Opus Dei-Sprecher: Maximal zwei Stunden Askese pro Tag
Die Spanierin Marina Pereda (37) hat nach eigenen Angaben als Minderjährige beim Opus Dei unter Zwang ein sehr asketisches Leben geführt – Bussgürtel inklusive. Laut Beat Müller, Sprecher von Opus Dei Schweiz, können Minderjährige jedoch nicht Mitglied sein. Askese wird indes praktiziert – mit oder ohne Bussgürtel. Die Gefahr, dass es dabei zu schädlichen Übertreibungen kommt, hält Müller für gering.
Barbara Ludwig
Die Spanierin Marina Pereda sagte kürzlich im Interview mit der «Neuen Zürcher Zeitung» (2. Juni), dass sie bereits mit 14 Jahren Mitglied des Opus Dei («Werk Gottes») geworden sei, auf der Basis einer mündlichen Absprache und ohne Zustimmung ihrer Eltern. Unterdessen hat die heute 37-Jährige die katholische Organisation verlassen.
Opus Dei dementiert Aufnahme Minderjähriger
Opus Dei Schweiz reagierte umgehend auf die Publikation. Bereits seit 1982 würden ausschliesslich volljährige Personen «rechtsgültig» in das Opus Dei aufgenommen, teilte es auf seiner Website mit. Das war rund 20 Jahre vor dem angeblichen Beitritt von Marina Pereda. Auch dass der 14-Jährigen das Zölibat auferlegt worden sei, sei nicht korrekt.
Beat Müller ist Sprecher von Opus Dei Schweiz. Minderjährige könnten der Organisation nicht angehören, teilt er kath.ch auf Anfrage mit. «Sie können ohne Wissen und Zustimmung der Eltern nicht einmal formell um eine zukünftige Aufnahme bitten.»
Vorwurf des Zwangs
In dem Interview schilderte Marina Pereda, was ihr als Jugendliche in Spanien, dem Ursprungsland der 1928 gegründeten Organisation, widerfuhr. Unter anderem musste sie «strenge Gebetsregeln befolgen, Selbstkasteiungen mit dem Bussgürtel praktizieren, täglich kalt duschen – auch sonntags – und auf jeden Genuss verzichten». Dies alles soll unter Zwang geschehen sein.
Und es hatte Folgen: «All das prägt einen Körper, der sich noch entwickelt», so das ehemalige Mitglied. Man entfremde sich dadurch von eigenen, grundlegenden Bedürfnissen wie Essen oder Schlaf.
«Die erwähnten Formen der Askese werden den Mitgliedern weder in der Schweiz noch anderswo aufgezwungen.»
Passiert so was auch mit jungen Menschen in der Schweiz? Opus Dei-Sprecher Müller antwortet zunächst, er habe «grosse Mühe» zu glauben, dass Pereda «auf jeden Genuss» habe verzichten müssen. Das habe jedenfalls nichts zu tun mit allem, was er über Jahrzehnte hinweg in verschiedenen Ländern erlebt habe, Spanien inklusive. Überall feiere man Festtage, mache Ausflüge und Sport, schaue zusammen Filme oder die Fussball-WM.
Dann versichert Müller: «Die erwähnten Formen der Askese werden den Mitgliedern weder in der Schweiz noch anderswo aufgezwungen, geschweige denn den Nichtmitgliedern oder gar Jugendlichen.» Verbindlich seien in dieser Hinsicht nur die Fastengebote der Kirche.
«Kleine Selbstüberwindungen»
Die Mitglieder der Organisation – das sind sowohl katholische Laien als auch Priester – sind jedoch gehalten, ihr Leben auch durch Askese zu heiligen. Neben dem Gebet pflege man auch «eine christliche Askese», bestätigt Beat Müller. Was heisst das konkret?
Die wichtigste Askese bestehe «in den vielen kleinen Selbstüberwindungen, die einem das normale Leben abverlangt», erklärt Müller. Zum Beispiel: «eine komplizierte Arbeit anpacken und zu Ende führen, ungelegene Besucher freundlich empfangen, eigene Frustrationen nicht an den anderen auslassen oder das benutzte Geschirr nicht herumliegen lassen».
«Ich frage mich, weshalb der Bussgürtel immer nur im Zusammenhang mit dem Opus Dei problematisiert wird.»
Viele Menschen würden solche Dinge wohl eher als Tugenden oder respektvolles Verhalten gegenüber Mitmenschen denn als Askese bezeichnen. Wenn es um Askese beim Opus Dei geht, denken viele reflexhaft an den berühmt-berüchtigten Bussgürtel. Beat Müller scheint das etwas zu ärgern.
Zwar räumt er ein, dass diese Form der Askese, also das Tragen eines Bussgürtels, «in unseren Breitengraden als sehr befremdlich» empfunden werde – wofür er Verständnis habe. Trotzdem frage er sich, «weshalb sie immer nur im Zusammenhang mit dem Opus Dei problematisiert wird, obwohl sie hier eine sehr untergeordnete Rolle spielt, während die ungleich strengere Askese von vielen grossen Heiligen und deren Gründungen kaum je Anstoss erregt und der Verehrung dieser Heiligen keinerlei Abbruch tut.»
Bussgürtel wird einem Teil der Mitglieder empfohlen
Auf die Frage, ob das Opus Dei seine Mitglieder auffordert, sich mit dem Bussgürtel zu kasteien, antwortet Müller: «Die meisten werden mit Rücksicht auf ihre Lebensumstände aufgefordert, davon abzusehen.» Um welche Lebensumstände es da geht, bleibt offen. «Den übrigen» werde diese Form der Askese «vorgeschlagen, sofern sie damit einverstanden sind.» Dies sei meistens der Fall.
Bussgürtel sind folglich eine Realität innerhalb der Organisation, der weltweit nach eigenen Angaben 95’000 in 69 Ländern und in der Schweiz zirka 300 Mitglieder angehören.
Wie Akupunkturmatte
Bussgürtel haben – aus Sicht von Beat Müller – auch nichts Anrüchiges an sich. Im Gegenteil. «Man darf hier daran erinnern, dass es sich um eine über Jahrhunderte erprobte Form der Askese handelt, zudem in ihrer moderatesten Form», schreibt er. Und: «In ihrer äusserlichen Wirkung kann man sie gut mit einer Akupunkturmatte vergleichen.»
In den Anfängen des Opus Dei sei diese Form der Askese in der katholischen Kultur «weit verbreitet und allgemein anerkannt» gewesen, so Müller. Persönlichkeiten wie Papst Paul VI., Mutter Teresa oder Bischof Oscar Romero hätten sie praktiziert. Zur Beschaffenheit der von Opus Dei-Mitgliedern verwendeten Bussgürtel will sich Müller allerdings nicht äussern.
Askese als Solidarisierung mit Jesus Christus
Askese ist aus Sicht des Opus Dei kein Selbstzweck. Ihr Sinn sei in erster Linie die Solidarisierung mit Jesus Christus in seiner Erlösungstat», erklärt Beat Müller. Sie entspreche dem «Beten des Leibes», wie es Josemaria Escriva, der Gründer der Organisation, formuliert habe.
Askese wirke zugleich «charakterbildend», so Müller weiter. Denn: «Ein Leben, das nur aus Konsum ohne jegliche Form von Verzicht und Selbstüberwindung besteht, macht unfähig, sich für andere zu verwenden.» Und ein solches Leben mache «unglücklich».
«Wer das normale Alltagsleben christlich gestalten möchte, neigt nicht zu Übertreibungen.»
Zu viel Askese, zumal in jungen Jahren, kann auch schädlich sein, wie das Beispiel von Marina Pereda zeigt. Wie schützt das Opus Dei seine Mitglieder vor schädlichen Übertreibungen? Allzu grosse Befürchtungen hegt Beat Müller diesbezüglich nicht. «Wer das normale Alltagsleben christlich gestalten möchte, neigt nicht zu Übertreibungen», zeigt er sich überzeugt. Deshalb sei die Gefahr «schon von vornherein sehr klein».
Den Mitgliedern, die sich für die körperliche Askese entschieden hätten, seien auf jeden Fall «klare Grenzen gesetzt», erklärt der Sprecher. Und die sehen folgendermassen aus: «An allen Sonn- und Feiertagen und an vielen weiteren, kleineren Festtagen im Jahreskreis unterlässt man diese Übung. An den übrigen Tagen ist sie auf zwei Stunden begrenzt.»
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