Tagpfauenauge
Schweiz

Verwandlung – eine Betrachtung zum Osterfest

Was will uns die Botschaft von Ostern sagen? Ein literarischer Dialog kann Anlass für das Nachdenken über die Auferstehung sein, die grösste aller Verwandlungen und nach christlichem Glauben die Berufung des Menschen.

Mariano Delgado*

Wer kennt nicht das Buch Alice im Wunderland des britischen Schriftstellers Lewis Carroll? Darin ist vielfach von der «Verwandlung» die Rede, und von Alice’ Schwierigkeiten damit.

So sagte sie zu der Raupe: «›Vielleicht haben Sie es noch nicht versucht, aber wenn Sie sich in eine Puppe verwandeln werden – das müssen Sie über kurz oder lang, wie Sie wissen – und dann in einen Schmetterling, das wird sich doch komisch anfühlen, nicht wahr?’»

Verwandlung der Seidenraupen

Auch ein solcher literarischer Dialog kann Anlass für das Nachdenken über die Auferstehung sein, die grösste aller Verwandlungen und nach christlichem Glauben die Berufung des Menschen.

Mystikerin Teresa von Ávila: «Sei freundlich zu deinem Körper, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen.»
Mystikerin Teresa von Ávila: «Sei freundlich zu deinem Körper, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen.»

Dreihundert Jahre vor Alice staunte die Mystikerin Teresa von Ávila über die Verwandlung der Seidenraupen: «Und dann spinnen sie aus sich selbst mit ihren Mäulchen die Seide und machen sich ganz enge winzige Hüllen, in die sie sich einschliessen. Die Raupe aber, gross und hässlich, verendet, während aus eben dieser Hülle ein winziger, sehr anmutiger, weisser Schmetterling ausschlüpft.»

Tugendhaftes Leben in seinem Inneren

Für Teresa ist die Seidenraupe der Mensch, der sich seiner göttlichen Berufung bewusst geworden ist und durch ein tugendhaftes Leben in seinem Inneren eine angenehme Wohnung für Gott (Johannes 14,23) einrichtet, für jenen Gott, der uns bereits im Mutterschoss gewoben (Psalm 139) und sich uns in Jesus von Nazareth gezeigt hat: «Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen» (Johannes 14,9).

«Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir».

Menschen wie Teresa erleben bereits hier die Verwandlung in einen neuen Menschen; sie werden wie die Raupe zu einem Falter, der frei und gelassen fliegt. Sie erleben die Auferstehung mitten im Leben und wissen sich bei Gott durch alle Widrigkeiten hindurch geborgen, komme, was da kommen mag: «Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir» (Apostelgeschichte 17,28). Sie wissen, dass sie «über kurz oder lang» sterben werden, aber der Tod hat dann für sie seinen Sieg und seinen Stachel wirklich verloren.

Tod als «Bruder»

Der Tod, den Franz von Assisi seinen «Bruder» nannte, bedeutet dann, die letzte Schwelle zur Begegnung mit jenem Gott zu überschreiten, der Liebe ist (1 Johannes 4,8) und der auch über den Tod hinaus nicht aufhören wird, um uns zu werben, bis wir durch die Reinigung hindurch, die jeder nötig haben wird, in ihm «ruhen», das heisst, bei ihm das verheissene «Leben in Fülle» (Johannes 10,10) geniessen – auch wenn es sich hienieden «doch komisch anfühlen» mag.

Der Heilige Franz von Assisi.
Der Heilige Franz von Assisi.

Mystische Motive verschiedener Religionen

Dies findet heute auch Resonanz, sogar in der Popkultur. Am 7. November 2025 erschien das neue Album der berühmten spanischen Popsängerin Rosalia.

Es trägt den Titel Lux, und in den Liedern wird auf mystische Motive verschiedener Religionen, aber vor allem der christlichen Tradition, angespielt. Mitten im Lied Magnolias (https://www.youtube.com/watch?v=KbTeUjUyXYY), in dem Rosalia ihre Vorstellung des eigenen Begräbnisses beschreibt, singt der renommierte Knabenchor der Benediktinerabtei von Montserrat: «Dios desciende y yo asciendo / Nos encontramos en el medio» (Gott steigt herab und ich hinauf / wir treffen uns in der Mitte).

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Ob allen Hörenden dieses Liedes in den Diskotheken und Popkonzerten der Welt bewusst sein wird, dass hier das zentrale Motiv christlichen Glaubens durchklingt, nämlich die Berufung des Menschen zur Vereinigung mit Gott?

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern frohe Ostern!

*Professor. em. Mariano Delgado lehrte Kirchengeschichte an der Universität Freiburg und war Direktor des Instituts für das Studium der Religionen und den interreligiösen Dialog.


Tagpfauenauge | © Thomas Marent
6. April 2026 | 12:00
Lesezeit : ca. 2  Min.
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