Barbara Miller (Mitte) mit den Produzentinnen Ellen Ringier (l) und Melanie Winiger auf der Piazza Grande in Locarno | © Locarno Festival
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Barbara Miller (Mitte) mit den Produzentinnen Ellen Ringier (l) und Melanie Winiger auf der Piazza Grande in Locarno | © Locarno Festival

«Mich interessiert die Sicht der Weltreligionen auf Sexualität»

Locarno, 10.8.18 (kath.ch) Im Film #Female Pleasure begleitet die Zürcher Regisseurin Barbara Miller fünf Frauen aus fünf verschiedenen Kulturen. Im Interview erklärt sie, welche Rolle die Religionen beim Blick auf weibliche Sexualität spielen. Der Dokumentarfilm, den die Katholische Kirche im Kanton Zürich mitfinanziert hat, wurde diese Woche am Filmfestival Locarno gezeigt.  

Charles Martig

Female Pleasure verbindet weibliche Sexualität auf verschiedenen Kontinenten mit den Weltreligionen. Wie sind Sie bei Ihrer Recherche vorgegangen?

Barbara Miller: Der Ausgangspunkt für diesen Film waren viele Reiseerfahrungen in den vergangenen fünf Jahren. Ich wollte herausfinden, wie Liebe und Sexualität in verschiedenen Ländern gelebt wird, wie das alltägliche Leben aussieht, was Sexualität auf verschiedenen Kontinenten bedeutet. Die erste Person, der ich begegnet bin, war die Inderin Vithika Yadav. Stundenlange Gespräche mit ihr waren der Beginn meiner Film-Reise.

Wie haben Sie die Frauen ausgewählt?

Miller: Für mich war es sehr wichtig Frauen zu finden, die den Mut haben aufzustehen: Frauen, die sagen, was sie denken und was sie beschäftigt. Ich fand fünf wirklich mutige Frauen. Neben Vithika Yadav waren dies Deborah Feldmann aus den USA, Leyla Hussein aus Somalia, Doris Wagner aus Deutschland und Rokude Nashiko aus Japan. Ich war sehr glücklich, dass sie einverstanden waren, Teil meines Filmprojekts zu werden.

 

 

Sie zeigen Frauen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben. Was hat Sie an diesen Lebensgeschichten interessiert?

Miller: Es war für mich ein wichtiges Anliegen, Frauen mit ihren Stärken zu zeigen. Es gibt viele Frauen, die furchtbare Dinge erlebt haben. Aber die Art und Weise, wie sie mit diesen Erfahrungen umgehen, ist ganz anders als die übliche Opferhaltung. Es ist möglich, ein Trauma zu überwinden. Wenn Menschen da sind, die traumatisierte Frauen unterstützen und Hilfe anbieten, dann ist eine Überwindung dieser Erfahrungen realistisch. Ich bin jedoch überzeugt, dass auch Männer dazu beitragen müssen. Das ist ein wichtiger Teil der Botschaft meines Films.

Welche Rolle spielt dabei die Religion?

Miller: Ich habe beobachtet, dass viele Ideen über Männer und Frauen aus den patriarchalen Religionen in die jeweilige Kultur übergegangen sind. Gerade in Japan, Indien oder in Afrika ist dies offensichtlich. Es gibt in den verschiedenen Weltreligionen bestimmte Ideen über Sexualität und den weiblichen Körper. Diese sind weltweit in die Kultur integriert worden. Wenn Sie die heutige Pornographie anschauen, dann ist dies wie eine «neue Religion», wie Frauen in unserer Gesellschaft betrachtet werden. Frauen sind dort Objekte. In dieser Sichtweise gibt es für Frauen keine Freude und Lust in der Sexualität. Für mich ist «#Female Pleasure» kein Film über Religion, sondern über die dahinterliegende Struktur, die weltweit verankert ist.

Wie haben Ihre fünf Protagonistinnen auf den Film reagiert?

Miller: Die Frauen, die ich im Film porträtiere, haben sich vor rund einem Monat zum ersten Mal getroffen, um den Film gemeinsam zu sehen. Es war erstaunlich, die Solidarität unter ihnen zu erleben.

Filmszene aus #Female Pleasure mit Doris Wagner | © Filmcoopi

Hat die Me-Too-Kampagne in Hollywood Ihren Film beeinflusst?

Miller: Dies hat die Form des Films nicht beeinflusst. Wir waren bereits am Abschluss des Films, als die Me-Too-Debatte anlief. Ich denke, dass es eine sehr mutige Sache ist, dass so viele Frauen, aber auch Männer, darüber sprachen, dass sie belästigt und vergewaltigt wurden. Wenn wir sagen, dass sie Opfer sind, ist das nicht richtig. Es braucht so viel Mut, um in der Öffentlichkeit darüber zu sprechen. Und das entspricht auch meiner Sicht auf die Dinge. Mein Film ist nun Teil dieser öffentlichen Auseinandersetzung mit weiblicher und männlicher Sexualität.

Wie lassen sich Veränderungen herbeiführen?

Miller: Es ist nur möglich, etwas zu ändern, wenn Männer und Frauen zusammen arbeiten. Gemeinsam können wir die Welt verändern. Meine grösste Hoffnung ist, dass diese Botschaft ankommt.

Haben Sie Pläne für einen nächsten Film?

Miller: Ich habe derzeit kein konkretes Projekt, aber ich möchte einen Film über männliche Sexualität drehen. Ich möchte herausfinden, wie sie mit ihrem Körper umgehen, wie sie Sexualität und ihre Identität verstehen. Mich interessiert die pornografische Welt, aber auch die Sicht der Weltreligionen auf das Thema. Es gibt einen enormen Druck auf Männer, sich auf eine bestimmte Art und Weise zu verhalten. Das wäre ein spannendes Projekt.

Hinweis: Der Dokumentarfilm #Female Pleasure ist ab 15.11.2018 in den Schweizer Kinos zu sehen.

Filmszene aus #Female Pleasure mit Vithika Yadav | © Filmcoopi
Filmszene aus #Female Pleasure mit Vithika Yadav | © Filmcoopi
Leyla Hussein, Aktivistin und Protagonistin im Film "#Female Pleasure" | © Locarno Festival
Leyla Hussein, Aktivistin und Protagonistin im Film "#Female Pleasure" | © Locarno Festival
Filmszene aus #Female Pleasure mit Leyla Hussein | © Filmcoopi
Filmszene aus #Female Pleasure mit Leyla Hussein | © Filmcoopi

#Female Pleasure

Der Film begleitet fünf Frauen aus den fünf Weltreligionen. Er zeigt ihren Kampf für eine selbstbestimmte weibliche Sexualität und für ein gleichberechtigtes, respektvolles Miteinander unter den Geschlechtern. #Female Pleasure schildert die Lebenswelten von Deborah Feldman, Leyla Hussein, Rokudenashiko, Doris Wagner und Vithika Yadav und ihrem Engagement für Aufklärung und Befreiung in einer hypersexualisierten, säkularen Welt.

Aus dem katholischen Kontext zeigt Miller das Schicksal von Doris Wagner, die lange in der ultrareligiösen Gemeinschaft «Das Werk» lebte und dort von einem Priester missbraucht wurde. Diese Geschichte ist nicht repräsentativ für die katholische Kirche, zeigt aber die fatalen Folgen von Machtmissbrauch und Missachtung der weiblichen Identität in einer religiösen Gemeinschaft. (cm)

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