Gilles Roduit auf einem Berggipfel.
Schweiz

Nach neuen Vorwürfen gegen Gilles Roduit: Abtei St-Maurice verteidigt Rehabilitierung

Noch mehr Zeugenaussagen werfen dem Walliser Kanoniker Gilles Roduit unangemessenes Verhalten gegenüber Mädchen vor. Dabei handelt es sich um sexuell anzügliche Bemerkungen und körperliches Verhalten. Die Abtei St. Maurice rechtfertigt jetzt die Rehabilitierung des Domherrn.

Die neuen Vorwürfe wurden in der Sendung «Mise au Point» des Westschweizer Fernsehens vom vergangenen Wochenende erhoben. Bereits im November 2023 hatte das TV-Magazin über Vorwürfe gegen mehrere Chorherren wegen sexuellen Missbrauchs berichtet. Der Fall von Giles Roduit erregte das grösste Aufsehen, er ist auch Pfarrer in St-Maurice.

Beschuldigt, 30-Jährige berührt zu haben

Roduit wurde beschuldigt, Anfang der 2000er Jahre eine etwa 30-jährige Frau berührt zu haben, als diese 12 Jahre alt war. Diese Taten sind mittlerweile verjährt und die Justiz hat dreimal das Verfahren eingestellt. Nach der Sendung wurde Roduit von seinem Amt als Pfarrer suspendiert, bis die Dinge geklärt sind.

Gilles Roduit im Gottesdienst
Gilles Roduit im Gottesdienst

Zu diesem Zweck beauftragte die Abtei St-Maurice (VS) im Februar eine unabhängige Arbeitsgruppe unter der Leitung des Neuenburger Staatsanwalts Pierre Aubert mit der Aufklärung von Missbrauchsfällen in der Abtei oder in ihren Einrichtungen.

In Hungerstreik getreten

Einige Monate später forderte Roduit unter Beteuerung seiner Unschuld, wieder in sein Amt als Pfarrer eingesetzt zu werden, und trat in einen Hungerstreik. Der Priester wurde am 8. Mai wieder in sein Amt eingesetzt. Eine Entscheidung der Abtei, einer Institution, die nur dem Vatikan unterstellt ist, der aber auch die Diözese Sitten zustimmen musste, da der Kanoniker auch Aufgaben ausserhalb des Abteigebiets hatte.

Unangemessenes Verhalten

Zum Zeitpunkt dieser Rehabilitierung war nur eine einzige Anklage gegen ihn bekannt. Nun brachte eine zweite Sendung von «Mise au Point» am letzten Wochenende neue Erkenntnisse: Weitere Zeugenaussagen über unangemessenes Verhalten des Domherrn. Mehrere junge Frauen warfen ihm unangemessene Gesten und Äusserungen vor, die der Domkapitular den Teenagern gegenüber gemacht habe. Diese Meldungen wurden an die von St-Maurice beauftragte externe Untersuchung weitergeleitet.

Die Abtei St. Maurice im Wallis
Die Abtei St. Maurice im Wallis

«Was für ein schöner Pullover…»

Er sei sehr aufdringlich gewesen und habe ihnen Sätze gesagt wie «was für ein schöner Pullover, deine Brüste sehen aus wie Hügel». Andere in der Sendung ausgestrahlte Zeugenaussagen berichten von unangemessener körperlicher Nähe und unpassenden Gesten. Die Eltern der betroffenen Mädchen hatten den Domkapitular damals nicht angezeigt: «Er war der Pfarrer, eine wichtige, respektierte Person», erklärten sie. Es wurden auch neue Meldungen gegen den Domherrn bei der Polizei gemacht.

Neue rechtliche Anhörung gegen Domherrn

Laut der TV-Sendung bestätigte die Walliser Staatsanwältin Beatrice Pilloud, dass es mindestens eine neue Anhörung gegen den Domherrn gab. Sie äusserte sich jedoch weder zum strafrechtlichen Charakter noch zu den Auswirkungen auf das Verfahren. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen. Es soll derzeit keine Verurteilung gegen den Domherrn vorliegen. Den Recherchen von «Mise au Point» zufolge sind die gegen ihn gerichteten Elemente verjährt.

Abtei verteidigt Rehabilitierung

Die Rückkehr des Pfarrers löste Proteste aus, insbesondere von Opferverbänden. «Zu dem Zeitpunkt, als wir diese Entscheidung trafen, hatten wir keine neuen Informationen. Das Warten auf eine Rückmeldung der Staatsanwaltschaft rechtfertigte damals nach unserem Urteil keine Verlängerung der Beurlaubung», rechtfertigt jetzt Jean-Michel Girard, Administrator der Abtei, den damaligen Entscheid für die Rehabilitierung in der Mitteilung von Anfang Woche an cath.ch.

Bischof Jean-Marie Lovey
Bischof Jean-Marie Lovey

«Der Abt hat sich angesichts des erheblichen Drucks an einer Beschwichtigungsaktion beteiligt. Wir haben Petitionen und anonyme Briefe von Gemeindemitgliedern erhalten, um den Domherrn zu rehabilitieren, und es gab auch die Episode des Hungerstreiks», erklärte Pierre-Yves Maillard, Generalvikar der Diözese Sitten, seinerseits in «Mise au Point».

Keine Schuld, aber Bitte um Vergebung

«Die neuen Zeugenaussagen in der Sendung, die auch bei der Staatsanwaltschaft eingereicht wurden, können gegebenenfalls eine Neubewertung der Situation dieses Kanonikers erfordern, sobald wir eine offizielle Rückmeldung von der weltlichen Justizbehörde erhalten haben», so die Abtei in ihrer jüngsten Mitteilung.

Kathedrale von Sitten
Kathedrale von Sitten

Gegenüber Journalisten des Westschweizer Fernsehens wies Roduit die jüngsten Anschuldigungen zurück: «Ich weise jede Beteiligung an den Taten zurück, über die Sie berichten und deren Ursprung und Verbindung zu meiner Person ich nicht kenne.» Am 8. Juli veröffentlichte die Abtei ein Zitat des Kanonikers, in dem es hiess: «Wenn ich während meiner Amtszeit Menschen durch mein Verhalten verletzt habe, bitte ich sie aufrichtig und von Herzen um Vergebung.»

Weitere Fälle

In ihrem letzten Communiqué erwähnte die Abtei die Situation in anderen Fällen, die Kanoniker betrafen. «Die Abtei Saint-Maurice wartet auf mehrere Rückmeldungen der weltlichen oder religiösen Justiz, insbesondere aus Rom und von der Staatsanwaltschaft [Wallis].» Die Aubert-Kommission, die Licht in die von Mitgliedern seiner Gemeinschaft begangenen sexuellen Handlungen bringen soll, muss bis 2025 einen Bericht vorlegen. «Dies ist zwar eine lange Frist für die Opfer und Beschuldigten, aber notwendig für eine qualitativ hochwertige akademische Arbeit», stellt die Institution fest.

Deutscher Priester Gegenstand von Anklage

So berichtet der Text, dass Pater T.R., ein deutscher Priester, der im Abteigebiet von Saint-Maurice inkardiniert ist und in der Abtei unter demselben Regime wie ein Oblat lebt, Gegenstand einer Klage war, die beim Gericht in Regensburg (Deutschland) eingereicht wurde. «Nach dem Urteil wurde gegen diesen Priester nichts unternommen. In der Schweiz wurde jedoch eine Voruntersuchung durch den Apostolischen Administrator eingeleitet, nachdem unangemessenes und zweideutiges Verhalten bekannt geworden war. Diese Untersuchung hat keinen Missbrauch aufgedeckt, weshalb der Pater nicht von diesen pastoralen Aufgaben suspendiert wird, sondern einer verstärkten Überwachung unterliegt.»

Abt Jean Scarcella von Saint-Maurice, 2028
Abt Jean Scarcella von Saint-Maurice, 2028

Noch keine Entscheidung für Abt Scarcella

In der Mitteilung der Abtei wird auch über den Stand der Dinge bei zwei Verantwortlichen der Abtei berichtet: Abt Jean Scarcella und Roland Jaquenoud. Abt Scarcella war viele Jahre lang Abt von St-Maurice und hat sich selbst im September 2023 von seinem Amt suspendiert. Diese Entscheidung erfolgte, nachdem in der Presse bekannt geworden war, dass gegen ihn eine kanonische Untersuchung wegen Berührungen einer minderjährigen Person geführt wurde. «Die Schlussfolgerungen dieser Untersuchung haben uns nicht erreicht und wir warten auf eine Rückmeldung aus Rom», sagt Jean-Michel Girard.

Der Kanoniker Roland Jaquenoud, Prior der Abtei, wurde in der ersten Sendung zum Thema von «Mise au Point» im November 2023 belastet. In einer anonymen Zeugenaussage wurde er beschuldigt, eine sexuelle Beziehung zu einem Novizen gehabt zu haben, während er Chef der Novizen war. Die Problematik in diesem Fall betraf die Art der Zustimmung des Novizen, während Roland Jaquenoud in einer Autoritätsposition war.

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«Der Kanoniker Roland Jaquenoud wurde laut einer Anweisung des Vatikans aus dem Jahr 2003 wegen einvernehmlicher homosexueller Handlungen unter Erwachsenen angeklagt und bedauert, dass sein Fall im Zusammenhang mit Fällen von Kindesmissbrauch dargestellt wird», stellt die Abtei fest. «Sein Fall betrifft die Justiz der Kirche, die ihn vor mehr als 20 Jahren verurteilt hat.Er befindet sich in einer befreundeten Gemeinschaft, bis er wieder ein Amt übernehmen kann.»

Der Churer Bischof Joseph Bonnemain spricht an der Medienkonferenz zur Missbrauchsstudie - neben ihm die damalige RKZ-Präsidentin Renata Asal-Stegher
Der Churer Bischof Joseph Bonnemain spricht an der Medienkonferenz zur Missbrauchsstudie - neben ihm die damalige RKZ-Präsidentin Renata Asal-Stegher

«Infolge des Berichts der Universität Zürich (12. September 2023) hat sich der Domherr M.H. Ende Oktober selbst bei der Justiz wegen Handlungen angezeigt, die vor mehr als fünfzig Jahren im Kanton Jura begangen wurden», heisst es in der Mitteilung vom 8. Juli weiter. Die Staatsanwaltschaft des Kantons Jura führte ihre Ermittlungen durch. Sie ist nun aufgrund der Verjährung der Straftat eingestellt worden. Nach einer Anzeige in Rom zelebriert der Kanoniker M.H. nur noch privat und übt kein Amt mehr aus, teilt die Abtei mit. (chm)


Gilles Roduit auf einem Berggipfel. | © zVg
9. Juli 2024 | 12:00
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