Engagiert sich für Flüchtlinge in Luzern: Nicola Neider Ammann.
Schweiz

Nicola Neider: «Der Preis ermutigt, mich weiter für Menschen auf der Flucht einzusetzen»

Die Luzerner Theologin Nicola Neider wird mit dem Fischhof-Preis ausgezeichnet. Sie nehme den Preis im Namen aller Engagierten entgegen, sagt sie. Ihr Engagement beruhe auf der Befreiungstheologie und ihren jüdischen Wurzeln.

Regula Pfeifer

Was bedeutet Ihnen der Fischhof-Preis, den Sie erhalten?

Nicola Neider*: Die Ankündigung, dass die Gesellschaft gegen Rassismus und Antisemitismus mir den Fischhof-Preis verleihen möchte, hat mich sehr überrascht und berührt. Er bedeutet mir insofern sehr viel, als damit ein Engagement gewürdigt wird, welches einer oft vergessenen und an den Rand der Gesellschaft gedrängten Personengruppe gilt: Menschen ohne Aufenthaltsbewilligung, sogenannten Sans-Papiers. Und ich nehme den Preis auch im Namen aller entgegen, die sich für diese Personengruppe engagieren, denn ich mache dies ja nie alleine, sondern bin eingebettet in verschiedene Netzwerke, ohne die ich das Engagement niemals hätte leisten können. 

«Wir sind daran, Menschen einen sicheren Zugangsweg in die Schweiz zu ermöglichen.»

Wird er Ihr Engagement beeinflussen?

Neider: Ich nehme diese Ehre als Bestärkung meines Engagements entgegen und fühle mich sehr ermutigt, mich weiterhin einzusetzen, wo immer die Würde und die Freiheit von Menschen auf der Flucht verletzt werden, von Sans-Papiers, die Angst haben, entdeckt zu werden und generell von Menschen, die auf der Schattenseite der Gesellschaft leben. Gerne möchte ich in den erwähnten Netzwerken auch weitere Projekte und Aktivitäten im Sinn einer Solidarität mit Menschen auf der Flucht realisieren. So sind wir aktuell daran, ein Projekt aufzugleisen, welches Menschen aus Flüchtlingslagern einen sicheren Zugangsweg in die Schweiz ermöglichen soll.

Nicola Neider bei der Übergabe der Petition gegen die Ausschaffung einer Tschetschenin und ihrer 12-jährigen Tochter, 2019
Nicola Neider bei der Übergabe der Petition gegen die Ausschaffung einer Tschetschenin und ihrer 12-jährigen Tochter, 2019

Wie setzen Sie das Preisgeld ein?

Neider: Ich möchte einen grossen Teil des Geldes für Projekte für Geflüchtete und Sans-Papiers einsetzen. So können wir den Menschen, die unsere Beratungsstelle Sans-Papiers Zentralschweiz aufsuchen in diesem Jahr zum Beispiel eine sehr schöne Weihnachtsfeier ermöglichen, so dass sie einige Stunden Fröhlichkeit und Wärme erleben und ihre Sorgen einmal vergessen können. Hier geht es vor allem auch um die Kinder in der Nothilfe, auf deren sehr schweres Schicksal soeben eine Studie der Eidgenössischen Kommission für Migration hingewiesen hat.

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Weshalb engagieren Sie sich für Flüchtlinge und Sans-Papiers?

Neider: Das hat etwas mit meinem theologischen Werdegang im Kontext der lateinamerikanischen und philippinischen Befreiungstheologie zu tun. Als Kirchenfrau wollte ich unser Engagement als Kirche immer schon ganz konkret in die Arbeit für Menschen am Rande einsetzen, für sie da sein und ihnen Möglichkeiten öffnen, ihren eigenen Weg gehen zu können.

«Die Kirche muss sich bezüglich Asyl professionalisieren.»

Sans-Papiers können dies nur, wenn sie einen legalen Status haben. Dass die Kirche sich hier professionalisieren muss, wurde mir bei der Seelsorge in einem Quartier in Luzern deutlich, wo wir damals recht hilflos waren, wenn Menschen mit einem negativen Asylentscheid sich an uns gewendet haben.

Hat das auch mit jüdischen Menschen in Ihrer Verwandtschaft zu tun?

Neider: Meine jüdischen Wurzeln haben sicher sehr viel zu meiner Sensibilisierung gegenüber Rassismus und Antisemitismus beigetragen. Wenn ich in meinem eigenen Stammbaum Namen von Menschen lese, die in Theresienstadt, Minsk oder Auschwitz umgekommen sind, dann wird die Katastrophe der Shoa auf einmal sehr real.

«Wir können Gottes Antlitz in jedem leidenden Menschen sehen.»

Theologisch hat mich ein Satz von Elie Wiesel aus seinem Buch «Die Nacht» wachgerüttelt, als während eines Appells in einem Vernichtungslager alle zusehen mussten, wie ein Junge gehenkt wurde und jemand leise fragte: «Wo ist Gott? Und ich hörte eine Stimme in mir antworten: Wo er ist? Dort – dort hängt er, am Galgen …» Es ist mein eigener Glaube und meine Überzeugung, dass wir Gottes Antlitz in jedem leidenden Menschen und auch in der aktuell leidenden Umwelt sehen können. Und dass jeder von uns dazu aufgerufen ist in der Nachfolge Jesu sich hier im Rahmen seiner Möglichkeiten zu verhalten.

Wie kommt es, dass Sie Katholikin sind?

Neider: Da mein Grossvater jüdisch war, er aber eine rheinländische Katholikin heiratete, wurde ich katholisch.

Der Fischhof-Preis

Der Zürcher Fischhof-Preis zeichnet das Engagement von Menschen aus, die sich gegen Diskriminierung, insbesondere gegen Rassismus und Antisemitismus, einsetzen. Der Preis wird seit 1992 alle zwei Jahre von der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) und der Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz (GMS) verliehen, unterstützt vom Sigi und Evi Feigel-Fonds. Er ist mit 50’000 Franken dotiert, ist auf der GRA-Webseite zu lesen.

Nanny Fischhof-Barth (1901–1997) stiftete den Preis im Andenken an ihren Mann Erich Fischhof und in Erinnerung an ihre Schwester. Beide litten unter Antisemitismus und nationalsozialistischen Repressionen.

Der diesjährige Fischhof-Preis geht unter anderem an die Luzerner Theologin Nicola Neider. Sie erhalte den Preis 2024 für ihr Engagement für Zugewanderte – darunter Geflüchtete, Migrantinnen und Migranten sowie Sans-Papiers –, «denen sie täglich Schutz und Unterstützung bietet», heisst es bei GRA. Dies nicht nur als Leiterin Migration und Integration der katholischen Kirche Stadt Luzern. Sondern auch zivilgesellschaftlich-politisch. «Sie wirkte an der Migrationscharta mit, unterstützte das No-Frontex-Bündnis und engagiert sich seit der Gründung als Präsidentin der Sans-Papiers–Beratungsstelle Luzern», schreibt GRA.

Gleichzeitig zeichnet der Fischhof-Preis auch den Alt-SP-Nationalrat Angelo Barrile aus «für seinen unermüdlichen Kampf um Gleichheit und Inklusion in der Gesellschaft». Und Mitte-Ständerätin Marianne Binder-Keller erhält den Preis «für ihr jahrelanges politisches Engagement gegen Antisemitismus und zum Wohl der jüdischen Gemeinschaft». (rp)

*Nicola Neider Ammann, Leiterin des Fachbereichs Migration & Integration der Katholischen Kirche Stadt Luzern. Das Interview wurde schriftlich geführt. Die Preisverleihung findet am Montag, 18. November, um 18 Uhr im Zunfthaus zur Meisen in Zürich statt.


Engagiert sich für Flüchtlinge in Luzern: Nicola Neider Ammann. | © Raphael Rauch
18. November 2024 | 12:00
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