Nach Kritik an antisemitischer Darstellung: Kreuzweg in Naters hat nun Hinweisschild
Dem Alttestamentler Thomas Staubli ist eine antisemitische Darstellung in der Kreuzigungsszene in Naters aufgefallen. Pfarrer Jean-Pierre Brunner sah keinen Grund, eine Tafel anzubringen. Nun hat die Pfarrei eine Kehrtwende gemacht – und setzt KI ein.
Jacqueline Straub
Während eines Ferienaufenthalts im Wallis beging der Alttestamentler Thomas Staubli von der Universität Freiburg i.Ue. in Naters einen Kreuzweg. An einer Station fiel ihm die Kinnlade runter, wie er im Februar gegenüber kath.ch sagte. Denn: Unter dem Kreuz waren nicht nur die Mutter Jesu, Maria Magdalena, Johannes, der römische Hauptmann und Josef von Arimatäa zu sehen, sondern – ganz links und ganz rechts – auch Kirche und Synagoge, personifiziert als Frauen.
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Kirche vs. Synagoge
Die Kirche steht vom Gekreuzigten aus gesehen rechts, «auf der guten Seite, mit einer Krone auf dem Kopf und einem Kelch in der Hand, den Blick auf den Leidenden gerichtet», sagt Thomas Staubli. Die Synagoge befindet sich von Jesus aus gesehen links, «auf der schlechten Seite, mit heruntergefallener Krone, herunterfallenden Gesetzestafeln, gebrochenem Stab, einer Binde um die Augen und von Jesus weg, nach unten blickend». Für Staubli war klar: Das ist eine antisemitische Darstellung.
Besonders schockierte ihn, dass der Kreuzweg in dieser Gestalt erst in den 1980er-Jahren errichtet worden war – also lange nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil und dem Konzilsdokument «Nostra aetate». Darin heisst es, dass man die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen dürfe, als wäre dies aus der Heiligen Schrift zu folgern.
Gegenüber dem «Walliser Boten» sagte Pfarrer Jean-Pierre Brunner im Februar, dass er die Darstellung der gedemütigten Synagoge weniger problematisch sehe und der Alttestamentler aus Freiburg lediglich Staub aufwirble, wo keiner sei. Auch gegenüber kath.ch sagte er, dass es vor der Kontaktaufnahme von Thomas Staubli «noch nie eine Bemerkung oder eine Beschwerde» gab. Und: «Wir werden den Kapellenweg sicherlich nicht verändern und wir werden auch keine ‹klärende› Plakette anbringen.»
Eventuell fixe Metalltafel
Nun die Kehrtwende: Pfarrer Jean-Pierre Brunner informierte kath.ch und Thomas Staubli darüber, dass zu Beginn der Fastenzeit an der 12. Station des Kreuzweges ein Hinweis angebracht worden sei. Denn: Die Pfarrei setzte sich «kategorisch gegen jeglichen Antijudaismus ein», schreibt Jean-Pierre Brunner. Sie überlegt sich zudem, «wie dies in Zukunft auch an dieser Stelle noch klarer kommuniziert werden kann». Etwa durch eine fixe Metalltafel.
In einem Hinweisschild am Kreuzweg nimmt die Pfarrei Naters und der Glaubensraum Brig-Glis-Naters-Mund eine deutliche Haltung ein. Sie distanzieren sich in aller Form von jeglichem Antijudaismus und jeglicher Feindseligkeiten gegenüber den Angehörigen des jüdischen Glaubens.
Auch distanzieren sie sich von allen negativen oder beleidigenden Äusserungen gegenüber anderen Religionsgemeinschaften. «Als Pfarrei sind wir uns der grossen Verbundenheit mit dem jüdischen Glauben bewusst. Als Christen fanden wir unseren Ursprung in ihrer Gemeinschaft und ihrer Glaubenstiefe und bleiben wie Geschwister in der Hoffnung auf die Erlösung und die Auserwählung durch Gott untrennbar miteinander verbunden.»
Wird weiter Abklärungen geben
Gleichzeitig bittet die Pfarrei um Verzeihung, wenn durch diese antisemitische Darstellung im Kreuzweg religiöse Gefühle verletzt worden sein sollten. «Es lag nie eine böse Absicht dahinter, sondern wir waren uns der Tragweite der Darstellung nicht bewusst», heisst es in der Stellungnahme weiter.
Ob die Figurengruppe ausgewechselt werden kann oder nicht, bedarf weiterer Abklärungen, auch bei der Pfarreibevölkerung und den verschiedenen Gremien, so Jean-Pierre Brunner.
An der 12. Station des Kreuzweges ist neu ein KI-generiertes Bild an der Scheibe angebracht worden. Es zeigt, wie die Station wohl heute eher figürlich ausgestaltet werden könnte. Man sieht eine Synagoge mit der Krone auf dem Kopf, die ein aufgeschlagenes Buch präsentiert.
Der Alttestamentler Thomas Staubli zeigt sich von diesem Wandel gegenüber kath.ch «baff, zutiefst erfreut und glücklich». Künftig will er von dieser «Umkehr im Unterricht an der Universität» berichten.
Ihn erfreut es auch, dass die Pfarrei sich Überlegungen gemacht hat, wie das Verhältnis von Kirche und Synagoge positiv dargestellt werden kann. «In bekannten Realisierungen davon wird die Synagoge gerne mit einer Torarolle dargestellt, wie sie bis heute im Synagogengottesdienst verwendet wird», so Thomas Staubli.
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