Eingang zum "Lumeum" in Sankt Niklausen mit Plakaten von Niklaus von Flüe und Dorothee Wyss
Schweiz

Wie heilig darf Dorothee Wyss sein? «In Wirklichkeit längst eine Heilige»

Sollte diese aussergewöhnliche Frau nicht endlich heiliggesprochen werden? Die Rede ist von Dorothee Wyss, der Ehefrau von Niklaus von Flüe, dem Schweizer Nationalheiligen. Denn ohne sie, die ihrem Mann erlaubte, auf Pilgerschaft zu gehen und sich ganz Gott hinzugeben, gäbe es wohl keinen Bruder Klaus.

Wolfgang Holz

Die Frage ist nicht neu. Sie wird immer wieder gestellt – nicht zuletzt am 25. September, dem offiziellen Gedenktag von Bruder Klaus. Warum ist eigentlich Ehefrau Dorothee nicht auch eine Heilige? Schliesslich hat sie ihrem Mann den Rücken freigehalten, ihm quasi das Ja-Wort für seine Pilgerschaft und sein Eremitentum gegeben und gleichzeitig den bäuerlichen Hof samt Familie gemanagt. Nicht zuletzt hat sie ihn noch auf dem Sterbebett getröstet. Eine unglaubliche Power-Frau!

Im «Lumeum» zumindest auf Augenhöhe

Im neu eröffneten «Lumeum» in St. Niklausen, wo die immersive Lichtprojektion «Niklaus & Dorothee Alive» das Leben des Heiligen und seiner Frau neu beleuchtet, ist die Person der Dorothee Wyss nicht nur auf dem Eingangsplakat der eindrücklichen Zeit- und Bildreise gleichgestellt. Auch in der Lichtshow wird der Ehefrau von Niklaus von Flüe viel Raum gegeben.

Im "Lumeum" in Sankt Niklausen OW, wo Besuchende in einer 360-Grad-Show das Leben von Bruder Klaus audiovisuell erleben können.
Im "Lumeum" in Sankt Niklausen OW, wo Besuchende in einer 360-Grad-Show das Leben von Bruder Klaus audiovisuell erleben können.

Eine Geste und eine Strategie, die Germanist und Historiker Roland Gröbli, der ein legendäres Buch über das Leben und die Bedeutung dieser «aussergewöhnlichen Frau» geschrieben hat, lobenswert findet. «Es geht darum, die historische Rolle von Dorothee Wyss zu würdigen und sie auf Augenhöhe mit ihrem Mann, Niklaus von Flüe, darzustellen», so Gröbli gegenüber kath.ch.

«Heiligmässige Frau»

Schön. Doch Niklaus von Flüe ist Heiliger, seine Frau nicht. Papst Johannes Paul II. nannte sie «eine heiligmässige Frau» in dem Gebet, das er am 14. Juni 1984 am Grab von Bruder Klaus gesprochen hat. Dabei hatte Pater Josef Rosenast, der frühere Bruder-Klaus-Kaplan, 2020 einen Wunsch: Der Papst solle offiziell erlauben, Niklaus von Flüe und Dorothee Wyss als heiliges Ehepaar verehren zu können.

Heinrich Schwery, Bischof von Sitten, rechts, und Papst Johannes Paul II., aufgenommen im Jahre 1984 in Sitten (vor der Kathedrale)
Heinrich Schwery, Bischof von Sitten, rechts, und Papst Johannes Paul II., aufgenommen im Jahre 1984 in Sitten (vor der Kathedrale)

Bereits kurz nach seinem Antritt als Bruder-Klaus-Kaplan war für ihn klar gewesen, dass Dorothee Wyss wie ihr Gemahl auch heiliggesprochen werden müsse. Schliesslich gebe es auch eine gemeinsame Reliquie von Niklaus und Dorothee: den Pilgerrock, den sie ihm gewebt hatte. Pater Rosenasts Botschaft damals: «Wir wollen Niklaus von Flüe und seine Frau Dorothee Wyss als Vorbild für heutige Paare in den Mittelpunkt stellen.»

Fehlen wirklich historische Dokumente?

Nach aktueller Einschätzung von Fachleuten ist das nicht möglich, weil offenbar historische Dokumente über Dorothee fehlen. Dabei ist eigentlich über eine Bauersfrau aus dem 15. Jahrhundert relativ viel bekannt – auch wenn sich aus den Quellen keine lückenlose Biografie erstellen lässt. Mit grosser Wahrscheinlichkeit kam sie in der «Schwändi», oberhalb von Sarnen um 1430/2 zur Welt. Laut Historiker Robert Durrer war ihr Vater vermutlich der Bauer und Ratsherr Rudi Wiss.

Dorothee Wyss mit Kindern: Statue hinter der Kirche Sachseln OW
Dorothee Wyss mit Kindern: Statue hinter der Kirche Sachseln OW

Erstmals wird Dorothee Wyss 1495/6 im Jahrzeitbuch des Klosters Engelberg als «Dorotheen – ewirtin» (Ehefrau) von Bruder Klaus erwähnt. 1491 oder kurz davor stifteten Tochter Verena von Flüe und ihr Ehemann Hensli Onofrius eine ewige Messe. Diese Spende wurde vermutlich im Jahr 1491 fein säuberlich im Jahrzeitbuch des Kloster Engelberg eingetragen, wie auf bruderklaus.com nachzulesen ist.

Ehefrau von «Bruder Klaus»

Dorothee Wyss wird explizit als Ehefrau von «Bruder Klaus» – einen Namen, den er nur in der Zeit im Ranft trug – bezeichnet. Und beide wiederum als «Vater und Mutter» von Verena von Flüe. Dies ist ein berührendes Zeugnis der Ehe von Niklaus und Dorothee bis in den Tod.

Statue von Niklaus von Flüe.
Statue von Niklaus von Flüe.

Sie war eine fromme und treue Frau, die die Seelennot ihres Ehemanns spürte und schenkte ihm ihr Einverständnis, sein Leben als Eremit in unmittelbarer Nähe ihres Hofes weiterzuführen.  Sie tat, was sie konnte, um sein Dasein als «lebender Heiliger» leichter zu machen. Sie unterstützte ihn auf der Suche nach dem «einig Wesen» und sorgte gleichzeitig für das Wohlergehen der ganzen Familie.

«Sehr kritisch» zu offiziellen Heiligsprechungen

Reichen solche Fakten eigentlich nicht, um auch als Heilige verehrt beziehungsweise wenigstens zusammen als Heiliges Paar geehrt zu werden?   

Jacqueline Keune
Jacqueline Keune

Für Jacqueline Keune, Theologin und Autorin, hat das Leben von Dorothee Wyss zweifellos etwas Heiligmässiges. «Jede Frau, die zehn Kinder mehr oder weniger alleine grosszieht, dafür sorgt, dass sie immer etwas zu essen und anzuziehen haben, dass es ihnen gut geht, soweit es ihnen denn gut gehen kann, und sich selber nicht der Verzweiflung überlässt – mit einer solchen Aufgabe mehr oder weniger alleingelassen zu werden, hat für mich etwas Heiligmässiges», spricht sie Klartext gegenüber kath.ch.

«Das ist auch bei Heiligen nicht anders»

Andererseits ist Jacqueline Keune gegenüber amtlichen Heiligsprechungen «sehr kritisch» eingestellt. «Anders verhält es sich mit jenen Heiligsprechungen, die ein Volk gegenüber Menschen vollzieht, die sie – wie etwa Oscar Romero – ihrer tiefen Menschlichkeit und Glaubwürdigkeit wegen verehrt.»

Ähnlich sieht es Sarah Paciarelli vom Frauenbund Schweiz. Für sie ist die Frage der Heiligsprechung von Dorothee Wyss zwar nicht neu – aber sie berühre etwas sehr Grundsätzliches. «Seit jeher übernehmen Frauen unbezahlte Sorgearbeit und ermöglichen damit oft erst die Karriere, den Ruhm oder das Wirken ihrer Männer. Das ist auch bei Heiligen nicht anders», sagt sie gegenüber kath.ch.

Sarah Paciarelli
Sarah Paciarelli

Dorothee Wyss habe mit ihrem Leben, ihrer Zustimmung und ihrem Mut den Weg von Niklaus von Flüe überhaupt erst ermöglicht und entscheidend mitgeprägt. «Gemeinsam hatten sie zehn Kinder, für die Dorothee nach dem Rückzug ihres Mannes allein sorgte. Ohne ihr Dasein als Mutter, Versorgerin und Trägerin der Familie wäre seine Biographie anders verlaufen.»

Anzeige ↓ Anzeige ↑

Ob die Ehefrau von Niklaus von Flüe offiziell heiliggesprochen werden sollte, ist aus ihrer Sicht eine kirchliche Frage.

«Heiligsprechung Dorothees? Wenn es der Wille Gottes ist, wird dies sicher geschehen.»

Dabei steht für sie fest: «In Wirklichkeit war sie längst eine Heilige: eine Frau, die mit unendlichem Gottvertrauen ihren Mann gehen liess und als Familienmanagerin mit zehn Kindern im Alltag täglich viele kleine Wunder vollbrachte – gerade in ihrer unsichtbaren, unbezahlten Arbeit. So gesehen könnte man durchaus von einem «Heiligenpaar» sprechen, auch wenn nur Niklaus als Heiliger verehrt wird.»

Ernst Fuchs in der Wallfahrtskirche Sachseln.
Ernst Fuchs in der Wallfahrtskirche Sachseln.

Wird also Dorothee Wyss irgendwann doch noch heiliggesprochen? «Wenn es der Wille Gottes ist, wird dies sicher geschehen», sagt Bruder-Klaus-Kaplan Ernst Fuchs gegenüber kath.ch. Der heilige Papst Johannes Paul II. habe sie ja «eine heiligmässige Frau» im Gebet genannt. Fuchs: «Damit nahm er den Wunsch vieler Menschen auf, die Dorothee in den letzten Jahrzehnten immer stärker wahrnahmen und verehrten. Dorothee zeigt uns auch, dass niemand im luftleeren Raum heilig werden kann.»

«Kaum etwas über ihr Innenleben bekannt»

Es habe Vorstösse zur Heiligsprechung gegeben, «aber es ist nicht einfach, weil historisch zu wenig von Dorothee überliefert ist», zeigt sich Ernst Fuchs überzeugt. Es sei auch nicht überliefert, dass Dorothee zu Lebzeiten oder kurz danach im Ruf der Heiligkeit stand. «Leider wissen wir auch kaum etwas über ihr Innenleben. Wenn aber Wunder, die auf die Fürbitte Dorothees geschehen, anerkannt werden, besteht dennoch die Chance, dass sie selig- und dann heiliggesprochen werden kann.»

Bruder Klaus
Bruder Klaus

Aus der Sicht von Ernst Fuchs habe Niklaus von Flüe seine Frau und seine Familie nicht einfach verlassen, sondern lange darum gerungen. «Ohne Einverständnis seiner Frau hätte er dies nicht getan. Das alles ist gut überliefert. Das Befremden kann ich aber dennoch gut verstehen. Es ist nach meiner Erfahrung aber auch kulturabhängig. Für Menschen aus Indien zum Beispiel ist der Schritt verständlicher als für Westeuropäer, für Bibelkundige nachvollziehbarer als für Menschen, die mit dem Christentum weniger vertraut sind.»

Dorothee Wyss’ Biografie in Zahlen

1430/2: Geburt von Dorothee, wahrscheinlich in der Schwendi, als Tochter des Ratsherrn Rudi Wyss

1445/46: Heirat von Dorothee Wyss und Niklaus von Flüe. Sie wohnen als Bauern auf dem Schübelacher im Flüeli und haben zehn gemeinsame Kinder.

1467: Dorothee stimmt zu, dass Niklaus auf Pilgerreise und anschliessend als Eremit in den Ranft geht.

ab 1467: Dorothee übernimmt zusammen mit ihren Kindern die Leitung von Haus und Hof. Ihr ältester Sohn zieht mit seiner Familie ins benachbarte kleinere Haus. Dorothee und die Kinder sorgen weiterhin für das Wohlergehen von Niklaus und seinen Besuchern.

1487: Niklaus stirbt. Ein Engel soll Dorothee nach dessen Tod getröstet haben.

1495/96: Dorothee stirbt und wird wahrscheinlich in Sachseln beerdigt.

(woz/bruderklaus.com)


Eingang zum «Lumeum» in Sankt Niklausen mit Plakaten von Niklaus von Flüe und Dorothee Wyss | © Wolfgang Holz
25. September 2025 | 17:20
Lesezeit : ca. 5  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!