Premiere in Muttenz: Gottesdienst mit Knopf im Ohr
Die Landeskirche Basel-Landschaft versucht erstmals einen Audioguide-Gottesdienst. Dabei erklärt der Fachbereichsleiter für Jugend und Familie, Luca Pontillo, den Gottesdienstbesuchern live über Kopfhörer, was sich im Altarraum tut und warum. Kath.ch besuchte diesen Versuchsgottesdienst in Muttenz.
Boris Burkhardt
«Die erste Lesung berichtet aus der Geschichte des Volkes Israel… Der Antwortpsalm bereitet auf das Evangelium vor…» Luca Pontillo spricht Standarddeutsch, sehr langsam und betont jedes einzelne Wort. Er sitzt in einem Nebenraum im modernen Betonbau der Kirche Johannes Maria Vianney in Muttenz bei Basel und spricht in das Mikrophon eines Kopfhörers: «Das Halleluja führt hin zur Lesung des Evangeliums als wichtigstem Text im Gottesdienst: Es ist ein Moment der Vorfreude.»
Pontillos rund 30 Zuhörer sitzen im grossen Kirchenraum, der eine quadratische Grundform hat. Die Sitzbänke sind in Bogenform ausgerichtet auf die eine Ecke, in der Altar, Tabernakel und Orgel ein Viertel des Raumes einnehmen. Während Pfarrer Philipp Ottiger mit Ministranten und zwei jungen Lektorinnen den Gottesdienst zelebriert, erklärt Pontillo über einen Knopf im Ohr, was im Altarraum geschieht und welche Relevanz es für Liturgie und Glauben hat.
Idee entstand auf Firmreise
An diesem Freitagabend findet in Muttenz nach Pontillos Wissen der erste Audioguide-Gottesdienst in der Schweiz, zumindest im Bistum Basel statt. Das Konzept hat der Leiter des Fachbereichs Jugend und Familie des Pastoralen Zentrums der Römisch-Katholischen Landeskirche Basel-Landschaft selbst entwickelt.
«Die Idee entstand auf einer Firmreise beim Besuch einer grossen Kirche in Roma», erklärt Pontillo im Pressegespräch nach dem Gottesdienst. Die 40 Jugendlichen, die er begleitet habe, seien wie nun in Muttenz mit Ohrhörern ausgestattet und von einem Sprecher über ein Headset informiert worden: «Gleichzeitig zu dem Besuch in der Kirche feierten Menschen gemeinsam einen Gottesdienst. Dieser wurde nicht beeinträchtigt durch die Kirchenführung.»
«Nun folgt die Wandlung.»
Pontillo will «Elemente, kirchliche Fachbegriffe, Gebete und Riten der Feier» einfach erklären, Menschen die Hemmschwelle für Gottesdienstbesuche nehmen. Die Teilnehmer erhielten «mit dem Kopfhörer einen vertieften Einblick in die Strukturen und zentralen Elemente einer Gottesdienstfeier, darunter Wort, Sakrament und Rituale», ohne den Ablauf der Feier durch Beschallung zu stören.
Im Gottesdienst fährt Pontillo fort mit den Erklärungen: «Pfarrer Ottiger bereitet nun die Eucharistie vor: Sie steht für alles, was wir Gott geben wollen, unser Leben, unsere Arbeit.» Während Ottiger die Gaben auf dem Altar richtet, sagt Pontillo: «Nun folgt die Wandlung.» Dann schweigt er aber. Die Zuhörer bekommen nicht erklärt, was Ottiger da genau mit Kelch und Hostien auf dem Altar tut. Pontillos Erklärungen setzen erst wieder mit dem Friedensgruss ein. Was Pontillo über das Schlussgebet und den Segen sagt, ist wegen Interferenzen nicht mehr so gut zu verstehen.
Medien sind interessiert
Es ist ein Pilotprojekt. Pontillo nutzt den Muttenzer Gottesdienst als ersten Versuchslauf für den Audioguide-Gottesdienst. Die Landeskirche informierte über den Newsletter über die Veranstaltung, für die sich die Besucher anmelden mussten – damit genug Kopfhörer da sind. Pontillo ist erfreut vom Interesse der Medien, die er nicht eigenes eingeladen hatte: Neben kath.ch sind Vertreter einer Zeitung und eines TV-Senders aus der Region anwesend.
Im gemeinsamen zwanglosen Gespräch im Pfarreizentrum mit den Medien erklärt Pontillo, dass er sich das Konzept des Audioguide-Gottesdiensts für verschiedene Anlässe vorstellen könne und nennt als Beispiele Eucharistiefeier, Wortgottesdienst, Kommunionfeier, Familiengottesdienste, Erstkommunion- und Firm-Vorbereitungsgottesdienste sowie Jugendgottesdienste.
Abgehängt im Nebenraum
Pontillo berichtet, welche Anlaufschwierigkeiten er heute hatte, sich etwa dem Rhythmus des Pfarrers anzupassen, um ihm nicht reinzureden. Trotz der freien Sicht auf den Altar habe er sich im Nebenraum etwas abgehängt gefühlt. In weiteren Probegottesdiensten mit Jugendlichen vor diesem in Muttenz habe er Blickkontakt zu seinen Zuhörern gehabt. Das sei hier wegen der Akustik des Kirchenraums nicht möglich gewesen.
Warum küsst der Pfarrer die Bibel? Wann muss man aufstehen, wann hinknien, warum so oft? Warum trinkt der Pfarrer den gewandelten Wein alleine? Warum bekommen Kinder keine Hostien? Solche kleinen Fragen, die nicht nur kirchenferne Menschen, sondern vielleicht auch gelegentliche katholische Gottesdienstbesucher stellen mögen, hatte Pontillo nicht auf dem Schirm.
Geistliches Erleben nicht stören
Das Konzept des kirchlichen Jugendarbeiters ist klar: Er will das geistliche Erleben des Gottesdienstes nicht zerstören, in dem er es theologisch oder gar religionswissenschaftlich seziert. Deshalb habe er etwa aus Respekt vor dem Ereignis absichtlich nicht detaillierter erklärt, was während der Wandlung passiere. Pontillo ist aber sehr dankbar für die Rückmeldungen und Eindrücke der Medienvertreter, die einen unterschiedlichen Erfahrungs- und Wissenstand in Bezug auf katholische Theologie und Liturgie mitbringen.
Schon bei der Begrüssung vor dem Gottesdienst hatte Pontillo gesagt, wie schwierig es sei, einen Mittelweg zu finden für den Anspruch verschiedener Zielgruppen der Audioguide-Gottesdienste. Von Grundkenntnissen im katholischen Glauben geht Pontillo bei seinen Zuhörern aus: Er denkt etwa an Katecheten oder an Firmlinge, die den Ablauf eines Gottesdienstes zuvor im Religionsunterricht besprochen haben und nun live erklärt bekommen.
Pfarreien können Angebot buchen
Dankbar nimmt Pontillo aber auch den Vorschlag eines Medienvertreters auf, Audioguide-Gottesdienste für Hochzeiten zu entwickeln, wo oft Besucher anderer oder keiner Konfession teilnähmen. «Ich brauche Rückmeldungen aus den verschiedenen Zielgruppen», sagt Pontillo abschliessend. Weitere Probegottesdienste sollen folgen. Das Angebot des Audioguide-Gottesdienstes ist aber bereits für interessierte Pfarreien buchbar – vorerst nur in der Baselbieter Landeskirche, eine Ausweitung strebt Pontillo aber längerfristig an.
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