Armut grassiert: 2024 verzeichneten die Caritas-Märkte einen traurigen Umsatzrekord.
Schweiz

So erfahren Caritas-Märkte von Nöten der armutsgefährdeten Personen

Die Caritas-Märkte ermöglichen Armutsbetroffenen, Güter des täglichen Bedarfs zu vergünstigten Preisen einzukaufen. «Das hilft ihnen, um mit ihrem knappen Budget leben zu können», sagt Livia Leykauf von Caritas Schweiz. Gewisse Lebensmittel sind seit den letzten Jahren stark gefragt.

Jacqueline Straub

Caritas Schweiz will Armut bekämpfen. Wie schafft sie das im Caritas-Markt?

Livia Leykauf*: In der Schweiz gibt es 23 Caritas-Märkte, in denen Armutsbetroffene gegen Vorweisen einer Berechtigungskarte Lebensmittel und andere Alltagsprodukte zu stark vergünstigten Preisen einkaufen. Dies können Menschen sein, die am oder unter dem Existenzminimum leben, Personen, die wirtschaftliche Sozialhilfe oder Ergänzungsleistungen zur AHV/IV beziehen, sich in einer Schuldensanierung befinden oder eine Kulturlegi besitzen.

«Sie kosten teilweise nur ein Zehntel des Originalpreises.»

Welche Produkte bieten Sie an? Welche nicht, und warum nicht?

Leykauf: Das Sortiment besteht aus Grundnahrungsmitteln, Frischprodukten, Hygieneartikeln und Produkten des täglichen Bedarfs. Eine sehr grosse Nachfrage gibt es bei Früchten und Gemüse. Darüber hinaus haben wir auch saisonale Angebote, derzeit zum Beispiel Schultheke und Schreibwaren. Sie kosten teilweise nur ein Zehntel des Originalpreises.

Welche Produkte findet man im Caritas-Markt nicht?

Leykauf: Alkohol und Raucherwaren gibt es in unserem Sortiment nicht.

Wie hier im Caritas-Markt in Will sind Obst und Gemüse besonders günstig und besonders gefragt.
Wie hier im Caritas-Markt in Will sind Obst und Gemüse besonders günstig und besonders gefragt.

Wie sieht die Preisgestaltung im Caritas-Markt aus?

Leykauf: Wir legen Wert darauf, dass Grundnahrungsmittel – etwa Mehl, Zucker, Eier oder Olivenöl – günstig sind. Früchte und Gemüse bieten wir unter den Selbstkostenpreisen an. Quersubventionierungen einzelner Produktgruppen sind möglich, weil wir zu guten Konditionen einkaufen oder Gratisprodukte von Lieferanten und Produzenten bekommen.

Hat sich das Bedürfnis der Kundschaft an Produkten in den vergangenen fünf Jahren verändert?

Leykauf: Die Nachfrage nach günstigen Grundlebensmitteln sowie Früchten und Gemüse ist in den vergangenen Jahren grösser geworden. Dies dürfte an der Teuerung liegen: Die Preise für diese Produkte sind in den regulären Supermärkten deutlich gestiegen. Es sind die lebensnotwendigen Produkte, die immer stärker gefragt sind.  

«Die Caritas macht auf die zunehmende Armut in der Schweiz aufmerksam.»

Was denken Sie, bewirkt solch ein Caritas-Markt langfristig bei den armutsbetroffenen Menschen?

Leykauf: Die Caritas-Märkte ermöglichen Armutsbetroffenen, Güter des täglichen Bedarfs zu vergünstigten Preisen einzukaufen. Das hilft ihnen, um mit ihrem knappen Budget leben zu können. Um strukturell etwas zu bewirken, ist es darüber hinaus wichtig, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu fördern und Handlungsspielräume für Armutsbetroffene zu schaffen. Gleichzeitig macht Caritas auf die zunehmende Armut in der Schweiz aufmerksam und setzt sich für politische Rahmenbedingungen ein, die zu einer Beseitigung der Armut beitragen. In unseren Märkten erfahren wir sehr früh und aus erster Hand, was die Nöte und Anliegen von armutsgefährdeten Personen sind.

Armutsbetroffene beim Einkauf im Caritas-Markt
Armutsbetroffene beim Einkauf im Caritas-Markt

Welche Menschen kommen in den Caritas-Markt?

Leykauf: Wir verzeichnen einen wachsenden Zulauf von Working Poor, also Menschen, die trotz Arbeit von Armut betroffen sind, und von Alleinerziehenden. Auch ältere Menschen mit sehr engem finanziellem Spielraum kaufen vermehrt bei uns ein.   

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Wie begegnet Ihnen konkret Armut im Caritas-Markt?

Leykauf: Wir nehmen wahr, wie sehr die steigenden Kosten die Menschen mit knappem Budget treffen. Nicht nur Lebensmittel werden teurer, sondern auch die Krankenkassenprämien oder Mieten. Viele Menschen wissen nicht mehr, wie sie über die Runden kommen und die Ausgaben des täglichen Lebens stemmen sollen.

Carla-Läden der Caritas in Bern, Emmen und Solothurn
Carla-Läden der Caritas in Bern, Emmen und Solothurn

Stimmt es, dass Kleider-Caritas-Läden inzwischen weniger stark gefragt sind? Woran könnte das liegen?

Leykauf: In den Caritas-Märkten verkaufen wir ausschliesslich Lebensmittel und Artikel des täglichen Bedarfs. Gebrauchte Kleider oder Möbel und ausgefallene Einzelstücke zu günstigen Preisen findet man in den Secondhand-Läden von Caritas, die allen offenstehen. Dass diese Läden nach wie vor sehr beliebt sind, liegt auch am Umweltbewusstsein, also dem Trend: Wiederverwerten statt Wegwerden.

* Livia Leykauf leitet die Kommunikation von Caritas Schweiz.


Armut grassiert: 2024 verzeichneten die Caritas-Märkte einen traurigen Umsatzrekord. | © Conradin Frei / Caritas
25. August 2024 | 12:00
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