich. Im Interview mit kath.ch erzählt sie, worüber sie mit den Bewohnern des Zentrums spricht und warum ihre Religionszugehörigkeit dabei wichtig ist.

Sylvia Stam

Sie arbeiten seit anderthalb Jahren als muslimische Seelsorgerin im Asylzentrum Juch. Was sind Ihre wichtigsten Aufgaben?

Belkis Osman: Meine wichtigste Aufgabe ist es, eine Vertrauensbasis aufzubauen, damit die Menschen wirklich mit ihren Sorgen und Anliegen zu uns kommen. Wenn ich jemanden sehe, setze ich mich zu ihm oder zu ihr hin und frage, wie es geht oder wie das Essen geschmeckt hat. Solche Alltäglichkeiten sind enorm wichtig. Wir versuchen ganz grundsätzlich, Normalität in das Leben der Menschen im Asylzentrum zu bringen.

Mit was für Anliegen kommen die Menschen zu Ihnen?

Osman: Sie sind immer sehr neugierig, wie das Zusammenleben im Zentrum und in der Schweiz überhaupt funktioniert. Sie haben Fragen zum Asylverfahren und zu den Gesprächen mit dem Sem. Weil ich ihre Sprache kann, zeigen sie mir oft ihre Dokumente, beispielsweise Briefe, die sie bekommen und nicht verstanden haben. Dadurch weiss ich, wo sie innerhalb des Verfahrens gerade stehen. Denn andere, offizielle Informationen haben wir nicht.

Ein negativer Entscheid stürzt viele in eine Krise.

Gibt es Gespräche, die Sie als besonders schwierig empfinden?

Osman: Ein negativer Asylentscheid stürzt viele in eine Krise. Dann suchen auch Menschen das Gespräch mit mir, die vorher nicht kamen. In solchen Situationen können wir zwar keine Alternative anbieten, aber wir können sie von Kurzschlusshandlungen wie einem Suizid abhalten. Und wir können mit ihnen darüber nachdenken, wie sie die weitere Zeit am sinnvollsten nutzen.

An welche Begegnung erinnern Sie sich besonders?

Osman: Einmal habe ich mich zu einer traurigen Frau aus Afghanistan gesetzt. Sie hat sich daraufhin an mich geklammert und einen richtigen Weinkrampf bekommen. Ich bin dann mit ihr an die Limmat spazieren gegangen, vorbei an anderen Spaziergängern und Velofahrern. Die Frau konnte hier richtig durchatmen. Sie hat sich hinterher bedankt, dass sie auf diese Weise ein wenig von ihrer Last ablegen und am normalen Leben ausserhalb des Zentrums teilhaben konnte.

«Die sind von der Kirche. Was wollen die von mir?»

Bisher haben Sie Situationen beschrieben, in denen auch ein christlicher Seelsorger helfen könnte. Wo braucht es Sie als Muslimin?

Osman: Die Asylsuchenden haben aufgrund meiner Religionszugehörigkeit schneller Vertrauen zu mir. Manche denken bei christlichen Seelsorgern: «Die sind von der Kirche, was wollen die von mir?» Ausschlaggebend ist, dass wir arabisch sprechen. Das war die Hauptbedingung. Ich kann ausserdem türkisch und deutsch sowie ein wenig englisch, französisch und italienisch.

Inwiefern ist Religion ein Thema in den Gesprächen?

Osman: In vielen Alltagsgesprächen ist das kaum Thema, in den tieferen Gesprächen jedoch schon. Wie die christlichen Seelsorger schöpfen wir selber Kraft aus der Religion und können dies dann auch an andere weitergeben. Natürlich nur an jemanden, der dafür offen ist. Auch bei christlichen Asylsuchern sage ich manchmal: Ich hoffe, dass Gott dir hilft und dir beisteht.

Auf Wunsch spreche ich ein Bittgebet.

Sie begleiten auch christliche Asylsuchende?

Osman: Ja. Einmal hatte ich mehrere Gespräche mit einer christlichen Eritreerin, die arabisch konnte. Als es ihr offensichtlich schlechter ging, haben sich die christlichen Seelsorger sehr um sie gekümmert, weshalb ich mich zurückgehalten habe. Sie kam dann von selber auf mich zu, weil sie weiterhin auch mit mir sprechen wollte. Sie sagte, sie hätte die Gespräche mit mir sehr geschätzt.

Beten Sie auch mit den Asylsuchenden?

Osman: Nein. Im Islam gibt es rituelle Gebete, dazu steht im Asylzentrum ein Raum zur Verfügung, wo die Muslime beten können. Wenn es erwünscht ist, spreche ich am Ende des Gesprächs ein Bittgebet, eine Art Segen.

Viele Frauen öffnen sich leichter einer Frau gegenüber.

Warum ist es wichtig, dass auch eine Frau unter den muslimischen Seelsorgern ist?

Osman: Ich war überhaupt die erste Seelsorgerin im Zentrum. Die christlichen Seelsorger waren darum sehr erleichtert. Sie sagten, sie hätten kaum einen Zugang zu den Frauen, unabhängig von deren Religionszugehörigkeit. Viele Frauen öffnen sich leichter einer Frau gegenüber, denn oftmals haben sie schlechte Erfahrungen mit den Männern gemacht, Erfahrungen von Gewalt oder Unterdrückung. Auch ist es in vielen asiatischen und afrikanischen Herkunftsländern der Asylsuchenden nicht üblich, dass Männer und Frauen normale Gespräche miteinander führen.

Die Auswertung des Pilotprojekts hat ergeben, dass es noch mehr Aus- und Weiterbildung für muslimische Seelsorger braucht. In welchem Bereich hätten Sie sich gern weitergebildet?

Osman: Ich habe einen Studiengang an der Universität Bern angefangen. Hier habe ich etwas über Gesprächsführung, und Psychologie, Diversität, Asyl- und Migrationsrecht gelernt und von den Erfahrungen anderer Spezialseelsorger gehört.

Welche Ausbildung haben Sie selber?

Osman: Ich habe  einen Fernkurs in Islamologie absolviert, der in Österreich angeboten wird. Das ist ein Kurs darüber, was ein Imam in islamischen Ländern lernt. In Köln habe ich zudem eine Ausbildung in islamischer Religionspädagogik absolviert.

Belkis Osman (51) stammt aus einer arabisch-sprachigen Region in der Türkei und ist in der Schweiz aufgewachsen. Sie ist Vize-Präsidentin der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (Vioz) und als muslimische Seelsorgerin im Asylzentrum Juch in Zürich tätig. Hier wohnten während der Zeit des einjährigen Testversuchs Menschen aus 20 Ländern, davon waren laut Evaluationsbericht etwa 55 Prozent Muslime. Allerdings habe nur die Hälfte der Antragsteller ihre Religion angegeben.

Hinweis: Kommentar zum Thema.


 

Belkis Osman, Vize-Präsidentin der Vioz und muslimische Seelsorgerin | © Sylvia Stam
21. Februar 2018 | 12:09
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Pilotprojekt muslimische Seelsorge

Seit Juli 2016 sind im Bundesasylzentrum Juch in Zürich zwei muslimische Seelsorger und eine Seelsorgerin mit insgesamt 70 Stellenprozenten im Einsatz. Das Staatssekretariat für Migration (Sem) hat dieses Pilotprojekt in enger Zusammenarbeit mit den Landeskirchen und dem israelitischen Gemeindebund entwickelt. Mit der Umsetzung wurde die Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (Vioz) betraut. Das Schweizerische Zentrum für Islam und Gesellschaft (SGIZ) an der Universität Freiburg hat das Projekt im ersten Jahr wissenschaftlich begleitet und evaluiert.

Die Untersuchung zeigte, dass die muslimische Seelsorge sich für alle Beteiligten positiv auswirkt. Die muslimischen Seelsorger fungierten als Brückenbauer zwischen den Kulturen und vermittelten einen mit dem Schweizer Rechtsstaat kompatiblen Islam. Trotz dieser Erfolge wird das Projekt aus finanziellen Gründen nur bis Ende Juni 2018 vom Sem finanziert, danach wird es auf ehrenamtlicher Basis weitergeführt. (sys)