Theologie konkret

«Schweizer Kirche am Abgrund»? Was Theologen zehn Jahre nach dem Memorandum sagen

Kirchenkrise, Gotteskrise – oder beides? Vor zehn Jahren haben mehr als 300 Theologinnen und Theologen Reformen in der katholischen Kirche gefordert – in einem Memorandum. Wo sehen Schweizer Professorinnen und Professoren die Kirche heute, zehn Jahre später?

Raphael Rauch

«Die Kirche hat sich kaum bewegt in den letzten zehn Jahren», sagt Helen Schüngel-Straumann (80). Sie ist emeritierte Professorin für Altes Testament der Uni Kassel. Zwar sei die Schweiz mit Frauen als Gemeindeleiterinnen vergleichsweise fortschrittlich. Doch dieses Modell ende an der Landesgrenze.

Helen Schüngel-Straumann in der Sendung "Sternstunden Religion"

Unter Papst Franziskus sei es «nicht viel besser geworden. Anfangs hat man grosse Hoffnungen auf Papst Franziskus gesetzt. Aber gegen die Betonköpfe im Vatikan kommt er nicht an.»

«Die Probleme haben sich verschärft»

Stephanie Klein (64) ist Pastoraltheologin an der Uni Luzern. Sie findet: «Die Kirche hat ihren eingeschlagenen Weg fortgesetzt, was zu einer Verschärfung der damals angemahnten Probleme geführt hat.»

Stephanie Klein, Pastoraltheologin

Klein kritisiert, dass die Pastoral «an den Grossräumen und an Zielgruppen» ausgerichtet wurde. «Was aber ist mit den Menschen jenseits der Zielgruppen?», fragt die Professorin. «Die klerikalen Strukturen haben sich verschärft. Die volle Teilhabe der Gläubigen ist auch heute strukturell nicht verankert.»

Forderung: Männer sollen sich mit Frauen solidarisieren

Den letzten zehn Jahren stellt Klein ein negatives Zeugnis aus: «Der strukturelle, patriarchalische und klerikalistische Boden für sexuellen und spirituellen Machtmissbrauch ist nicht nur unangetastet geblieben, sondern hat sich auch noch besser abgepolstert.»

Veronika Jehle (blaue Mütze) und Nadja Eigenmann (rote Mütze)

Auf die Frage, welchen Schritt die Schweiz nun brauche, antwortet die Pastoraltheologin: Männer sollten sich mit den Frauen solidarisieren und eine Streikwoche in der Kirche durchführen: «Insbesondere in jenen Bistümern, in denen nichts in Richtung Teilhabe von Frauen geschieht.»

Kirchenrecht «kreativ ausschöpfen»

Die Bistumsverantwortlichen sollten «alle Möglichkeiten des Kirchenrechts kreativ ausschöpfen». Und Männer sollten sich weigern, sich zu Diakonen oder Priestern weihen zu lassen – als Zeichen der Solidarität gegenüber Frauen.

«Die Kirche kann ihre Fehler öffentlich eingestehen und bereuen, was der Beginn einer Umkehr, eines neuen Handelns und einer neuen Glaubwürdigkeit werden könnte», sagt die Professorin.

Erosion der Kirche mit «rasantem Ausmass»

Klein wünscht sich «geschwisterliche Strukturen der Kirche, die die gottgegebene Gleichheit und Würde aller Gläubigen und aller Menschen sichtbar machen». So könne die Kirche Glaubwürdigkeit bei den Gläubigen und in der Gesellschaft zurückgewinnen und zum Aufbau einer gerechten Welt beitragen.

Albert Gasser

Albert Gasser (83) ist emeritierter Professor für Kirchengeschichte der Theologischen Hochschule Chur. Zehn Jahre nach dem Memorandum findet er, die Erosion der Kirche habe «rasante Ausmasse angenommen».

Guter Stil von Papst Franziskus

Mit Sorge beobachtet Gasser die Kirchenaustritte. Damit meint er nicht nur die formalen Austritte, sondern auch «das stille Verschwinden aus dem kirchlichen und gottesdienstlichen Leben, vor allem der älteren Generationen». Und die junge Generation werde «grossenteils nicht mehr kirchlich sozialisiert. Die kirchliche Beheimatung ist vielen verloren gegangen», sagt der Professor.

Papst Franziskus liess 2018 in Bari eine weisse Taube fliegen.

Gasser freut sich über den «neuen guten Stil» von Papst Franziskus: «Er kündigt Vieles an, kritisiert die vatikanischen Strukturen, sogar scharf, aber bringt keine effiziente Reform zustande. Wenn es etwa heisst, er habe zu grossen Widerstand, überzeugt das nicht. Der Papst hätte genau die Vollmacht dazu.»

Mitglieder- und Plausibilitätsverlust

Gasser setzt nun auf die Vitalität, die es an der Basis nach wie vor gebe: «Die Hierarchie hat die Gewalt über die Gewissen verloren.» Und als Priester des Bistums Chur hofft er auf einen «spirituellen und effektiv pastoralen Bischof als Brückenbauer».

Anton Bucher (60) ist Professor für Praktische Theologie an der Uni Salzburg. «In den nächsten zehn Jahren wird der Mitglieder- und Plausibilitätsverlust der Kirche weitergehen», ist Bucher überzeugt. «Im Corona-Jahr 2020 bestätigte sich ein altbekanntes Sprichwort nicht: Not lehrt beten. Trotz der mannigfaltigen Bedrohungen – gesundheitlich, wirtschaftlich, sozial, psychisch – kehrten mehr Menschen der Kirche den Rücken.»

«Konservativ-fundamentalistische Nischen bleiben stabil»

Was Bucher mit Sorge beobachtet: «Am ehesten stabil bleiben konservativ-fundamentalistische Nischen, heilige Reste mit einer starken inneren Kohäsion.»

Anton Bucher

Lichtblicke sieht Bucher dank Papst Franziskus. «Das Klima ist besser geworden. Nennenswerte Reformschritte sind aber nicht erfolgt: kein Diakonat der Frau, kein Diskurs über die Freigabe des Zölibats, ausgenommen die Synode in Brasilien.»

Amoris Laetitia und Ökologie

Besonders dankbar ist Bucher dem Papst für die Enzyklika Amoris Laetitia, die unter anderem Geschiedenen hilft, die erneut heiraten wollen. Auch begrüsst Bucher Franziskus’ Option für die Ökologie.

Zwei junge Frauen der Gemeinschaft der Rikebaktsa, Brasilien.

Ansonsten fällt Buchers Bilanz zehn Jahre nach dem Memorandum negativ aus. «Deutlicher geworden ist in den letzten Jahren, wie gespalten und zerrissen die Kurie ist. Leider kommen nach wie vor finanzielle Ungereimtheiten zu Tage und die Vertuschung von Missbrauchsfällen.»

Transparenz, Glaubwürdigkeit, Wertschätzung und Toleranz

Während die Kirche in Europa im Sinkflug sei, wachse sie im Süden. «Ich hätte Verständnis, wenn sich der Vatikan weit stärker der dortigen Kirche zuwendet und die hiesige als peripher betrachtet – abgesehen von den finanziellen Aspekten.»

Die "Credit Suisse" am Zürcher Paradeplatz ist Teil einer Finanzaffäre.

Bucher begrüsst synodale Dialogprozesse, beobachtet aber Ermüdungserscheinungen. Die Menschen hätten das Gefühl: «Es ändert sich ja eh nichts.» Wichtig seien vor allem «Transparenz, Glaubwürdigkeit, Wertschätzung und Toleranz».

«Schweizer Kirche am Abgrund»

Düster ist die Einschätzung von Peter Eicher (78). «Ich sehe die Schweizer Kirche am Abgrund», sagt der emeritierte Professor für Systematische Theologie der Uni Paderborn. Zwar sieht er Hoffnungsschimmer unter Papst Franziskus. Aber: «Der Schein, es sei irgend etwas besser geworden, trügt. Schauen wir uns nur den Missbrauchsskandal, die Vatikan-Finanzen oder die knallhart klerikal unterdrückten Frauen an.»

Peter Eicher

Mehr noch: In den letzten zehn Jahren sei die Situation schlechter geworden, sagt Peter Eicher: «Die Laien werden deklassiert. Die Theologie wird dogmatisch verengt. Jede Erneuerung wird unterdrückt. Missbrauch wird nach wie vor vertuscht.»

Empfehlung: aus der Kirche austreten

Der frühere Professor der Uni Paderborn sieht im Finanz-Skandal des Vatikans eine «Finanzheuchelei im allergrössten Stil». Besonders stossend findet er, wie sämtliche Reformbewegungen nach dem II. Vatikanischen Konzil kaputt gemacht würden: «In der Kirche herrscht klerikaler Grössenwahn», sagt Eicher. «Die Befreiungstheologie, die feministischen Theologien und die religionswissenschaftlichen Theologien wurden zerstört.»

Weihbischof Marian Eleganti (links) und Bischof Peter Bürcher beim Einzug in die Kirche Altdorf.

Vor dem Hintergrund dieser düsteren Diagnose steht für Eicher die Konsequenz fest: «Die Menschen sollten aus der Kirche austreten, ihr widerstehen, sie analytisch klar kritisieren.» Die «Wichtigtuerei mit Dogmatismus und rückständigem Moralismus» solle ignoriert werden.

«Extrem klerikalisierte römisch-katholische Hierarchie der Schweiz»

Peter Eicher ist empört: «Diese Art von Kirche ist in Europa zu Ende gekommen. In Brasilien bricht der Schein der grössten Kirche in der Welt völlig zusammen. In Afrika breitet sich ein Dogmatismus, Moralismus und eine liturgische Grosstuerei aus, die für Europas Christenheit in der Zukunft das Schlimmste erwarten lässt.»

Die Schweizer Bischofskonferenz

Auch kritisiert Eicher die «extrem klerikalisierte römisch-katholische Hierarchie der Schweiz und den römischen Teil des Katholizismus. Die klerikale Hierarchie hat nicht das Recht, sich selbst mit Kirche gleichzusetzten.»

Warum Eicher nicht aus der Kirche austritt

Trotz allem liebt Eicher seine Kirche. Zwar legt er anderen den Kirchenaustritt nahe. Er selbst wolle diesen Schritt aber nicht gehen: «Ich kann nicht aus der Kirche austreten, ohne meine Aufgabe in ihr zu verraten. Ich erlebe jedoch, dass es für sehr viele Mitglieder der römisch-katholischen Kirche eine grosse Befreiung sein kann, den üblichen Kirchenaustritt zu vollziehen.»

Allianz "Es reicht" an einer Strassenaktion in Chur

Katholikinnen und Katholiken seien nicht verpflichtet, «innerhalb des neoklerikalen Missbrauchs der katholischen Rationalität die mühsame Arbeit des Widerstandes und des Protestes zu praktizieren».

«Häme der Hierarchie»

Römisch-katholisch Getaufte hätten das Recht, «sich ohne Schuldgefühle zu entwickeln und ohne durch die Häme der Hierarchie belästigt zu werden, aus dieser sonderbar gewordenen Art von Kirche auszutreten. Ich fühle dazu keinerlei Verpflichtung – ganz im Gegenteil.»

Kirchen- oder Gotteskrise?

Urs Baumann (79) ist emeritierter Professor für Ökumenische Theologie an der Universität Tübingen. Er findet, dass es längst nicht mehr um eine «tiefgreifende Krise der Kirchen» geht, sondern «um eine noch dramatischere Krise des geglaubten und von den Kirchen glaubhaft gemachten oder zu glaubenden Gottes».

«Das Evangelium nicht den Kirchen überlassen»

Kritisch beurteilt er Papst Franziskus: «Es ist nicht genug, wenn auch erfreulich, nach dem, was wir hatten, einen netten und anziehenden Menschen als Papst zu haben. Geändert hat sich aber grundsätzlich nichts. Kosmetische Notoperationen nützen nichts.»

Papst Franziskus

Für Baumann steht fest: «Es ist völlig sinnlos, eine Kirchenreform von oben zu erwarten. Aber von der Basis ist auch nicht viel zu erwarten, weil der Wille, wirklich etwas zu wagen und die Verhältnisse grundlegend zu verändern fehlt, weil man auch dort in ängstlicher Tatenlosigkeit oder nutzloser Erwartungshaltung verharrt.»

Wenn es den Katholikinnen und Katholiken wichtig sei, dass es mit der christlichen Botschaft weitergehe, «dann dürfen wir das Evangelium und die Botschaft Jesu nicht den Kirchen überlassen».

Die Schweizer Stimmen des Memorandums

Vor zehn Jahren haben über 300 Theologinnen und Theologen vor allem aus dem deutschsprachigen Raum ein Memorandum unterzeichnet. Hier die Schweizer Stimmen:

Franz Annen
Edmund Arens
Urs Baumann 
Manfred Belok
Franz Xaver Bischof 
Anton A. Bucher
Giancarlo Collet
Peter Eicher 
Albert Gasser 
Adrian Holderegger  
Leo Karrer
Othmar Keel
Walter Kirchschläger 
Stephanie B. Klein 
Max Küchler  
Hans Küng 
Adrian Loretan
Helen Schüngel-Straumann 
Hermann-Josef Venetz  
Dietrich Wiederkehr  
Annette Wilke

Morgen erscheint ein Gastkommentar von Professor Manfred Belok (69), Professor für Pastoraltheologie an der Theologischen Hochschule Chur.


Helene Schüngel-Straumann | © Vera Rüttimann
7. Februar 2021 | 06:05
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Das Memorandum von 2011

Am 4. Februar 2011 veröffentlichten 143 Theologinnen und Theologen in der «Süddeutschen Zeitung» Reformforderungen an die katholische Kirche – ein Jahr, nachdem die Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg bekannt geworden waren.

Unter der Überschrift «Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch» verlangten sie in sechs Punkten unter anderem die Priesterweihe für Verheiratete, eine verbesserte Rechtskultur, mehr Respekt vor individuellen Lebensentscheidungen und das Ernstnehmen der «Sünde in den eigenen Reihen».

Die Gründe für einen solch öffentlichen Beitrag, den am Ende 311 Professorinnen und Professoren, 69 davon aus nicht-deutschsprachigen Ländern, unterzeichneten, waren vielfältig. Einen davon beschreibt der Mainzer Professor für Sozialethik und Mit-Initiator des Memorandums, Gerhard Kruip: Gerade im globalen Süden werde Kirche gebraucht und dürfe ihre eigene Autorität nicht zerstören, sagt er: «Dies geschieht aber durch ihre Reformunfähigkeit und die Missbrauchsskandale.»

Gegenstimmen liessen nicht lange auf sich warten. Eine prominente Entgegnung kam etwa von Kardinal Walter Kasper, der sich wenige Tage später in einem Beitrag in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» vom Memorandum «masslos enttäuscht» zeigte.

«Glauben die Unterzeichner im Ernst, dass die Kirchenverfassung heute eine existenzielle Frage der Menschen ist?», fragte er. Das eigentliche Problem dieser Zeit sei die Gotteskrise, auf die das Memorandum nicht eingehe. Statt um oberflächliche Stellschrauben wie den Zölibat müsse es um eine radikale Erneuerung des Glaubens gehen.

Sind die zwei unterschiedlichen Pole also Kirchenkrise auf der einen und Gotteskrise auf der anderen Seite? Die Verfasser des Reformtexts betonen dessen theologischen Rahmen.

Das Grundanliegen sei die Frage, wie Kirche angesichts ihres Auftrags glaubwürdig sein kann, sagt die Münsteraner Lehrstuhlinhaberin für Christliche Soziallehre, Marianne Heimbach-Steins, ebenfalls eine der Initiatorinnen: «Das Memorandum ist in eine theologische Reflexion über die Kirche eingebettet, der gerne übersehen wird: Kirche ist nicht für sich selbst da, sondern der Verkündigung der Freiheitsbotschaft des Evangeliums verpflichtet.»

Ihren Auftrag könne sie aber nur dann erfüllen, wenn sie «halbwegs stimmig zur eigenen Verkündigung dasteht», so die Professorin. Damit benennt sie ein Kernproblem, das bis heute besteht. Fragen wie die nach der Rechtskultur und der Anerkennung unterschiedlicher Lebensformen seien nur noch dringlicher geworden.

Zehn Jahre später fällt die Bilanz der Initiatoren also eher ernüchternd aus. Zwar versucht der Synodale Weg, die Debatten strukturiert zu bündeln und voranzutreiben, doch zugleich legt er die innerkirchliche Uneinigkeit offen. Der Graben zwischen konservativen und liberalen Lagern scheint tiefer denn je.

Kaum ein Tag vergeht, an dem die Kirche nicht mit negativen Schlagzeilen in der Presse steht; die Austrittszahlen steigen. Lediglich von einer Gottes- und nicht von einer Kirchenkrise zu sprechen, fällt schwer. Auch die Aufarbeitung der Missbrauchsskandale geht nur schleppend voran. Hier schaue man «in immer dramatischere Abgründe», so Heimbach-Steins.

Die Theologen sahen sich in ihrem Memorandum nach eigenen Worten «in der Verantwortung, zu einem echten Neuanfang beizutragen». Heute sei er nicht mehr optimistisch wie in der Anfangszeit von Papst Franziskus, erklärt Gerhard Kruip.

Es gebe in der Kirche eine starke traditionelle Struktur, die «ein absolutistisch-hierarchisches System festschreibt, das auch kirchenrechtlich untermauert ist». Jene, die in diesem System wichtige Ämter bekleideten, hätten kein Interesse an Veränderung: «Es gibt nur selten Menschen in Machtpositionen, die daran arbeiten, dass ebendiese Macht beschränkt wird.»

Auch Heimbach-Steins zeigt sich skeptisch, «ob das ‘System Kirche’ mit seiner Organisations- und Machtstruktur im Kern reformierbar ist». Ihre Hoffnung richte sich eher auf die kirchliche Basis als auf die Kleriker-Kirche. «Der grosse Aufbruch steht noch aus», sagt sie, und fügt an: «Hoffentlich». (kna)