Seid fruchtbar und mehret euch – auch mit künstlicher Befruchtung
Die Journalistin Christine Mo Costabella erhält den katholischen Medienpreis. Ausgezeichnet wird sie für ihre Serie zum Thema Unfruchtbarkeit. Die Serie zeigt, wie gross der Leidensdruck unfruchtbarer Paare ist – und wie dröhnend das Schweigen der Kirche. Ein Kommentar.
Annalena Müller
Seid fruchtbar und mehret euch, heisst es in der Genesis. Was aber, wenn es mit der Schwangerschaft nicht klappen will? Die Journalistin Christine Mo Costabella hat in einer Serie Paare mit unerfülltem Kinderwunsch begleitet. Für ihre Porträts von Menschen, die sich im Spanungsfeld von Lehrmeinung und Fortpflanzungsmedizin zurechtfinden müssen, erhält Costabella am Mittwochabend den katholischen Medienpreis.
Verzweifelte Paare, schweigende Kirche
Bleibt der Kinderwunsch unerfüllt, wächst die Verzweiflung. Es erscheint naheliegend, dass sich gläubige Paare in einer solchen Situation an die Kirche wenden. Aber die Bistümer Sitten und LGF bieten keine adäquate Pastoral. Und auch die Webseiten der Deutschschweizer Bistümer schweigen zum Thema unerfüllter Kinderwunsch.
Das ist unverständlich. Da gerade die (umstrittene) Lehrmeinung zu Sexualität und Fortpflanzung katholische Paare vor besondere Herausforderungen stellt.
Die Bibel thematisiert Unfruchtbarkeit und Leihmutterschaft
Kinderlose Paare stehen vor einem Dilemma. Die moderne Medizin verspricht Lösungen. Die Kirche aber lehnt diese Lösungen als Eingriff in die Schöpfung ab. Und sie lässt die Menschen allein, die sich Kinder wünschen, aber bei denen es auf «natürlichem Wege» nicht klappt.
Dabei ist das Thema unerfüllter Kinderwunsch durchaus ein Biblisches. Stichwort: Sarah und Abraham. Und die Bibel berichtet auch von der Lösung, welche die Erzeltern für ihr Problem fanden. Hagar war de facto eine Leihmutter. Es liessen sich also durchaus Argumente finden, mittels derer man Fortpflanzungsmedizin katholisieren könnte. Und auch Josef war nicht Jesu leiblicher Vater.
Keine Erfolgsgarantie
Die moderne Medizin bietet verschiedene Möglichkeiten, einer Schwangerschaft nachzuhelfen. Aber diese Methoden sind nicht unproblematisch: Frauen müssen Hormone nehmen, die mit psychischen und auch physischen Nebenwirkungen einhergehen können. In nur 40 Prozent der Fälle führt eine Hormonbehandlung zu einer Schwangerschaft.
Die ultima ratio ist die Eizellenspende. Das ist quasi eine umgekehrte Leihmutterschaft. Ein mit einer Eizellenspende ausgetragenes Kind verfügt über keine biologische Verwandtschaft zu der Frau, die es gebiert. Auch hier gibt es keine medizinische Erfolgsgarantie. Denn eine gespendete Eizelle muss zunächst in-vitro befruchtet werden und sich dann in der Gebärmutterschleimhaut einnisten. Das gelingt nicht immer.
Fortpflanzungsmedizin nicht verteufeln
Man kann sich natürlich hinter theologischen Argumenten verstecken. Und sagen, dass die Kirche Paare daher nicht pastoral unterstützen müsse, weil sie die Fortpflanzungsmedizin ablehne. Aber das verkennt die gesellschaftliche Realität, in welcher Fortpflanzungsmedizin gegenwärtig ist. Nur weil man etwas nicht mag, kann man nicht so tun, als existiere es nicht. Das ist weltfremd. Und es ist der pastoralen Fürsorgepflicht unwürdig.
Auch macht man es sich mit dem Standpunkt zu leicht, Fortpflanzungsmedizin als unbiblischen Eingriff in die Schöpfung rundherum abzulehnen. Siehe Sarah, Abraham und Hagar. Und dank Fortpflanzungsmedizin muss man nicht mehr auf Sklavinnen zurückgreifen. Das ist eine Technik, die Sarah sicherlich gerne zur Verfügung gehabt hätte. Und auch Hagar wäre viel erspart geblieben.
Eine Kirche an der Seite der Menschen
Die Kirche muss sich gesellschaftlichen Realitäten stellen. Und gerade beim Thema Kinderwunsch darf sie die Menschen nicht alleine lassen. Sie sollte eine Anlaufstelle sein, an der wissend aufgeklärt wird – über Möglichkeiten und über Gefahren. Menschen, die Rat und Halt suchen, dürfen nicht schweigende Webseiten, sondern offene Türen finden.
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