Schweiz

Das Locarno Festival bringt Passionsgeschichten auf die Leinwand

Locarno, 12.8.18 (kath.ch) Religion ist wieder ein starkes Thema im internationalen Filmschaffen. Das hat das diesjährige Filmfestival von Locarno gezeigt. In dessen herausragendstem Film «First Reformed» gerät ein Pfarrer in eine existentielle Krise. Weitere Filme beschäftigten sich mit der Inquisition in Italien, dem ultraorthodoxen Judentum in Israel und dem Umgang der Weltreligionen mit weiblicher Sexualität.

Charles Martig

Der US-Schauspieler Ethan Hawke verkörpert in «First Reformed» einen Pfarrer, der in eine existentielle und spirituelle Krise gerät. Mit seiner Alkoholsucht schadet er seiner Gesundheit, lehnt aber auch jede Hilfe ab. Durch eine Begegnung mit einem jungen Paar, das sich für die Umwelt einsetzt, wird er mit seinen Abgründen konfrontiert, entdeckt aber auch einen neuen Sinn in seiner Arbeit. Mit einer radikalen Lösung will er zum 250-Jahr-Jubiläum seiner Kirche, der historisch bedeutenden «First Reformed» im Staat New York, die existentiellen und ökologischen Probleme aus der Welt schaffen.

 

Stilistisch orientiert sich Regisseur Paul Schrader an Bergman und Bresson. Mit «First Reformed» ist Paul Schrader auf dem Zenit seines Schaffens. Er zeigt ein überraschendes und hinreissendes Drama, das wie ein Donnerschlag wirkt und lange nachklingt. Die Passionsgeschichte eine Pfarrers an einem internationalen Festival: Das war für das Publikum zutiefst erschütternd.

Häretiker rettet sein Leben

Im Italien Ende des 16. Jahrhunderts lebt der Müller Menocchio. Er lebt in einem Dorf im Friaul und ist eine charismatische Person. Er hat grossen Einfluss auf die Bewohner seines Dorfes und sogar mehr Einfluss als der Pfarrer. Sein Glaube und seine Überzeugungen stimmen aber nicht mit den Lehren der römisch-katholischen Kirche überein.

Er plädiert für Armut und den Respekt für die Natur. In voller Überzeugung sagt Menocchio im Prozess vor einem Gericht aus, dass er keine Obrigkeit akzeptiert und sich selbst dem Papst gleichgestellt fühlt. Das führt ihn nahe an den Scheiterhaufen heran, bevor er am Ende des Films seine Ideen widerruft. Dies rettet ihm zwar vorläufig das Leben, aber er wird für seine Häresien mit einer lebenslangen Gefängnisstrafe belegt.

 

Mit dem ausdruckstarken «Chiaroschuro-Film», der wie die Renaissance-Malerei auf einen starken Helldunkel-Kontrast setzt, inszeniert Regisseur Alberto Fasulo die Geschichte des Häretikers. Viele Szenen spielen im Verliess oder bei Nacht. Nur vor Gericht sind helle Bilder vorhanden, die aber nicht zur Wahrheit führen. Über den Prozess gibt es ausführliche Akten, die auch historisch aufgearbeitet wurden. Der Film wirft jedoch einen ganz eigenständigen Blick auf die Hauptfigur. So wird Menocchio zu einer modernen, agnostischen Figur. Er denkt selber und riskiert sein Leben für seine Überzeugungen.

Junger Ultraorthodoxer auf den Spuren seines Missbrauchs

Yolande Zauberman hat mit Menachem Lang eine faszinierende Person gefunden. Sie begleitet in ihrem Dokumentarfilm «M» den jungen Mann auf seinem Weg zur Versöhnung mit den Eltern und mit seiner jüdischen Gemeinschaft. Ihm ist Furchtbares widerfahren. Er wurde als Kind mehrfach vergewaltigt. Als er diese Vorgänge publik machte, wurde er aus der Gemeinschaft der jüdischen Haredim in Bnei Berak, in der Nähe von Tel Aviv, ausgestossen. Seitdem sucht er verzweifelt nach seiner Identität.

Dem Film gelingt es, in diese verbotene Welt vorzudringen. Dank der Dialogbereitschaft von Menachem öffnen sich ultraorthodoxe Männer für Gespräche. Je weiter der Film voranschreitet, desto grösser wird der Abgrund. Verschiedene ultraorthodoxe Juden berichten davon, dass sie selbst vergewaltigt wurden und sich nun wiederum an Kindern vergehen. Eine spirale der Gewalt in einer geschlossenen Gesellschaft wird sichtbar. Der Film wirft einen Blick auf diese Mechanismen und öffnet neue Perspektiven. Menachem trifft seine Eltern und spricht erstmals seit Jahren mit ihnen vor laufender Kamera. Dass sich damit ein Weg zur Versöhnung öffnet verdankt «M» der empathischen Arbeit der Regisseurin.

Weibliche Körper kontrolliert durch Religion

«#Female Pleasure» begleitet fünf Frauen aus den fünf Weltreligionen. Barbara Miller zeigt ihren Kampf für eine selbstbestimmte weibliche Sexualität und für ein gleichberechtigtes, respektvolles Miteinander unter den Geschlechtern. Der Film schildert die Lebenswelten von Deborah Feldman, Leyla Hussein, Rokudenashiko, Doris Wagner und Vithika Yadav und ihr Engagement für Aufklärung und Befreiung in einer hypersexualisierten, säkularen Welt.

Der Dokumentarfilm von Barbara Miller, der einen Preis in der «Semaine de la critique» gewann, hat zwar den Anspruch, die Weltreligionen und ihre Tendenz zur Unterdrückung des weiblichen Körpers darzustellen. Dies gelingt nicht bei allen fünf Frauen gleich gut. Die Reduktion des Islams auf die Genitalverstümmelung in Afrika ist z.B. eine starke Engführung. Ebenso das Schicksal von Doris Wagner, die lange in der erzkatholischen Gemeinschaft «Das Werk» lebte und dort von einem Priester missbraucht wurde. Trotzdem ist die Grundbotschaft des Films stark. Miller zeigt, dass Veränderungen bei Themen wie Sexismus und Missbrauch nur möglich sind, wenn Frauen und Männer gemeinsam daran arbeiten und neue Wege suchen.


Film «Sibel», Preis der ökumenischen Jury am Locarno Festival | © Pyramide Films
12. August 2018 | 15:25
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Ökumenischer Preis für «Sibel»

Der Preis der Ökumenischen Jury am 71. Locarno Festival ging an die französisch-türkische Koproduktion «Sibel». Die Jury begründet ihre Wahl laut Mitteilung folgendermassen: «Der Film erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die in einem Dorf in der türkischen Schwarzmeerregion lebt. Dort werden eine überlieferte Pfeif-Sprache und alte Rituale gepflegt. Weil sie stumm ist, wird Sibel von der Gesellschaft marginalisiert. Sie verbringt die meiste Zeit im Wald, auf der Suche nach einer Freiheit, die sie im Dorf nicht findet. Die Liebesbegegnung mit einem mysteriösen Flüchtigen ist der Ausgangspunkt eines Emanzipationsprozesses, durch den sie sich als Frau entdeckt. Der Film zeigt ein kraftvolles Bild einer Figur, die  patriarchalische Strukturen und  Identitäten in Frage stellt und so zu einem Beispiel für die Würde der anderen Frauen in der Gemeinschaft wird.»

Der Preis ist mit 20’000 CHF dotiert und an die Filmdistribution in der Schweiz gebunden. Das Preisgeld wird von den evangelisch-reformierten Kirchen und der römisch-katholischen Kirche der Schweiz zur Verfügung gestellt. (cm)