Gelassen leben in der Zeit mit Hoffnung auf das Ende der Zeit
Eine Meditation zum Jahreswechsel
Mariano Delgado*
Für Albert Einstein, den Vater der Relativitätstheorie, war die Zeit eine «Illusion». Der für seine Wissenschaftssendungen bekannte Münchner Astrophysiker Harald Lesch nennt die Zeit «das grösste Geheimnis der Physik».
Vor 1600 Jahren drückte es der heilige Augustinus anders aus: «Weder Vergangenheit noch Zukunft gibt es, sondern es gibt eine Gegenwart der vergangenen Dinge, ferner eine Gegenwart der gegenwärtigen Dinge, schliesslich eine Gegenwart der zukünftigen Dinge. Diese drei Zeitformen nehmen wir in unserem Geiste wahr, aber sonst nirgendwo.»
Immer in der Gegenwart
Das heisst also, dass wir immer in der Gegenwart leben und «die Zeit» ein Konstrukt unseres Geistes ist. Dennoch ist es ein guter Brauch, bei einem Jahreswechsel, bei einem Geburtstag oder auch bei einer Beerdigung über «die Zeit» nachzudenken. Das Christentum lädt uns ein, die Zeit als etwas zu betrachten, das wertvoll ist und zugleich schnell vergeht. Daher ist es wichtig, sich auf die christliche Hoffnung «in der Zeit» zu besinnen.
Hoffnung aufs Kommen des Reiches Gottes auf Erden…
Da ist zuerst die Hoffnung auf das Kommen des Reiches Gottes auf Erden… Das ist es, was wir «das messianische Prinzip» des Christentums (und auch des Judentums) nennen könnten.
Um dieses Reich, wo alles dem Willen Gottes entsprechen soll, bitten wir ja im zentralen christlichen Gebet, dem Vaterunser. Man könnte sagen, ein Blick aus dem Fenster hinaus in die nahe und ferne Welt, und sei es durch die täglichen Nachrichten, kann nur zum nüchternen Fazit führen, dass dieses Reich noch nicht ganz gekommen ist, dass unsere Hoffnung also «kontrafaktisch» oder gegen die Macht der Fakten ist…
Wie ein Senfkorn im Sauerteig
Aber das Reich Gottes ist doch da, wenn auch wie ein Senfkorn und ein Sauerteig… und es liegt an uns, dass es weiter wächst. Es fehlt nicht an Zeichen für die Entfaltung des Reiches Gottes in dieser Welt: nicht zuletzt durch die Wirkung der jüdisch-christlichen Tradition und der universalen Philanthropie von Humanismus und Aufklärung sprechen wir heute von der «Einheit der Menschheitsfamilie» und lassen uns vom fremden Leid ansprechen, auch wenn es Menschen anderer Kulturen und Religionen betrifft.
In den Parolen «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» der Französischen Revolution, die heute die politische Kultur der Rechtsstaaten prägen, hat der biblische Reich-Gottes-Gedanke eine säkulare Resonanz gefunden, die nicht aufhört, die Menschen zu faszinieren.
Und ist es nicht ein Zeichen des Reiches Gottes, wenn Papst Franziskus und der Mufti oder Rektor der Kairoer Azhar-Universität im Februar 2019 in Abu Dhabi ein Manifest über die «universale Geschwisterlichkeit» unterschrieben, das der Papst im Oktober 2020 mit der Enzyklika «Fratelli tutti» nochmals verstärkte?
Freilich, es wäre ein grösseres Zeichen gewesen, wenn auch ein jüdischer Oberrabbiner das Dokument mitformuliert und -unterschrieben hätte. Ja, es gibt Zeichen des Reiches Gottes mitten unter uns, aber hören wir auch 2025 nicht auf, täglich zu beten «Dein Reich komme, Dein Wille geschehe». Denn vieles entspricht immer noch nicht den Werten dieses Reiches.
Zweiter Aspekt unserer Hoffnung
Ein zweiter Aspekt unserer Hoffnung wäre, dass sie nicht nur das Geborgensein bei Gott von uns selbst und unseren Lieben nach dem Tod betreffen sollte, sondern auch die Rettung aller! Wird der Herr alle retten nach der angemessenen Läuterung eines jeden Menschen, wie einige Texte in der Bibel andeuten?
Oder wird es im Jenseits einen unwiderruflich separaten Raum für die Gerechten und einen anderen für die Sünder geben, wie andere Texte zu verstehen geben? Und wo sind Himmel und Hölle? Sind sie ein Ort oder ein existenzieller Zustand? Bedeutet «in der Hölle sein» die ewige Trennung von der göttlichen Gnade und Barmherzigkeit? Warum eine so unverhältnismässige Strafe für ein wenig «Zeit» auf Erden, in der wir an der schwachen menschlichen Natur teilhaben und bei unseren Entscheidungen allen möglichen Einflüssen ausgesetzt sind?
Sollte die Feindesliebe nicht auch für Gott selbst gelten? Diese Fragen, die sich viele Menschen heute stellen, sind nicht neu. Sie wurden bereits zur Zeit der Kirchenväter diskutiert, weshalb einige von ihnen (Origenes vor allem) dachten, dass alle, Gerechte und Sünder, in Gott eins sein werden.
Die Kirche hat diese Lehre (die (Apokatastasis) mehrfach verurteilt. Aber wenn man genau hinsieht, wird sie nur verurteilt, wenn sie mit Sicherheit gelehrt wird, und nicht, wenn man diese Hoffnung in der Schwebe belässt, weil wir es letztlich nicht genau wissen.
Karl Barth, der vielleicht grösste Theologe des 20. Jahrhunderts, sagte über die Allerlösung: «Ich lehre sie nicht, aber … ich sage nicht, dass sie nicht möglich ist». Sind die Hoffnung auf eine leere Hölle (Hans Urs von Balthasar) und das Gebet dafür nicht der sublimste Ausdruck der christlichen Feindesliebe?
Dritter Aspekt christlicher Hoffnung
Damit hängt ein dritter Aspekt christlicher Hoffnung zusammen, nämlich dass das so genannte «Jüngste Gericht» letztlich ein Rettungsakt Gottes sein wird, in dem er – Gerechtigkeit, Liebe und Barmherzigkeit verbindend, anders als die Richter dieser Welt – allen zum letzten Mal das Heil anbieten wird, aber ohne die Kluft, die die Opfer der Geschichte von ihren Tätern trennt, einzuebnen. Wie das sein wird, wissen wir nicht. Aber wir dürfen darauf hoffen und dafür beten, denn für Gott ist nichts unmöglich.
Ich habe drei Formen der christlichen Hoffnung erwähnt: die Hoffnung auf das Reich Gottes in dieser Welt, die Hoffnung auf das ewige Leben für alle und die Hoffnung auf das Jüngste Gericht als die letzte Rettungstat der Liebe und Barmherzigkeit Gottes «durch Christus, mit ihm und in ihm» (wie denn sonst nach christlichem Verständnis?) – und in einer nur Gott bekannten Weise.
Drei Formen der Hoffnung
Diese drei Formen der Hoffnung werden bei Christenmenschen von der brennenden Sehnsucht nach der Wiederkunft des Herrn überlagert, die am Ende des Neuen Testamentes ausgesprochen wird: «Komm, Herr Jesus» (Offb 22,20). Mit dieser Sehnsucht auf die Wiederkunft des Herrn Jesus am Ende der «Zeit» leben wir in der uns geschenkten «Zeit»…
Solange es so ist, sollten wir an der Verbreitung des Reiches Gottes arbeiten, indem wir für ein menschenwürdiges Leben für alle eintreten und das Heil in Jesus bezeugen; wir sollten uns auch des Lebens und der Freundschaft erfreuen, wie uns der Philipperbrief (4,4-9) nahelegt.
Warten auf die Wiederkunft des Herrn
Bleiben wir dabei aber wachsam und warten wir auf die Wiederkunft des Herrn «mehr als die Wächter auf den Morgen» (Ps 130,6). Antonio Machado, der, wie viele Agnostiker heute, glauben wollte, aber nicht glauben konnte (und diese Situation als etwas Bitteres empfand), verstand sehr gut den adventistischen Kern der christlichen Hoffnung, als er diese Verse schrieb:
«Ich mag Jesus, der uns sagte:
Himmel und Erde vergehen.
Und wenn auch Himmel und Erde
vergehn, mein Wort bleibt bestehen.
Was war denn, Jesus, dein Wort?
Liebe, Vergebung, Barmherzigkeit?
Alle deine Worte waren
Ein Wort: Wachet! Es ist Zeit.»
Bleiben wir aber auch in der «Zeit» gelassen und bedenken die klassische Sentenz, die auch in der Liebeshymne des Apostels Paulus nachklingt: «tempus fugit, amor manet» / die Zeit vergeht, die Liebe bleibt. Denn «die Liebe hört niemals auf» (1 Kor 13,8).
*Mariano Delgado ist Professor für Kirchengeschichte und Direktor des Instituts für das Studium der Religionen und den interreligiösen Dialog an der Universität Freiburg sowie Dekan der Klasse VII (Religionen) in der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste (Salzburg)
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