Muttertag in der Pfarrei: «schöne Geste» oder «deplatziert»?
Am Sonntag ist Muttertag. Das ist zwar kein kirchlicher Feiertag. Dennoch wird er in einigen Pfarreien gefeiert. In anderen nicht – teilweise mit bewusstem Verzicht. «Jüngere Mütter reagieren zum Teil allergisch», sagt Seelsorger Gerhard Ruff.
Regula Pfeifer
Eine lange Muttertags-Tradition pflegt die Pfarrei St. Maria Müllheim im Kanton Thurgau. Dort gibt es am Sonntag um 10 Uhr einen Familiengottesdienst, bei dem die Mütter besonders geehrt werden.
Seit rund 20 Jahren gebe es diese Muttertags-Tradition, schreibt Pater Jaroslaw Kwiatkowski auf Anfrage von kath.ch. Der leitende Priester der Pfarrei Müllheim steht dem Gottesdienst vor.
«Maria als Mutter ist auch Vorbild für alle Mütter mit all ihren Freuden und Leiden»
Pater Jaroslaw Kwiatkowski
«Es ist mir bewusst, dass Muttertag kein kirchliches beziehungsweise liturgisches Fest ist», sagt Kwiatkowski. Doch da der Muttertag jeweils in den Marienmonat Mai falle, feiere die Pfarrei an diesem Tag den Familiengottesdienst immer in Verknüpfung mit der Gottes Mutter Maria. «Maria als Mutter ist auch Vorbild für alle Mütter mit all ihren Freuden und Leiden», findet der Pater.
Geschenk, Rose und Applaus
Das zeigt sich im Gottesdienst: Die Kinder ehren die Mutter Gottes mit Blumen. Und den eigenen Müttern überreichen sei ein kleines Geschenk. Dieses haben die Primarschulkinder im Religionsunterricht gestaltet.
«Eine schöne Geste ist, dass die Männer im Gottesdienst aufstehen und für den Einsatz der Mütter beziehungsweise Frauen applaudieren», fügt der Priester hinzu.
Zudem erhalten alle anwesenden Frauen eine Rose. Und der anschliessende Apéro wird von den Männern vorbereitet und angeboten.
Im selben Gottesdienst findet in Müllheim jeweils auch die Aufnahme der Ministrantinnen und Ministranten statt. Das sei sowohl für die Kinder wie auch für ihre Eltern ein wichtiger Moment, begründet der Priester die Kombination.
Bürglen feiert erstmals
Die Pfarrei St. Peter und Paul in Bürglen, Kanton Uri, kannte bisher keine Muttertags-Tradition. Sie feiert nun zum ersten Mal – im Rahmen eines Sonntag-Abend-Konzertes. Die Idee dafür stamme vom Organisten Karl Arnold, sagt Pfarrer Wendelin Bucheli auf Anfrage von kath.ch. Dieser kenne dies aus einer anderen Pfarrei. «Vielleicht wird es nun auch bei uns zur Tradition», so Bucheli.
Organist Arnold spielt zum Muttertag in der Pfarrkirche Bürglen volkstümliche Lieder, schreibt die «Luzerner Zeitung». Darunter das Jodellied «o Müetti, gell» von Walter Hofer und «Dankbarkeit» von Franz Stadelmann. Das Konzert ist gleichzeitig ein Jubiläumsanlass für den Organisten, der seit 35 Jahren in Bürglen spielt.
Zwischendurch wird Pfarrer Wendelin Bucheli zum Muttertag reden. «Es geht darum, die Mutter zu würdigen», sagt Bucheli. «Ein Kind macht im Mutterbauch erste Erfahrungen von Geborgenheit.» Ausgehend davon werde er über Geborgenheit grundsätzlich sprechen.
«Mütter haben einen göttlichen Auftrag.»
Pfarrer Wendelin Bucheli
Am Ende des Anlasses wird Bucheli einen Segen über die Mütter sprechen. «Sie haben einen göttlichen Auftrag», sagt der Pfarrer.
Abschied von der Tradition
Die Pfarrei St. Theresia im aargauischen Seon hatte früher mal eine Muttertagstradition. Gerhard Ruff hat bei seinem Stellenantritt als Seelsorger erlebt, dass den Müttern noch Geschenke und Rosen übergeben wurden. Und die Ministrantinnen und Ministranten ihnen gratulierten. Das war vor rund 20 Jahren.
«Diese Tradition hat sich heute überlebt», so Ruff. Zwar wünschten sich über 70-Jährige noch eine solche Feier. «Doch jüngere Mütter finden das deplatziert», so Ruff. «Sie reagieren zum Teil allergisch auf die als plakative Referenz empfundene Tradition.»
«Wir feiern den Muttertag nicht mehr kirchlich», sagt der Seelsorger des Pastoralraums Lenzburg. In den heutigen Familien würden oft keine klassischen Rollenbilder mehr gelebt.
Zudem sei der Muttertag nicht in allen katholischen Kulturen bekannt. In der deutschen Gemeinschaft habe er gar einen schlechten Ruf, weil die Nationalsozialisten ihn für Propagandazwecke missbrauchten, sagt der Seelsorger, der deutsche Wurzeln hat.
«Der Muttertag beziehungsweise Anlässe dazu haben hier in Riehen keine Tradition», sagt Dorothee Becker, Gemeindeleiterin in St. Franziskus Riehen BS. Früher seien in ihrer Pfarrei «schon mal Schoggiherzli oder Rosen verschenkt worden, aber einen Apéro oder Muttertags-Brunch gab es hier meines Wissens bisher nicht.»
Schmerzliche Erinnerung für kinderlose Frauen
Der Muttertag sei eine Familientradition, die «erst einmal gar nichts mit der Kirche zu tun» habe. Deshalb sieht die Theologin keinen Anlass, den Muttertag kirchlich zu begehen. Im Gegenteil könnte eine solche Feier gar negative Folgen haben, findet Dorothee Becker.
«Wenn ich an diesem Tag ausschliesslich an Mütter etwas verschenke, dann werden Frauen, die ungewollt kinderlos sind oder ein Kind verloren haben, mit diesem Schmerz konfrontiert. Dies möchte ich vermeiden.»
«Pflästerli» angesichts Schlechterstellung
Ausserdem ist für die Theologin der Muttertag ein «Pflästerli», das die Schlechterstellung von Müttern und Vätern im Pensionsalter nicht auszugleichen vermöge.
Trotz alledem findet Dorothee Becker «es schön, wenn Menschen einander Freude machen und sich ihre Liebe zeigen, natürlich auch am Muttertag».
Muttertags-Anlässe: Sonntag, 14. Mai: St. Maria Müllheim TG, Familiengottesdienst zum Muttertag, 10 Uhr; St. Peter und Paul Bürglen UR: Muttertagskonzert, 19 Uhr
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