Dozentin Anna-Katharina Höpflinger in ihrem religionswissenschaftlichen Seminar an der Universität Luzern
Schweiz

«Religionswissenschaft interessiert im Prinzip viele – ist plural, vielfältig und weltoffen»

An der Universität Luzern wird es künftig kein Religionswissenschaftliches Seminar mehr geben – wegen Sparplänen. Wie und was studieren Studentinnen und Studenten eigentlich in Religionswissenschaft? Grund genug, mal an einem Seminar teilzunehmen. Ein inspirierendes Erlebnis.

Wolfgang Holz

Fristet die Religionswissenschaft ein Hinterzimmerdasein an der Universität Luzern? Mitnichten. Obwohl der designierte Seminarraum E.411 fast so versteckt wirkt wie Gebetsräume in den antiken Katakomben Roms. Doch sobald man sämtliche Türen gefunden hat und schliesslich in dem winzigen Seminarraum angelangt ist, wird man sofort mit einer grossen Packung guter Laune und grossem Interesse konfrontiert.

Klein, aber fein: Fünf Studierende

Zwar haben sich nur fünf Studentinnen und Studenten verschiedensten Alters versammelt. Doch der Empfang ist freundlich und inspirierend. Eine sympathische Studentin steckt einem sofort den Flyer der öffentlichen Ringvorlesung zum Thema «Ist Religion (noch) relevant?» zu, während Dozentin Anna-Katharina Höpflinger gerade den Screen mit ihrem Laptop verbindet. Dort scheint das Bild eines Ausstellungssaals im Luzerner Kunstmuseum auf: Darüber ist der Titel des Seminars zu lesen: «Körper in Kultur und Religion. Zwischen Verachtung und Verehrung.» Hört sich spannend an.

Studierende vor der Universität Luzern
Studierende vor der Universität Luzern

Spannend ist auch, was die Dozentin mit ihren Studierenden unternommen hat: Sie besuchten gemeinsam die Ausstellung «Schön?!» gleich nebenan im Kunstmuseum Luzern. Die ausgewählten Gemälde der Kunstsammlung stammen aus verschiedensten Epochen und sind nach Themen wie etwa Natur, Landschaften gehängt. Ein Raum ist auch Frauenbildern aus verschiedenen Zeiten gewidmet.

Schönheit eine Form von Transzendenz?

Die Seminarteilnehmenden, von denen alle ein Lieblingsbild auswählten, fragten sich dann, ob gute Kunst auch schön ist. Dabei fiel ihnen auf, dass sich auch bei der Kunstbetrachtung Momente transzendenten Erlebens einstellen können – wie bei religiösen Erfahrungen. Auch das stille Betrachten von Bildern ähnele Rundgängen in der Kirche. Dozentin Höpflinger stellte die Frage in den Raum, ob Schönheit, die ja eigentlich eine Art Ideal sei, nicht grundsätzlich eine Form von Transzendenz sei.

Einem Studenten war beim Rundgang allerdings aufgefallen, dass keinerlei Bilder mit religiösen Motiven in der Ausstellung zu sehen gewesen seien. Das Seminar erörterte, ob dieser Fakt mit dem nachlassenden gesellschaftlichen Interesse an Religion zu tun habe oder mit der momentan kritischen Wahrnehmung der Institution Kirche.

Jesus-Bilder analysiert

Die Dozentin gab dem Studenten recht, und hatte deshalb mehrere Jesus-Bilder aus verschiedenen Epochen ins Seminar mitgebracht, um das Jesusbild im Wandel der Zeiten zu analysieren.

Jesus im Kreis seiner Jünger - KI generiert.
Jesus im Kreis seiner Jünger - KI generiert.

Darunter waren zum Beispiel auch Fotos von KI-Jesus-Gestalten, so wie man sie im Internet findet. Oder Bilder von einem göttlich muskulösen Adonis-Jesus von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle.

Auch ein Gemälde von einem menschlich wirkenden Jesus als armer Hirte auf einer Darstellung in einer römischen Katakombe war zu sehen. Es wurde festgestellt, dass die Darstellungen von Jesus stark geprägt seien vom jeweiligen historisch-gesellschaftlichen Zeitgeist. Dazu zähle etwa auch das variierende Phänomen von Jesus mit und ohne Bart.

Religion und Gesellschaft

Das besuchte religionswissenschaftliche Seminar war eine überaus inspirierende Veranstaltung – weil es Einblicke über die Zusammenhänge zwischen Religion und Gesellschaft gewährte.

Laut offiziellem Statement des Religionswissenschaftlichen Seminars der Universität Luzern untersucht die Religionswissenschaft ja gerade «die vielfältigen Wechselwirkungen von Religionen mit ihren Bezügen zu unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen».

Kämpfer des "Islamischen Staates"
Kämpfer des "Islamischen Staates"

An der Universität Luzern befassen sich Forschende im Bereich Politik etwa mit dem christlichen Nationalismus in den USA oder mit dem islamischen Terrorismus in Europa, im Bereich des Rechts mit dem Verhältnis zwischen staatlichem und religiösem Recht. In Sachen Medien sind Sekten und Islamdiskurse ein Thema, im Bereich Soziales beschäftigen sich Religionswissenschaftlerinnen und Religionswissenschaftler mit Herausforderungen und Chancen religiös pluraler Gesellschaften. Lohnende Analysen, so scheint es.

Kein Wunder, stösst die Entscheidung der Universität Luzern, das Religionswissenschaftliche Seminar zu kippen und keine neuen Studierenden mehr zuzulassen, nach wie vor auf Unverständnis.

«Religionsgemeinschaften wichtig»

«Die Universität Luzern wird von den politischen Trägerschaften zu einem Sparkurs angehalten. Das Religionswissenschaftliche Seminar an der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät soll geschlossen werden. Dies erstaunt vor dem Hintergrund, dass Diskussionen und Verständigungen über den Stellenwert von Religionsgemeinschaften an Bedeutung gewonnen haben», kritisiert Ruedi Meier, Historiker und ehemaliger Luzerner Sozialdirektor in einem Leserbrief der «Luzerner Zeitung».

Universität Luzern
Universität Luzern

«Unsere Welt ist in den letzten Jahrzehnten näher zusammengerückt. Das hat auch Auswirkungen auf die Religionslandschaft», so Meier. Es gelte, die sozial-liberalen Werte zu fördern und wissenschaftlich zu begleiten.

«Dies ist ein schwerwiegender Rückschritt mit Folgen für die Integrationsarbeit, die interreligiöse Zusammenarbeit und das friedliche Zusammenleben im Kanton Luzern.»

Auch die Islamische Gemeinde Luzern (IGL) veröffentlichte jüngst in einem offenen Brief an die Universität Luzern ihre Bedenken. Darin kritisiert die IGL die Abschaffung des Fachs Religionswissenschaft. Dies sei nicht nur eine bildungspolitische Kürzung, «sondern ein schwerwiegender Rückschritt mit Folgen für die Integrationsarbeit, die interreligiöse Zusammenarbeit und das friedliche Zusammenleben im Kanton Luzern.»

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Das Religionswissenschaftliche Seminar sei mit seiner Arbeit ein Brückenbauer zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Glaubensgemeinschaften – und «damit unverzichtbar für Integration, Toleranz und soziale Kohäsion».

Interne strategische Gewichtung entscheidend

Die Universität Luzern argumentiert indes, man müsse in Sachen Sparpläne priorisieren. «Der Vergleich mit anderen Fächern, insbesondere mit solchen in anderen Fakultäten, ist weder aussagekräftig noch kausal», argumentiert Bildungsdirektor Armin Hartmann in einer Stellungnahme. Entscheidend sei vielmehr die interne strategische Gewichtung. Während in den Wirtschaftswissenschaften oder in der Soziologie ein Wachstum erwartet werde, sei dies in der Religionswissenschaft absehbar nicht der Fall.

«Geisteswissenschaftlich-vergleichend»

Zurück zum Seminar. Die aktuell Studierenden bedauern die Sparentscheidungen der Uni. «Es ist schlichtweg nicht nachvollziehbar, rein aus finanzpolitischen Gründen das Fach Religionswissenschaft zu kippen», kritisiert eine Studentin. Sie findet gerade den geisteswissenschaftlichen Zugang zu Religion sehr wertvoll und besonders. «Ausserdem ist Religionswissenschaft ein extrem vielfältiges Terrain mit seinem vergleichenden Ansatz.»

«Plural, weltoffen, dialogisch»

Eine Studentin, die ihr erstes Seminar in Religionswissenschaft belegt, bekennt: «Ich bin auf einer katholischen Schule gross geworden, und ich habe mich damals nicht getraut, meine Religion zu hinterfragen. Religionswissenschaft macht mich jetzt als Studienfach sehr neugierig.» Und ein Student unterstreicht schliesslich: «Der analytische Blick auf Religion von aussen interessiert viele, fördert plurale und weltoffene Ansichten und stimuliert den Dialog». Ausserdem zeige das Fach, wie Religion mit unserer Kultur vernetzt sei und welche Rolle sie spiele.

Insgesamt 39 Studierende

Das Fach Religionswissenschaft gibt es seit 1983 an der Uni Luzern. Seit 2003 kann man das Fachgebiet als Haupt- und Nebenfach im Rahmen der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät studieren. Derzeit gibt es 13 Vollzeitstudierende in der Religionswissenschaft – nicht gezählt werden diejenigen, welche diese als Nebenfach belegen. Gemäss Jahresbericht der Schweizerischen Gesellschaft für Religionswissenschaft verzeichnete das Fach im Frühlingssemester 2025 insgesamt 39 Studierende in Luzern. (woz)


Dozentin Anna-Katharina Höpflinger in ihrem religionswissenschaftlichen Seminar an der Universität Luzern | © Wolfgang Holz
14. November 2025 | 17:00
Lesezeit : ca. 4  Min.
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