Sterbeforscherin über Benedikt XVI.: «Der Mensch stirbt anders, als er später gerichtet wird»
Die Sterbeforscherin Monika Renz hält es für möglich, dass «Herr, ich liebe dich» nicht Benedikts letzte Worte waren. Wahrscheinlich habe er noch Wortbrocken gestammelt – oder nonverbal zum Ausdruck gebracht. Der aufgebahrte Leichnam entspreche nicht dem Zustand, wie Benedikt gestorben sei.
Raphael Rauch
Am Mittwoch vor einer Woche ist Papst Franziskus an Benedikts Krankenbett geeilt. Drei Tage später, am Samstag, ist er um 9.34 Uhr gestorben. War das ein kurzer oder ein langer Sterbeprozess?
Monika Renz*: Es schien doch ein verhältnismässig kurzer Sterbeprozess gewesen zu sein. Und doch: so genau weiss man das nicht.
Der Vatikan hat das spirituelle Testament von Benedikt XVI. veröffentlicht. Wir wirkt das auf Sie?
Renz: Es wirkt auf mich etwas verkrampft: geschrieben von einem Menschen, der von Angst geprägt ist. Er will die Dinge noch in der Hand halten. Das Testament ist durchaus durchsetzt mit schönen Sätzen wie etwa der Bitte: «Betet für mich, damit der Herr mich trotz all meiner Sünden und Unzulänglichkeiten in die ewigen Wohnungen einlässt.» Und doch klingt seine Bitte anders, als wenn sein Nachfolger Franziskus spricht: «Betet für mich.» Wie viel von seinen Schattenseiten hat wohl Papst Benedikt zu diesem Zeitpunkt wirklich gefühlt? Wie sehr hatte er Gott zu diesem Zeitpunkt wirklich gespürt? Die unmittelbare Gotteserfahrung weitet in aller Regel das Herz.
Das Testament stammt aus dem Jahr 2006. Wäre das Testament anders ausgefallen, hätte Benedikt XVI. es erst in den letzten Jahren geschrieben?
Renz: Vermutlich wäre es etwas anders ausgefallen. Ich empfehle den Menschen stets, ihre Testamente – ob finanziell oder spirituell – alle paar Jahre zu überprüfen mit der Frage: «Entspricht es meinem Wesen und letzten Willen»? Manchmal werden solche überprüften Testamente kürzer, sachlicher, manchmal offener, betender. Und Glaubensbekenntnisse erhalten stärker den Charakter des Unbedingten – des eben erst Erfahrenen.
Was meinen Sie damit?
Renz: Etwas, was Aussenstehende vielleicht nur halb verstehen. Ein tiefgläubiger Politiker verfasste drei Wochen vor seinem Tod seine letzte Rede. Das Deuteronomium in der Bibel muss in dieser Art gelesen werden: Entstanden aus äusserster Krise und so als letztes Testament dem sterbenden Mose in den Mund gelegt. In dieser Würde hört man es nochmals anders: Man stelle sich vor, das in Bälde versterbende Vorbild würde einem stammelnd seine letzten Verheissungen mitgeben.
Wie bewerten Sie Benedikts letzte Worte «Herr, ich liebe dich»?
Renz: Die Worte sind sehr schön – es sind Worte eines Gläubigen! Sie ersetzen das spirituelle Testament – ich wüsste keine schöneren Satz. Hier hat Benedikt in die Bescheidenheit hineingefunden – als einfacher Mensch im Gegenüber des Höchsten. Allerdings frage ich mich als Sterbebegleiterin, ob das wirklich seine letzten Worte waren – oder ob er nicht noch weitere Worte unhörbar stammelte oder mit unmerklichen Gesten zum Ausdruck brachte, etwa Regungen der Ergriffenheit oder des Ja-Sagens.
«Öfters geschieht noch etwas in den letzten Stunden non-verbal oder in Gesten und Wortbrocken.»
Benedikt soll «Herr, ich liebe dich» um 3 Uhr morgens gesagt haben. Er starb gut sechs Stunden später, um 9.34 Uhr. Ist das typisch? Oder sterben manche Menschen unmittelbar nach ihren letzten Worten?
Renz: Wenige Menschen sterben unmittelbar nach solchen Worten. Ihre Worte wollen Zeugnis sein. Öfters geschieht noch etwas in den letzten Stunden non-verbal oder in Gesten und Wortbrocken, im Zusammensein mit einem lieben Menschen und doch – noch mehr – im Alleinsein. Ein inneres Offenwerden auf etwas hin. Ein Hineinfinden ins Ja. Ein Sprung ins Neue, ins Vertrauen. Ein «Stille werden» – stiller als die Stille, manchmal durch Unruhe hindurch. Ein Loslassen, vielleicht durch ein sogenanntes Sterberasseln und durch Atempausen hindurch, bis Körper und Seele reif sind. Ein Jetzt.
Der aufgebahrte Benedikt sieht ganz anders aus als die letzten Fotos des noch lebenden Benedikts. Liegt das an der Präparierung?
Renz: Der Mensch stirbt anders, als er später gerichtet wird. Jüngst war ich am Bett einer eben verstorbenen Frau: Sie war halb zur Seite gedreht, als würde sie sich nach etwas drehen – nach dem Eigentlichen. Ihre glatte Stirn sprach von grosser Ruhe, die Kieferstellung von einem Staunen. Die Pupillen der Augen waren ganz nach oben gerichtet, man sah förmlich, wie diese Frau hochschaute, hinübersah in etwas, das nur ihr offenbart wurde. Ich hatte die Chance, all dies ihren nahen Angehörigen zu zeigen – und sie waren ergriffen.
Und dann?
Renz: Danach wurde die Frau gerichtet, der Kiefer mit einer Spange hochgehalten, der Körper in eine gerade Position gebracht, die Augen wurden geschlossen. Sie war immer noch schön anzuschauen, man konnte einem Zerfall des Körpers der nächsten Tage so etwas vorbeugen. Aber sie war nicht mehr jene, als die sie gestorben ist. Sie war die Tote.
Schauen Sie sich das Requiem für Benedikt XVI. am Donnerstag im Fernsehen an?
Renz: Wohl kaum. Im Moment werde ich recht stark von den Patienten gebraucht.
* Monika Renz (61) ist promovierte Theologin und Psychologin sowie Musik- und Psychotherapeutin. Sie leitet seit 1998 die Psychoonkologie am Kantonsspital St. Gallen und zählt zu den Pionierinnen der Spiritual-Care-Bewegung. Sie ist Autorin des Bestsellers «Hinübergehen: Was beim Sterben geschieht». Zuletzt erschien von ihr die «Krankenbibel: Sich selbst und Gott finden» im Herder-Verlag.
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