Don Willy Volonté
Schweiz

Tessiner Priester über Valerio Lazzeri: Der Bischof ist wie ein Blitzableiter

Don Willy Volonté (68) ist Priester der Diözese Lugano und kennt den zurückgetretenen Bischof Valerio Lazzeri gut. Womöglich haben die Skandal-Priester im Bistum Bischof Lazzeri so stark belastet, «dass es ihm zu viel wurde», sagt Don Willy.

Barbara Ludwig

Haben Sie mit dem Rücktritt von Bischof Valerio Lazzeri gerechnet?

Don Willy Volonté*: Man sah ihm an, dass ihm das Bischofsamt einiges abverlangte. Ich habe im Stillen immer gehofft, dass es nicht so weit kommt.

Valerio Lazzeri, ehemaliger Bischof von Lugano
Valerio Lazzeri, ehemaliger Bischof von Lugano

Welche Gründe könnten dafür verantwortlich sein, dass er das Amt zunehmend als Belastung erlebte?

Don Willy: Ich kann hier nur auf die Gründe hinweisen, die er bei der Pressekonferenz zu seinem Rücktritt angegeben hat: Seine charakterlichen Eigenschaften könnten ihn daran gehindert haben, den Anforderungen des Bischofamtes so gerecht zu werden, wie er es sich gewünscht hätte.

Das würde bedeuten: Er war einfach nicht die richtige Person für diesen Posten.

Don Willy: Papst Franziskus, der ihn auserwählt hat, hat bestimmt legitime Gründe dafür gehabt: diese sind nur dem Nuntius und dem Heiligen Stuhl bekannt. Vielleicht wurde ihm eine Aufgabe angeboten, die er im Tiefsten nicht vermochte, zu seiner eigenen zu machen. Allerdings gibt es viele Situationen, in denen man zunächst eine Aufgabe zugeteilt bekommt, die man eigentlich nicht als wünschenswert einschätzt. Diese dann aber zufriedenstellend meistert. Bei ihm war das nicht der Fall.

«Es gab schwierige Momente.»

Möglich wäre doch auch, dass besondere Umstände im Bistum Lugano für sein Scheitern verantwortlich sind. Wie sehen Sie das?

Don Willy: Die Situation im Bistum Lugano ist nicht komplexer als in anderen Diözesen. Es gab schwierige Momente. Es gab Spannungen, weil der eine oder andere Priester Fehler machte.

Meinen Sie die Skandal-Priester, die wegen Betrug oder sexuellen Übergriffen für Schlagzeilen sorgten?

Don Willy: Ja. Bischof Valerio Lazzeri ist ein sehr sensibler Mensch. Es ist möglich, dass ihn diese priesterlichen Fehltritte so stark belasteten, dass es ihm zu viel wurde. Einem Bischof sollte es jedoch klar sein, dass er in seinem Amt mit solchen Situationen konfrontiert werden kann.

«Ein Fall ist schon ein Fall zu viel.»

Warum gibt es im Bistum Lugano so viele Skandal-Priester?

Don Willy: Haben Sie sie gezählt? Wie viele sind es denn?

Drei oder vier.

Don Willy: Diese Fälle sind schlimm, sehr schlimm. Ein Fall ist schon ein Fall zu viel. Auch ein Vater, der sein Kind oder ein Lehrer der seine Schülerin missbraucht, ist ein Fall zu viel.

Eröffnung des synodalen Prozesses in der Kathedrale Lugano
Eröffnung des synodalen Prozesses in der Kathedrale Lugano

Ein Insider spricht davon, dass gewisse Gruppierungen im Tessin Druck auf den Bischof ausüben, um Entscheidungen zu beeinflussen. Stimmt das? 

Don Willy: Ich müsste wissen, welche Gruppierungen Sie meinen.

Ich möchte von Ihnen erfahren, ob es zutrifft.

Don Willy: Der Bischof ist wie ein Blitzableiter. Von allen Seiten treffen ihn Blitze. Ich glaube nicht, dass es in der Deutschschweiz anders ist. Im Gegenteil: Ihr habt diesbezüglich noch grössere Probleme. Bei uns haben das Bistum und die Priester immerhin eine ziemlich einheitliche Linie im Bereich der Doktrin und der Seelsorge, da gibt es keine starken Spannungen.

Bischof Valerio Lazzeri kann am 31. August 2022 wegen einer Covid-Erkrankung nicht vor Ort zu den Priestern seines Bistums sprechen.
Bischof Valerio Lazzeri kann am 31. August 2022 wegen einer Covid-Erkrankung nicht vor Ort zu den Priestern seines Bistums sprechen.

Laut dem Insider handelt es sich um das Opus Dei und die Bewegung «Comunione e Liberazione».

Don Willy: Es existieren Organisationen und Bewegungen mit ihrem je eigenen Charisma. Aber sie üben keinen Druck auf den Bischof aus. Das sind Märchen, Gerüchte.

«Schon immer haben die Bischöfe gern ihre Anwesenheit in der Diözese unterstützt.»

Sie selber engagieren sich bei «Comunione e Liberazione». Wie würden Sie persönlich die Rolle der Bewegung im Bistum umschreiben?

Don Willy: Ich gehöre zur kirchlichen Bewegung «Comunione e Liberazione». Im Bistum sind verschiedene kirchliche Organisationen und Bewegungen aktiv, und alle auf ihre Art und ihrem Charisma treu. Sie tragen Kostbares zum Leben der Diözese bei. Schon immer haben die Bischöfe gern ihre Anwesenheit in der Diözese unterstützt.

Priester des Bistums Lugano vor der Kathedrale Lugano, an ihrer Versammlung am 31. August 2022. Hinten, in der Mitte, der emeritierte Bischof Pier Giacomo Grampa.
Priester des Bistums Lugano vor der Kathedrale Lugano, an ihrer Versammlung am 31. August 2022. Hinten, in der Mitte, der emeritierte Bischof Pier Giacomo Grampa.

Vor welchen Herausforderungen steht das Bistum Lugano heute?

Don Willy: Es sind die Probleme der Kirche. In erster Linie muss der Glaube gestärkt werden. Wir haben immer noch nicht begriffen: Das Christentum, wie es noch vor 50 oder 70 Jahren war, existiert heute nicht mehr. Was es braucht, ist eine Erneuerung, die auf einem reifen und bewussten Glauben gründet. Kürzlich haben sich rund 130 Priester des Bistums versammelt, um sich genau mit diesem Thema zu befassen.

Als Administrator hat der Papst mit Weihbischof Alain de Raemy eine Person von ausserhalb des Bistums eingesetzt. Was könnte der Grund dafür sein?

Don Willy: Alain de Raemy arbeitete als Kaplan der Schweizergarde im Dienst des Heiligen Stuhls – sozusagen im Herzen der katholischen Kirche. Dort hat er gelernt, sich schwierigen Herausforderungen der kirchlichen Realität zu stellen. Ausserdem ist er mit der Tessiner Realität vertraut und spricht sehr gut italienisch. Er ist die ideale Person für die Übergangszeit, deren Dauer wir nicht kennen.

Weihbischof Alain de Raemy
Weihbischof Alain de Raemy

Warum wurde nicht der Generalvikar mit dieser Aufgabe betraut, der die Situation im Tessin noch besser kennt?

Don Willy: Der Generalvikar ist Priester und nicht Bischof. Wir brauchen einen Bischof. Kommt hinzu, dass eine Person von aussen unbefangen und freier an die Dinge herangehen kann.

«Wir Priester müssen zu uns selber Sorge tragen.»

Welches Profil sollte der künftige Bischof von Lugano mitbringen?

Don Willy: An der erwähnten Versammlung von Priestern haben wir drei Entwicklungslinien skizziert. Wir müssen erstens begreifen, dass wir es mit Menschen zu tun haben. Es geht nicht darum, irgendetwas zu verwalten. Wir Priester müssen auch zu uns selber Sorge tragen. Wir sind keine Arbeiter, die morgens um sieben mit der Arbeit beginnen und abends um sechs Feierabend machen: Wir haben eine Mission und eine besondere Beziehung zum Herrn, die wir pflegen müssen.

Zweitens stehen Menschen immer in Beziehung zu anderen Menschen. Auch diese Beziehungen müssen gepflegt werden. Wir sollten danach streben, eine Gemeinschaft von Gläubigen zu werden. Sehr wichtig ist drittens der von der Kirche gelebte Glaube. Nicht jeder soll seine eigene Kirche haben. Die Kirche gehört nicht uns, sondern Christus. Unser Ziel sollte sein, eine Kirche zu realisieren, wo man Christus begegnen kann. Allzu oft wird die Kirche als Ort der Machtausübung missbraucht. Ich wünsche mir einen Bischof, der uns hilft, die Kirche entlang dieser drei Linien zu entwickeln.

#Don Willy Volonté (68) heisst offiziell Ernesto William Volonté. 1973 wurde er im Bistum Lugano zum Priester geweiht. Er ist in der Diözese für die Familienseelsorge verantwortlich. Willy Volonté engagiert sich in der Bewegung «Comunione e Liberazione». Gegründet hat sie der Mailänder Priester Luigi Giussani.


Don Willy Volonté | © Screenshot Caritas Ticino
13. Oktober 2022 | 12:48
Lesezeit : ca. 4  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!