Religionswissenschaft an der Universität Luzern fällt dem Rotstift zum Opfer
Die Universität Luzern muss zwei Millionen Franken sparen. Deshalb werden zwei Fächer ganz gestrichen – neben Wissenschaftsforschung das Fach Religionswissenschaft. Fächer, die offenbar die kleinste Belegung aufweisen und kaum mehr nachgefragt wären. Ein Religionswissenschaftler ordnet ein.
Wolfgang Holz und Stefan Betschon
«Es ist sicher schade, dass das Fach Religionswissenschaft nicht mehr so viele studieren», sagt ein Student an der Universität Luzern, der selbst Religionspädagogik am RPI studiert, gegenüber kath.ch. Er ist dennoch überrascht vom Entscheid der Uni. Vielleicht sei es einfach interessanter, Theologie mehr aus einer Innenperspektive heraus zu studieren als wie im Fach Religionswissenschaft, «wo Theologie ja mehr von einer Aussenperspektive betrachtet wird.»
Strukturelles Defizit
Fakt ist: Die Universität Luzern streicht die Fächer Religionswissenschaft und Wissenschaftsforschung. Bereits im Sommer dieses Jahres war bekannt geworden, dass die Uni sparen muss. Grund sei ein strukturelles Defizit, so die Universität Luzern, das die Entwicklung der Universität bremse. Zwar nehme die Zahl der Studierenden zu, manche Fakultäten können laut einem Schreiben der Uni ihre Ausgaben aber nicht decken.
Von den angekündigten Sparmassnahmen ist die Kultur- und Sozialwissenschaftliche Fakultät betroffen, die alleine fast die Hälfte der geplanten zwei Millionen Franken einsparen muss. Dort sind auch die zwei gestrichenen Fächer beheimatet: Wissenschaftsforschung und Religionswissenschaft.
Die Theologische Fakultät soll ca. 0,5 Millionen Franken einsparen. Die Fakultät hofft, den Sparauftrag mit einem Stellenabbau beim Religionspädagogischen Institut erfüllen zu können. Weitere Sparpakete seien vorerst nicht zu erwarten.
Synodalrat und Religionslehrende üben Kritik
Bereits bekannt war, dass bei der Theologischen Fakultät ein «geringer Abbau von Dozierendenstellen» stattfinden wird. Dieser war zuvor vom Synodalrat der Römisch-katholischen Landeskirche des Kantons Luzern kritisiert worden. Auch der «Verein der Religionslehrer/-innen an den Luzerner Mittelschulen» hatte sich in einem Brief an Bildungs- und Kulturdirektor Armin Hartmann gewandt, mit der Bitte, die Massnahmen zu überdenken.
Die Universität Luzern muss also offensichtlich sparen, und sie verkleinert deshalb ihr Angebot. Zwar sei die Erfolgsrechnung Ende 2024 fast ausgeglichen; einem Betriebsaufwand von rund 85 Millionen Franken sei ein Ertrag von rund 85 Millionen Franken gegenübergestanden.
«Synergieprozess zwischen Fakultät und RPI»
Dennoch sieht der Universitätsrat, das strategische Führungs- und Aufsichtsorgan der Universität, Handlungsbedarf. Es müssten «Massnahmen» ergriffen werden, so lässt sich Universitätsratspräsident Armin Hartmann von der Unternehmenskommunikation zitieren, die es der Universität ermöglichten «auf einer finanziell stabilen Basis» der Zukunft entgegenzusehen.
Margit Wasmaier-Sailer, Dekanin der Theologischen Fakultät, hofft den vom Universitätsrat vorgegebenen Sparauftrag durch einen «Synergieprozess zwischen der Fakultät und dem Religionspädagogischen Institut» erfüllen zu können. Zwar müsse ein «geringer Abbau von Dozierendenstellen» in Kauf genommen werden. Doch die entsprechenden Lehrinhalte sollen «weiter in vollem Umfang angeboten» werden.
Gestrichene Fächer kaum mehr nachgefragt
Die beiden Fächer Wissenschaftsforschung und Religionswissenschaft, die nun künftig gestrichen werden, gehören gemäss der Uni zu den Fächern mit der kleinsten Belegung und wären kaum mehr nachgefragt. Die entsprechenden Professuren werden mit den Emeritierungen nicht wieder besetzt. Die aktuellen Studierenden können ihr begonnenes Studium in Religionswissenschaft und Wissenschaftsforschung an der Universität Luzern abschliessen.
Nicht «unattraktiv» und nicht «irrelevant»
Wie der emeritierte Professor für Religionswissenschaften an der Universität Zürich, Christoph Uehlinger auf Anfrage von kath.ch bemerkt, sei Religionswissenschaft an sich keineswegs ein «unattraktives» Fach, auch wenn dies von verschiedener Seite gelegentlich behauptet werde.
«Die Studierendenzahlen mögen gegenüber den letzten drei Jahrzehnten leicht zurückgehen, die Gründe dafür dürften vielfältig sein: ein Grund könnte sein, dass das Fach weniger klare Berufsperspektiven aufweist als etwa die Theologie», so Uehlinger. Vielleicht assoziierten junge Menschen bei ihrer Studienwahl Religion mit aus ihrer Sicht veralteten und in ihrem Lebensalltag wenig relevanten Institutionen und Vorstellungen.
«Ein Blick in die Zeitung jeden Tag zeigen, wie relevant und brisant Religion in der Weltgesellschaft ist.»
Uehlinger: «Dabei würde ein Blick in die Zeitung jeden Tag zeigen, wie relevant und brisant Religion in der Weltgesellschaft ist – und auch, wie sehr sie sich in den letzten Jahrzehnten transformiert und neue Ausdrucksformen gefunden hat.»
Auch was die Bedeutung von Religionswissenschaft an der Uni angeht, hat Uehlinger eine klare Argumentation: «Religionswissenschaft kann für das Fächerspektrum einer Universität ein Gewinn sein, weil sie als einzige Religion systematisch und vergleichend, kultur- und gesellschaftswissenschaftlich, historisch und gegenwartsbezogen in seiner Breite und Komplexität thematisiert.»
Hier geht es zur › Bestellung einzelner Beiträge von kath.ch.




