Schweiz

Sind religiöse Jugend-Events nachhaltig? Eine unmögliche Frage

Zürich, 27.9.17 (kath.ch) Weltjugendtag (WJT) und Taizé-Treffen locken Tausende von Jugendlichen an. Aber im Gemeindegottesdienst am Sonntagvormittag sieht man dann doch wieder nur die grauen Häupter. Sind diese Grossanlässe also für die Katz? kath.ch hat vier Personen zur Nachhaltigkeit von religiösen Jugend-Events befragt. Die Antworten zeigen: Es gibt mehr als ein Kriterium für Nachhaltigkeit.

Barbara Ludwig

Viktor Diethelm (43) schmunzelt zunächst, als er die Frage der Journalistin hört. «In einer Lebensphase, in der Umbruch auf Umbruch stattfindet, nach einer Nachhaltigkeit zu suchen, die sich messen lässt, ist extrem schwierig.» Man müsste die Menschen später, im Alter von 35 oder 40 Jahren fragen, welches wichtige Meilensteine in ihrer Glaubensbiographie waren, findet der Leiter der Deutschschweizer Fachstelle für offene kirchliche Jugendarbeit (OKJ) in Luzern.

Priska Filliger Koller (50) von der Fachstelle Kirchliche Jugendarbeit im Bistum St. Gallen (Daju) fragt sich ebenfalls, wie Nachhaltigkeit gemessen werden kann, und auch, «wer den Massstab anlegt und definiert, was nachhaltig sein soll». Ist es das Engagement in der Pfarrei, das auf die Teilnahme an Events folgt? Ist es ein innerliches Geschehen, eine Weiterentwicklung der Persönlichkeit?

Nur Spekulationen möglich

Und Eugen Trost (59), Dozent für kirchliche Jugendarbeit am Religionspädagogischen Institut (RPI) in Luzern, stellt ganz lapidar fest: «Im Moment bewegt man sich hier im Bereich der Spekulation. Es gibt noch keine historischen Erfahrungszahlen.»

Jean-Marie Duvoisin | © zVg

Jean-Marie Duvoisin (39) findet, man könne keine generelle Aussage zur Nachhaltigkeit von Grossanlässen machen. Der Ostschweizer war von 2001 bis 2014 in der Organisation des Weltjugendtages tätig. Er hat aber einige Beobachtungen gemacht. «Es gibt junge Leute, die sich nach dem Besuch des WJT stärker in der Pfarrei engagieren oder in Gruppen, die nicht an eine Pfarrei gebunden sind.» Das Engagement in Pfarreien komme dabei seltener vor. «In der Regel ist es in einer Gruppe.» Dann kenne er Personen, die durch den WJT den Glauben ganz neu entdeckten oder eine «Kehrtwende» in ihrem Leben erlebten.

Was soll kirchliche Jugendarbeit?

Wer nach der Nachhaltigkeit der Events fragt oder eine solche einfordert, hat Erwartungen an die kirchliche Jugendarbeit. Priska Filliger Koller macht darauf aufmerksam, dass hinter solchen Erwartungen «mentale Modelle» stecken. Beim Modell «Nachwuchssicherung» etwa soll die kirchliche Jugendarbeit einen Beitrag an eine aktive Pfarrei leisten, erklärt die Fachfrau.

Wer sich wünscht, dass die Jugendlichen einen Bezug zum Kern des christlichen Glaubens erhalten, vertritt das Modell «Bindung an Jesus Christus». «Die kirchliche Jugendarbeit wird hier als Chance für eine bekennende Kirche betrachtet.»

Ein drittes Modell setzt auf «Wegbegleitung und Präsenz». Hier wolle die Jugendarbeit die jungen Menschen auf ihrem Weg begleiten und «in ihren Brennpunkten für sie da sein».

Priska Filliger Koller | © zVg

Wir sagen nicht, nur dieses oder jenes ist katholisch.

Filliger Koller sagt von sich, sie vertrete das dritte Modell, habe aber auch Anteile an den beiden anderen Modellen. «Ich habe ein klares Profil, sehe aber die Vielfalt, die ich auch wertschätze.» Die Fachfrau spricht sich vehement für die Anerkennung dieser Vielfalt aus. Etwas, das sie aktuell in den kontroversen Diskussionen um die kirchliche Jugendarbeit vermisst.

Plädoyer für die Vielfalt

Anerkennung der Vielfalt: Das gilt für die Fachstelle im Bistum St. Gallen auch für die verschiedenen Bereiche der Jugendarbeit. Filliger Koller, selber eine Jubla-Frau, zählt insgesamt sechs «Praxisfelder» auf. Das sind nebst Einzelgesprächen und der Bildung die verbandliche Jugendarbeit und die offene Jugendarbeit, aber auch die religiösen Gemeinschaften und Bewegungen wie Adoray und Weltjugendtag. «Wir sagen nicht, es darf nur das eine geben, oder nur dieses oder jenes ist katholisch. Es braucht die ganze Vielfalt, weil die Jugendlichen unterschiedlich und vielfältig sind.»

Viktor Diethelm | © zVg

Auch Viktor Diethelm ist gegen ein Entweder Oder. Man könne in der Jugendarbeit nicht einfach nur auf die grossen Events setzen. Aber auch die lokale oder regionale Jugendarbeit für sich alleine genügten nicht. Es brauche beides, sagt der Leiter der Deutschschweizer Fachstelle für offene kirchliche Jugendarbeit.

«Grosse Events schaffen eine Aufbruchstimmung. Aber das muss nachher aufgefangen werden auf lokaler Ebene. Die Jugendlichen sollten das Erlebte auch in ihrem Alltag weiterführen können.» Aus seiner Sicht gibt es allerdings noch viel Potential für Kooperationen zwischen Grossanlässen und lokaler oder regionaler kirchlicher Jugendarbeit.

Bindung führt zu Nachhaltigkeit

Eugen Trost geht davon aus, dass der «Nachhaltigkeitswert» der Grossevents für die Pfarreien derzeit «relativ gering» ist. Denn: «Die grosse Problematik der Eventsgottesdienste ist schlichtweg, dass sie nicht pfarreilich eingebunden sind.» Allerdings schliesst der RPI-Dozent eine längerfristige Nachhaltigkeit nicht aus. Im Gegenteil. Es sei durchaus möglich, dass sich Menschen, die heute als Jugendliche Eventgottesdienste besuchen, später, wenn sie selber Kinder haben, in einer Pfarrei engagieren.

Niemand ist in kirchlichen Gremien tätig, der nicht selber eine positive Erfahrung in der Jugendarbeit gemacht hat.

Eugen Trost | © zVg

«Heute ist fast niemand in kirchlichen Gremien tätig, der nicht selber eine positive Erfahrung in der Jugendarbeit gemacht hat. Das gilt aber nicht nur für Eventangebote, das gilt grundsätzlich für die gesamte kirchliche Jugendarbeit.» Aber eben: Aus Sicht von Trost wirken Erfahrungen mit kirchlicher Jugendarbeit nachhaltiger, wenn die Gruppierungen in eine Pfarrei oder einen Seelsorgeverband eingebettet sind. «Dann bindet es mehr.» Bei Jungwacht Blauring, der Pfadi und offenen Jugendtreffs sei das direkt spürbar.

Jean-Marie Duvoisin kann als Beispiel genannt werden für jemand, bei dem sich die langjährigen Erfahrungen mit dem Weltjugendtag als nachhaltig erweisen. Auf verschiedenen Ebenen. Zum einen arbeitet Duvoisin im Wallfahrtsbüro des Klosters Einsiedeln. Zum andern hat er zusammen mit seiner Frau ein Angebot für eucharistische Anbetung aufgebaut. In der Pfarrei Einsiedeln, wo er mit seiner Familie wohnt und auch den Sonntagsgottesdienst besucht. Er sagt, dieses Engagement sei zwar «keine direkte Frucht» des WJT. Aber die eucharistische Anbetung sei für ihn durch den Weltjugendtag und den dort erlebten Glauben wichtig geworden.

Auch Ältere ohne Beziehung zur Pfarrei

Duvoisin stellt aber kritische Fragen zum Kriterium der pfarreilichen Beheimatung als Gradmesser für Nachhaltigkeit. «Ich weiss nicht, wie viele Menschen, auch ältere, wirklich in einer Pfarrei beheimatet sind oder sich dort stark engagieren.» Heute sei man viel mobiler als noch die Generation seiner Eltern. Viele Leute, die sich beim Wallfahrtsbüro melden, hätten keine Beziehung zu ihrer Pfarrei. Sie orientierten sich an geistlichen Zentren.

Viele Leute orientieren sich an geistlichen Zentren.

Dass Events für Pfarreien womöglich nicht nachhaltig wirkten, sieht der Weltjugendtag-Veteran «nicht negativ», wenn an anderen Orten etwas wachsen könne. «Wichtig finde ich in erster Linie, dass die jungen Leute die Möglichkeit haben, den Glauben gemeinsam zu leben.»

Hinweis: Dieser Beitrag ist Teil eines Schwerpunktes zum Thema «Jugendpastoral». Bereits erschienen ist ein erster Artikel. Ein Gastkommentar des Deutschschweizer Jugendbischofs Marian Eleganti wird die Serie abschliessen. Die Schweizerische Kirchenzeitung hat vor kurzem eine Ausgabe dem Thema «Jugendpastoral» gewidmet.


Weltjugendtag in Krakau 2016: Begeisterte Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Schlussgottesdienst | © KNA
27. September 2017 | 11:00
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