Schweiz

«Die Kirche muss die Jugend mehr befragen»

Zürich, 24.9.17 (kath.ch) Läuft in der Seelsorge für Jugendliche alles zum Besten? Nein, absolut nicht. Drei Fachleute berichten kath.ch, was sie in der Jugendpastoral und der kirchlichen Jugendarbeit, einem Teilbereich der Jugendpastoral, vermissen. Mehr Anerkennung, mehr Professionalität oder ein stärkerer Einbezug der Jungen sind Stichworte. Die Fachleute formulieren aber auch ihre Anliegen in Bezug auf die kirchliche Jugendarbeit.

Barbara Ludwig

Priska Filliger Koller (50) von der Fachstelle Kirchliche Jugendarbeit im Bistum St. Gallen (Daju) findet, es würden nicht genügend zeitliche und personelle Ressourcen für diesen Bereich zur Verfügung gestellt. Bei Vakanzen oder Finanzknappheit werde die Jugendarbeit «schnell gestrichen», bedauert sie. «Es fehlt das Bewusstsein für die Wichtigkeit der Jugendarbeit.» Hie und da stört sie sich aber auch daran, dass das riesige Engagement Jugendlicher zu wenig anerkannt werde. In der Gesellschaft – und in der Kirche.

Da fehlt aus meiner Sicht die Anerkennung der Vielfalt in der Jugendarbeit.

Manchmal erlebt Filliger Koller Kirchenverwaltungen, die davon ausgehen, nur «klassische Jugendgottesdienste» liefen unter dem Stichwort «Jugendarbeit», und die dabei übersehen, was etwa Jungwacht und Blauring leisten. «Da fehlt aus meiner Sicht die Anerkennung der Vielfalt in der Jugendarbeit.»

Es braucht mehr Professionalität

Viktor Diethelm | © zVg

In eine ähnliche Richtung geht die Kritik von Viktor Diethelm (43). Werde die Jugend als wichtige Zielgruppe bezeichnet, sei das oft nur ein «Lippenbekenntnis». «Gleichzeitig werden dort die ersten Opfer erbracht, wenn gespart werden muss», sagt der Leiter der Deutschschweizer Fachstelle für offene kirchliche Jugendarbeit (OKJ) in Luzern. Ihm fehle in der Gesamtpastoral das Bewusstsein dafür, dass «Jugendpastoral einer der elementaren Grundaufträge jeder Kirchgemeinde ist». Diethelm sieht die Umstände, unter denen heute kirchliche Jugendarbeit geleistet wird, als Beleg für den mangelnden Stellenwert der Jugendpastoral. Statt den Angestellten 10 bis 20 Stellenprozente für Jugendarbeit zuzuweisen, wäre es sinnvoller, Stellen zu schaffen, die diesen Bereich als Arbeitsschwerpunkt hätten, findet er. Auf diese Weise liessen sich eine hohe Qualität und mehr Professionalität erreichen.

Freie Jugendarbeit verschwindet

Eugen Trost | © zVg

Radikaler in der Kritik der aktuellen Situation zeigt sich Eugen Trost (59). Die meisten Gemeinden hätten ihr Angebot zurückgeschraubt und auf das Konzept «Firmungsprojekt 17 plus» reduziert, so der Dozent für kirchliche Jugendarbeit am Religionspädagogischen Institut (RPI) in Luzern. «Jugendarbeit im freiwilligen Bereich, der auch zur Jugendpastoral gehört, findet sehr oft nicht mehr statt», beobachtet Trost. Dies habe mit fehlenden Personalressourcen zu tun und gelte für die ganze Deutschschweiz. Was noch funktioniere, sei die verbandliche Jugendarbeit, wie sie etwa von Jungwacht und Blauring praktiziert wird. Aber: Firmpastoral und verbandliche Jugendarbeit genügten nicht. «Es fehlt der Zugang zu den Jugendlichen, die sich informell der Thematik nähern wollen, ohne eine Verbindlichkeit einzugehen, und die das freie Treffen erleben wollen.»

In den Pastoralkonzeptionen der Bistümer sei die Jugendarbeit sehr wohl vorgesehen, sagt der Dozent weiter. Wegen der laufenden Reorganisation der Seelsorgestrukturen drohe der Bereich, ebenso wie die Familienpastoral, jedoch unterzugehen. «Wir finden uns heute in einer Phase der Neuerfindung der Pfarreikonzeptionen.» In dieser Übergangsphase müsse sich die Seelsorge neu organisieren und überlegen, wie man die verbleibenden Ressourcen vernünftig einsetze.

Seelsorge für unbegleitete minderjährige Asylsuchende

Priska Filliger Koller | © zVg

Die Fachleute haben aber auch Vorstellungen zur Weiterentwicklung von Jugendpastoral und Jugendarbeit. So wünscht sich Priska Filliger Koller eine thematische Ausweitung der kirchlichen Jugendarbeit. Die Kirche sollte sich zum Beispiel auch um die unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden kümmern. «Ihre Präsenz in der Schweiz ist eine aktuelle Anfrage an die kirchliche Jugendarbeit», ist die Fachfrau überzeugt. Sie wirbt auch für die Idee, begleitete Auslandeinsätze für Jugendliche und junge Erwachsene anzubieten. Mehrmonatige Einsätze sollten den Jugendlichen erlauben, die Welt, die Menschen und sich selber sowie «ein anderes Kirche-Sein» zu entdecken, «statt nur als Touristen herumzureisen».

Es kann nicht sein, dass wir Jugendliche brauchen, damit sie unsere Kirche weiterführen.

Viktor Diethelm geht es um einen Wechsel der Perspektive. Er plädiert dafür, die Jugendlichen viel stärker als Teil der Kirche anzuerkennen und ihnen Ressourcen zur Verfügung zu stellen. «Sie haben das Recht, ihre Formen von Glauben, von Gemeinschaft und von Kirche zu leben. Wir Erwachsene müssen uns damit auseinandersetzen. Es kann nicht sein, dass wir Jugendliche brauchen, damit sie unsere Kirche weiterführen.» Vielmehr müsse man mit den Jugendlichen zusammen die künftige Kirche entwerfen.

Diethelm begrüsst deshalb die Umfrage des Vatikans zur Vorbereitung auf die nächste Bischofssynode, die sich im Oktober 2018 dem Thema «Jugend» widmen wird. «Was junge Menschen in der künftigen Kirche brauchen, können wir nur von ihnen erfahren, nicht über langes Nachdenken. Wir müssen die Jugend mehr befragen!»

Jugendliche «Apostel»

Auf diese Weise könnten die Jungen selber zu Protagonisten der Jugendpastoral werden. Wenn die Gefirmten tatsächlich die «besten Apostel» für ihre Altersgruppe sind – wie es das Zweite Vatikanische Konzil sage -, «müssen wir sie mehr zu Protagonisten der Jugendarbeit und -pastoral machen», fordert Diethelm.

 

Hinweis: Dieser Beitrag ist Teil eines Schwerpunktes zum Thema «Jugendpastoral». Zu einem späteren Zeitpunkt publiziert kath.ch einen weiteren Artikel zur Frage der Nachhaltigkeit religiöser Jugend-Events. Ein Gastkommentar des Deutschschweizer Jugendbischofs Marian Eleganti wird die Serie abschliessen.

Sommerlager von Jungwacht Blauring | © Jubla
24. September 2017 | 08:00
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