Umstrittene Judaistik-Professur: Ruf soll an Christian Rutishauser gehen
Das Stelleninserat sorgte für Irritationen. Auf die Judaistik-Professur in Luzern konnten sich nur Katholikinnen und Katholiken bewerben. Die Begründung der Universität: Der Lehrstuhl sei an der katholischen Fakultät angesiedelt. Jetzt soll die Stelle dem Jesuiten Christian Rutishauser angeboten werde. Insider sagen: Er sei der einzige Kandidat gewesen.
Annalena Müller
«Völlig aus der Zeit gefallen», sagt Alfred Bodenheimer, Professor für Jüdische Literatur- und Religionsgeschichte an der Universität Basel. Bodenheimer gehört zu den bekanntesten Kritikern des Anstellungsprofils der Luzerner Judaistik-Professur. In der Ausschreibung hiess es: Der Kandidat oder die Kandidatin müsse über die «Römisch-Katholische Konfession und kanonisches Doktorat» verfügen. Nun scheint die Stelle besetzt. Auffällig: Es gab wohl nur einen einzigen Kandidaten – und der ist selbst dem Pensionsalter nahe.
Jesuit wird Judaistik-Professor
Wie kath.ch aus verschiedenen Quellen erfuhr, soll die Luzerner Judaistik-Professur dem Jesuiten Christian Rutishauser offeriert werden. Margit Wasmaier-Sailer, Dekanin der Theologischen Fakultät, wollte sich zur Personalie nicht äussern. Das Verfahren sei noch nicht abgeschlossen und unterliege daher der Geheimhaltungspflicht, schreibt sie in einer E-Mail.
Laut Insider-Informationen durchläuft die Nominierung Rutishausers aktuell die inneruniversitären Gremien. Das ist Standardprozedere, bevor einem Kandidaten oder einer Kandidatin ein formelles Stellenangebot unterbreitet wird.
Einziger Kandidat
Verschiedene Fragen blieben von der Dekanin unbeantwortet. Darunter auch die, ob Rutishauser tatsächlich der einzige Bewerber war, der die Kriterien «Römisch-Katholische Konfession und kanonisches Doktorat» erfüllt habe.
Wie ein Insider berichtet, soll es durchaus mehrere Bewerbungen gegeben haben. Allerdings vor allem von jüdischen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen.
Irritationen über Ausschreibung
Das enge Ausschreibungsprofil der Judaistik-Professur hatte im Spätsommer 2023 für Irritationen gesorgt. Im August erklärte Dekanin Wasmaier-Sailer gegenüber kath.ch, dass die Professur an der Theologischen Fakultät angesiedelt sei. Dort sei die römisch-katholische Religionszugehörigkeit für das päpstliche «Nihil obstat» Voraussetzung.
Eine Ansiedlung der Professur ausserhalb der theologischen Fakultät, wie von Alfred Bodenheimer gefordert, sei laut der Dekanin keine Option. Denn dann würde die theologische Fakultät nur noch über elf Professoren und Professorinnen verfügen und damit den Fakultätsstatus verlieren.
Neue Assistenzprofessur geplant
Alfred Bodenheimer kritisierte die institutionellen Argumente bereits vergangenen Sommer in der NZZ. Gegenüber kath.ch sagt der Basler Professor heute: «Die Uni Luzern ist eine kantonale Universität. Sie muss sich schon überlegen, welches Bild sie spiegeln will.» Bodenheimer spielt darauf an, dass aktuell nur eine wissenschaftliche Mitarbeiterstelle in der Judaistik für Nicht-Katholiken und Katholikinnen zugänglich sei; eine Stelle also, die hierarchisch unter der Professur steht.
Die Kritik Bodenheimers und anderer scheint nicht gänzlich ungehört verhallt zu sein. Wasmaier-Sailer schreibt auf Anfrage von kath.ch: «Tatsächlich überlegt sich die Universität die Einrichtung einer Assistenzprofessur für Jüdische Studien. Diese würde keiner konfessionellen Beschränkung unterliegen.» Allerdings wäre auch eine solche Assistenzprofessur einer vollen Professur hierarchisch nachgestellt.
Ausser Konkurrenz
Zur anstehenden Berufung von Rutishauser sagt Bodenheimer: «Christian ist ohne Frage qualifiziert». Ein Problem sieht der Basler Professor darin, dass es keinen Wettbewerb um die Stelle gab. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Fakultät im Fachbereich «Neues Testament» oder «Fundamentaltheologie» akzeptiert hätte, wenn es nur einen Kandidaten oder eine Kandidatin gegeben hätte. Christian Rutishauser wollte sich gegenüber kath.ch nicht äussern.
Sedisvakanz vermeiden
Einiges deutet darauf hin, dass Rutishauser für die Universität Luzern eine Übergangslösung ist. Der St. Galler ist 58 Jahre alt und wird den Lehrstuhl maximal neun Jahre führen. Auch der Umstand, dass Rutishauser wohl nicht habilitiert ist, suggeriert einen engen Kandidatenkreis.
In der Schweiz ist normalerweise neben einem Doktorat auch die Habilitation Voraussetzung für eine Professur. Letztere kann zwar durch «gleichwertige wissenschaftliche Qualifikationen» ersetzt werden, aber dies geschieht meist nur, wenn das Kandidatenfeld klein ist.
Mit der Berufung von Christian Rutishauser wird die Theologische Fakultät das Dilemma einer Sedisvakanz der Judaistik umschiffen können. Aber spätestens mit der Emeritierung Rutishausers wird sich die Frage erneut stellen: Warum sollten nur Katholiken Theologiestudierenden das Judentum erklären? Zumal, wenn es augenscheinlich kaum Katholiken und Katholikinnen gibt, die das können.
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