Alttestamentler Thomas Staubli stört sich an antisemitischer Kreuzigungsdarstellung in Naters
Ein Kreuzweg in Naters zeigt eine judenfeindliche Darstellung. Thomas Staubli von der Universität Freiburg (Schweiz) rät, dass sie in der Pfarrei thematisiert, entfernt oder ersetzt wird – oder dass ein Hinweisschild angebracht wird. Der dortige Pfarrer lehnt ab, da er die Diskussion darüber überflüssig findet.
Jacqueline Straub
Als Sie im Wallis Ferien gemacht haben, ist Ihnen der Kreuzweg in Naters aufgefallen. Was hat Sie daran irritiert?
Thomas Staubli*: Auf einer Informationstafel habe ich gelesen, dass der Kreuzweg in den Achtzigerjahren errichtet wurde. Zunächst irritierte mich, dass man in jener Zeit noch einen Kreuzweg im Stil des 19. Jahrhunderts aufgestellt hat. Als ich dann zur Station der Kreuzigung gelangte, fiel mir die Kinnlade runter.
Warum?
Staubli: Unter dem Kreuz sind nicht nur die Mutter Jesu, Maria Magdalena, Johannes, der römische Hauptmann und Josef von Arimatäa zu sehen, sondern – ganz links und ganz rechts – auch Kirche und Synagoge, personifiziert als Frauen.
Und was stört Sie daran?
Staubli: Die Kirche steht vom Gekreuzigten aus gesehen rechts, auf der guten Seite, mit einer Krone auf dem Kopf und einem Kelch in der Hand, den Blick auf den Leidenden gerichtet. Die Synagoge befindet sich von Jesus aus gesehen links, auf der schlechten Seite, mit heruntergefallener Krone, herunterfallenden Gesetzestafeln, gebrochenem Stab, einer Binde um die Augen und von Jesus weg, nach unten blickend.
Das ist eine deutliche Botschaft…
Staubli: Ja, überdeutlich. Die Kirche hat über die Synagoge triumphiert. Sie ist es, die Jesus in Treuen dient und sein Blut im Kelch auffängt und in jeder Eucharistie trinkt, während die Synagoge Jesus nicht als Christus anerkennt und daher von der Kirche als verworfen dargestellt wird. Die Kreuzigung wird so zu einem antijüdischen Manifest, obwohl Jesus ganz und gar Jude war, geboren von einer jüdischen Mutter, beschnitten, gesetzeskundig, predigend in Synagogen, ein frommer Pilger zu den jüdischen Festen, gekreuzigt als «König der Juden».
Weiss der «normale» Gläubige überhaupt, dass es sich hierbei um eine problematische, antisemitische Szene handelt?
Staubli: Im Katholizismus stehen Bilder als Medien der Glaubensvermittlung gleichberechtigt neben Texten. Jedes Kind lernt zum Beispiel mit Hilfe der Figuren der Weihnachtskrippe die Geschichten rund um die Geburt Jesu. Am Karfreitag werden die Bilder der vierzehn Kreuzwegstationen meditiert, wobei jede Figur Ausgangspunkt einer Betrachtung sein kann. Wenn Sie mit den «normalen» Gläubigen jene meinen, die noch an solchen Andachten teilnehmen, dann könnte es sein, dass sie um die Problematik der Szene wissen, falls die Person, die die Andacht leitet, das thematisiert. Wenn Sie mit den «normalen» Gläubigen jene meinen, die wie die allermeisten zu den religiösen Patchworkern gehören, dann dürfte dieses Wissen nur bei ganz wenigen vorhanden sein, die sich aus freien Stücken Gedanken zum Schicksal der Juden und zur Verantwortung der Kirche gemacht haben.
«Der Kreuzweg ist kein ‹unschuldiges› Relikt aus dem 19. Jahrhundert.»
Sollte dieses Bild entfernt werden? Schliesslich steht im Konzilsdokument «Nostra aetate», dass man «die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen, als wäre dies aus der Heiligen Schrift zu folgern», darf.
Staubli: Das grösste Ärgernis des Kreuzweges in Naters besteht ja gerade darin, dass dieser so installiert wurde, als «Nostra aetate» bereits über fünfzehn Jahre lang in Kraft war. Dadurch ist er kein «unschuldiges» Relikt aus dem 19. Jahrhundert.
In der Kunstgeschichte taucht dieses Motiv «triumphierende Kirche» und «gefallene Synagoge» immer wieder auf. Wie sollte damit heute umgegangen werden?
Staubli: Wie ich dem zuständigen Pfarrer Brunner nach meiner schockierenden Entdeckung geschrieben habe, gibt es verschiedene Möglichkeiten, damit umzugehen. Am einfachsten wäre es, die beiden problematischen Figuren, Synagoge und Kirche, zu entfernen. Jene, denen die Figuren schon bisher nicht aufgefallen waren, würden auch ihre Entfernung nicht bemerken und lästige Besucher wie ich, würden nichts mehr zu beanstanden haben.
Oder es könnte eine Tafel angebracht werden?
Staubli: Das wäre aufwendiger, würde aber Gläubige und Passanten zum Nachdenken bringen. Am aufwändigsten, aber auch am kreativsten wäre es, wenn Gläubige, Theologen und Künstlerinnen gemeinsam zwei neue Figuren von Kirche und Synagoge gestalteten, die das Verhältnis der beiden zueinander in adäquater, liebevoller Weise zum Ausdruck brächten. Dafür gibt es auch bereits interessante Vorbilder.
Auch heute gibt es noch Strassen, die «Judengasse» heissen oder auf dem Berner Kornhausplatz ist ein Chindlifresser mit dem Judenhut zu sehen. Was braucht es?
Staubli: Ja, es gäbe noch viele andere Relikte dieser hässlichen Unkultur zu nennen. Der richtige Umgang mit dem in der Kirchengeschichte omnipräsenten Antijudaismus ist die Diskussion, die Aufarbeitung, die Entwicklung von Alternativen. Letztes Jahr habe ich an der Uni Fribourg und in Berns Haus der Religionen an Veranstaltungen zum 60-jährigen Jubiläum von «Nostra Aetate» erlebt, wie wichtig diese Erklärung für das Judentum ist, was für eine unglaubliche Erleichterung es bedeutet zu wissen, dass Jüdinnen und Juden von KatholikInnen jetzt als Geschwister und nicht mehr als Gottesmörder und Feinde betrachtet werden. Das war nach fast zweitausend Jahren eine Revolution. Kein Weg darf dahinter zurückführen. Aber Gleichgültigkeit wäre ein solcher Weg. Stattdessen sollten wir weiter daran arbeiten, die Erklärung des Konzils im Alltag zu realisieren.
«Ich bin ratlos.»
Der Walliser Bote hat den dortigen Pfarrer Jean-Pierre Brunner dazu befragt. Er sieht die Darstellung der gedemütigten Synagoge weniger problematisch, sondern sagt, Sie würden Staub aufwirbeln, der keiner ist. Was sagen Sie dazu?
Staubli: Diese Reaktion löst bei mir viele Fragen aus. Will Pfarrer Brunner von seiner Verantwortung als Theologe seiner Pfarrei ablenken? Will er Oberflächlichkeit und Gedankenlosigkeit fördern? Will er sagen, dass seine Schäfchen sich nicht so viele Gedanken machen und er sich als Hirte darüber nicht sorgt? Oder will er damit sagen, dass es nicht schlimm ist, Synagoge und Kirche zusammen mit dem gekreuzigten Juden Jesus so darzustellen? Ich bin ratlos. Er hatte nach meiner Kontaktaufnahme mit ihm im Herbst 2024 gewünscht, dass ich ihm keine Mails in dieser Sache mehr schreibe. Das habe ich respektiert.
*Professor Thomas Staubli (63) ist Dozent der Universität Freiburg für Altes Testament.
Statement von Pfarrer Jean-Pierre Brunner
Thomas Staubli war mit dem Hinweis auf die antisemitische Darstellung am Kreuzweg die erste Person, die an Jean-Pierre Brunner, Pfarrer von Naters, getreten ist. «Es gab zuvor noch nie eine Bemerkung oder eine Beschwerde», sagt er gegenüber kath.ch. Nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana sind Hunderte von Personen den Weg gegangen. «Keinem der Betenden ist ein Ärgernis aufgefallen», sagt Brunner. Dem Rat von Thomas Staubli, den Kreuzweg in der Pfarrei zu thematisieren und eventuell umzugestalten, will der Priester nicht folgen: «Wir werden den Kapellenweg sicherlich nicht verändern und wir werden auch keine ‹klärende› Plakette anbringen.»
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