Antonius Liedhegener, Professor für Politik und Religion an der Universität Luzern  | © Sylvia Stam
Schweiz
Antonius Liedhegener, Professor für Politik und Religion an der Universität Luzern | © Sylvia Stam

«Putin generiert mit Hilfe der orthodoxen Kirche Unterstützung für seine Politik»

Luzern, 1.3.18 (kath.ch) Die Universität Luzern hat die Religionszugehörigkeit in rund 50 Ländern Europas erforscht. Die Resultate sind in einer Online-Datenbank öffentlich zugänglich. Erstmals gibt es somit vergleichbare Daten in hoher Auflösung zu allen Ländern Europas für zwei Zeiträume, nämlich von 1996 bis 2005 und von 2006 bis 2015, wie es in der Medienmitteilung (27. Februar) heisst. Resultate, Tendenzen und Wechselwirkungen zur Politik erklärt Projektleiter Antonius Liedhegener, Professor für Politik und Religion an der Universität Luzern, im Interview.

Lukas Portmann*

Was sind die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Projekt?

Antonius Liedhegener: Der erste Blick auf die Karte der Religionszugehörigkeit in Europa zeigt: Es gibt sehr grosse Unterschiede zwischen den 50 Ländern. Das überrascht an sich noch nicht. Was aber so bislang noch nicht zu sehen war: Es gibt zwei historische Schichten, die dieses Kartenbild prägen. Die erste Schicht geht zurück auf die jahrhundertelange Religionsgeschichte Europas. In den meisten Ländern dominiert noch heute zahlenmässig jene Religionsgemeinschaft, die schon früher, das heisst spätestens in der frühen Neuzeit, vorherrschend war, also katholisch, reformiert beziehungsweise protestantisch, orthodox und im Südosten in einigen Ländern der Islam.

Und welches ist die zweite Schicht?

Liedhegener: Darüber gibt es eine zweite historische Schicht, die durch die Umwälzungen in der Religionsstruktur im 20. Jahrhundert entstanden ist. Es gibt Länder, in denen der Anteil derer, die keiner Religionsgemeinschaft angehören, mittlerweile grösser ist als der Anteil aller anderen zusammengenommen. Dazu gehören Tschechien, Estland, Grossbritannien und Frankreich.

«Viele Länder sind zwischen 2000 und 2010 nahezu stabil.»

Welche Veränderungen stellen Sie zwischen den zwei beobachteten Perioden fest?

Liedhegener: Es gibt viele Länder, die sind zwischen 2000 und 2010 nahezu stabil, was die Aufteilung der Religionszugehörigkeit anbelangt. Dann haben wir einige Länder gefunden, bei denen die Veränderungen wirklich gross sind. Das Interessante dabei ist, dass diese Veränderungen in unterschiedliche Richtungen gehen.

Vorherrschende Religion in den Jahren 2006 bis 2015 | © highcharts.ch/smre-data.ch

Welches sind diese Richtungen?

Liedhegener: Es gibt einige Länder, bei denen Säkularisierung und Pluralisierung deutlich angestiegen sind. Das sind in starker Ausprägung die nordischen Länder und in geringerem Ausmass vor allem westeuropäische Länder. Auf der anderen Seite gibt es Länder, die homogener geworden sind, wo also die grösste Religionsgemeinschaft zugelegt hat. Länder wie Russland, Weissrussland, aber auch Bosnien-Herzegowina, Polen, die Ukraine und Aserbeidschan gehören in diese Gruppe.

«Westeuropäische Länder haben sich stärker pluralisiert.»

In der Tendenz kann man sagen, dass die Länder, die sich stärker pluralisiert haben, eher westeuropäische sind, und jene, in denen eine Homogenisierung stattgefunden hat, eher osteuropäische. Diese Tendenz gilt interessanterweise auch, wenn man die EU nach ihren östlichen und westlichen Mitgliedsstaaten untersucht.

Bestehen da Wechselwirkungen mit der Politik?

Liedhegener: Es gibt zwei Punkte, welche dies vermuten lassen. Das eine ist die Frage, wie die verschiedenen EU-Mitgliedstaaten auf die Asylsuchenden und Flüchtlinge aus Syrien reagiert haben. Die EU hat keine einheitliche Linie gefunden, und es waren von Anfang an eher die neuen östlichen Mitgliedländer, die sehr reserviert gegenüber dieser Zuwanderung waren. Und dann fällt auf, dass in der Gegenwart der Faktor Religion bei der Ausprägung der nationalen Identität wieder stärker hineinspielt. Sehr augenfällig ist das zum Beispiel in Russland. Präsident Putin und seine Regierung stützen sich auf die orthodoxe Kirche und generieren so Unterstützung für die Politik des Kremls.

Vladimir Putin, hier am 24. Mai 2015 bei einem Treffen mit Patriarch Kirill von Moskau und ganz Russland | © 2015 keystone tass Alexei Nikolsky

Vladimir Putin bei einem Treffen mit Patriarch Kirill von Moskau und ganz Russland | © keystone tass Alexei Nikolsky

Wie haben Sie die Daten zur Religionszugehörigkeit zusammengeführt?

Liedhegener: Wir haben Daten aus den unterschiedlichsten Quellen zusammengetragen, von Volkszählungen über Umfragen bis hin zu wissenschaftlichen Experten-Schätzungen. Mit Hilfe von Algorithmen und verschiedenen Fehlerabschätzungen konnten wir neue Zahlen für die zwei Perioden 1996 bis 2005 und 2006 bis 2015 vorgelegen. Eine grosse Herausforderung war, die Daten vergleichbar zu machen. Wir haben die unterschiedlichen Religionsgruppen kategorisiert und die verschiedenen Fragestellungen aufeinander abgeglichen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Liedhegener: Wenn man fragt, ‹Fühlen Sie sich einer Religion zugehörig?› und wenn ja, ‹Welcher?›, sagen die Leute etwas Anderes, als wenn man fragt, ‹Welcher Religion gehören Sie an?›. Die erste Fragestellung zielt auf eine subjektive, gefühlte, die zweite auf eine formale, institutionelle Religionszugehörigkeit. Um vergleichbare Zahlen zu erhalten, müssen wir das auseinanderhalten. Unsere Schätzungen basieren auf der zweiten Definition, also der formalen Religionszugehörigkeit.

Das Projekt ist offen für eine breite Nutzung. Wen sehen Sie als Nutzende?

Liedhegener: Zuerst einmal Forschende verschiedenster Disziplinen, die in ihrer Arbeit auf Daten zur Religionszugehörigkeit angewiesen sind. Sie kommen einfach und schnell an unsere Daten. Dann sicher auch Kolleginnen und Kollegen, die sich aus einer methodischen Sicht für Fragen der Messung von Religionszugehörigkeit interessieren. Schliesslich gibt es ein breites Feld von potenziellen Nutzenden aus der Öffentlichkeit, von Schulen oder aus der Politik, die sich sehr einfach grundlegende Daten zu einzelnen Ländern aufbereiten und visualisieren können.

*Lukas Portmann ist Kommunikationsbeauftragter der Universität Luzern.

Die Datenbank ist zu finden unter smre-data.ch.

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