Schweiz

Party bis zum Morgen: Kaspar Kusters erstes Pfarrhaus war neben einer Disco

Kaspar Kuster und Josef Wick trennten mehr als 8000 Kilometer. Trotzdem verband die beiden Priester eine lebenslange Freundschaft. Josef Wick (83) bewundert seinen nach Brasilien ausgewanderten Freund: «Kaspar Kuster hat die Liebe zu den Armen viel konsequenter gelebt als ich.»

Barbara Ludwig

Josef Wick und Kaspar Kuster hatten Vieles gemeinsam. Sie stammen aus derselben Region im Kanton St. Gallen. «Unsere beiden Familien waren am Lattenbach zu Hause», sagt Josef Wick. Das ist ein Nebenfluss der Jona, die in den Oberen Zürichsee mündet. Unweit des Lattenbachs in Ermenswil, einem Ortsteil von Eschenbach SG, besass der Vater von Kaspar ein Sägewerk.

Gemeinsam nach Jerusalem

So richtig kennengelernt hätten sie sich aber erst während des Theologiestudiums in Freiburg gegen Ende der 1950er-Jahre, sagt Wick. Als Studenten unternahmen sie 1962 gemeinsam eine Reise ins Heilige Land – über Genua, Alexandria, den Sinai, Beirut, Damaskus und Amman bis nach Jerusalem. «Die Reise dauerte vier Monate. Grosse Strecken haben wir zu Fuss zurückgelegt. Wir haben viel miteinander erlebt», erzählt Wick.

Kaspar Kuster (Mitte) und Josef Wick (rechts) wurden am 14. März 1964 in der Pfarrkirche von Eschenbach SG geweiht.

Wir sitzen am Esstisch in seiner kleinen Einzimmer-Wohnung in der Rapperswiler Altstadt. Wick zeigt ein altes Foto: Darauf sieht man ihn und Kaspar Kuster am Tag ihrer Priesterweihe. Sie fand 1964 in der Pfarrkirche von Eschenbach statt. Es war eine weitere gemeinsame Station auf ihrem Lebensweg. Geweiht wurden die Diakone vom damaligen St. Galler Bischof Josephus Hasler.

Später sollten sich die Wege der beiden Jungpriester trennen. Josef Wick blieb in der Schweiz. Er wirkte in verschiedenen Orten seines Bistums als Pfarrer, einige Jahre lang auch als Regens in Freiburg und St. Gallen.

Josef Wick zeigt das Erinnerungsstück: das Foto von ihm und seinem Freund Kaspar Kuster wurde anlässlich der Priesterweihe gemacht.

Leben mit den Armen

Seinen Kollegen hingegen zog es in die Mission. 1968 verliess Kaspar Kuster seine Heimat für immer und liess sich der brasilianischen Küstenstaat Salvador nieder. Zunächst lebte er in der am Meeresufer erbauten Pfahlbauten-Siedlung Plataforma, später auf dem Gebiet der Grosspfarrei Santa Terezhina. Beides waren soziale Brennpunkte mit vielen armen Menschen.

«Kaspar wollte Missionar werden, um das Leben mit den Ärmsten der Armen zu teilen», sagt Wick. Der 83-Jährige vermutet, seine Bewunderung für Kaspar Kuster habe ihre Freundschaft wesentlich geprägt. «Er hat die Liebe zu den Armen viel konsequenter gelebt als ich.»

Als Kuster einem reichen Vermieter die Leviten las

Josef Wick bekam teils auch mit, wie sich sein Freund mit Wohlhabenden anlegte, wenn er Arme bedroht sah. Einmal sei er dabei gewesen, als Kuster einem skrupellosen Vermieter die Leviten las. Dieser habe die Menschen, die ihre Miete nicht mehr bezahlen konnten, Knall auf Fall auf die Strasse gestellt.

Kaspar habe zu dem Mann gesagt: «Was du machst, entspricht nicht unserem Glauben und auch nicht deinem.» Der Vermieter habe mit Wut reagiert und den Pfarrer zum Teufel gejagt, erzählt Wick.

«Kaspar ging von Hütte zu Hütte. Immer war er unterwegs.»

Josef Wick

«Kaspar hat vorgelebt: Das Evangelium und die Kirche sind für die Menschen da. Die Leute haben das verstanden. Deshalb war er hochgeachtet und geliebt.» 

Szene in einem Quartier von Salvador: Kaspar Kuster war oft unterwegs. Hier umarmt er einen Bewohner der Favela.

Selbstverständlich habe Kuster Gottesdienste und Messen für seine Leute gefeiert. Aber damit habe er sich nicht begnügt. «Er ging von Hütte zu Hütte, von Wohnung zu Wohnung. Immer war er unterwegs.»

Viele Unterstützer in der Heimat

Wick bewundert auch, wie sein Freund manche Gegebenheiten in der brasilianischen Metropole einfach so hinnahm: eine Disco neben dem Pfarrhaus, die bis in die Morgenstunden lärmte; eine Kirche, die nie fertig gebaut, aber genutzt wurde.

Auch Josef Wick gehörte zu den Menschen, auf deren Unterstützung der Brasilien-Missionar zählen konnte.

Josef Wick hat immer wieder Geld gesammelt für die sozialen Projekte von Kaspar Kuster und dabei auch sein eigenes Portemonnaie nicht geschont. «Viele andere Leute aus dem Bistum St. Gallen, auch Pfarrer, haben das gemacht», weiss der Priester. Auch sein Bruder habe den Missionar finanziell unterstützt. Dass sein Freund über die genaue Verwendung der Gelder nicht Rechenschaft ablegte – darüber sieht Josef Wick grosszügig hinweg. «Mein Bruder sagte immer wieder: Kaspar ist ein Chaot, aber ein Menschenfreund.» Immer sei klar gewesen: «Er braucht das Geld nicht für sich, sondern für die Armen.»

«Er hat die Aussicht auf ein schöneres, leidloses Leben nach dem Tod immer in sich getragen.»

Josef Wick

Ob in der Schweiz ein Abschiedsgottesdienst für Kaspar Kuster gefeiert wird, ist noch immer offen. Darum kümmern sich die Angehörigen des verstorbenen Priesters. Josef Wick versichert: «Ich wäre auf jeden Fall dabei.»

Dass sein Freund gestorben sei, mache ihn nicht traurig. Kaspar Kuster sei in den letzten Jahren gesundheitlich angeschlagen gewesen. «Ich bin froh, dass er nun von seinen Leiden erlöst worden ist.» Josef Wick ist sich gewiss, dass sein Freund bereits jetzt «in der Seligkeit» sei. «Er hat die Aussicht auf ein schöneres, leidloses Leben nach dem Tod immer in sich getragen.»


Kaspar Kuster in Brasilien, undatierte Aufnahme | © zVg
24. Juni 2021 | 18:07
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