Nazlije Memeti | © Georges Scherrer
Schweiz
Nazlije Memeti | © Georges Scherrer

Muslimische Seelsorge steht noch am Anfang

Zürich, 10.4.18 (kath.ch) «Wir sind noch neu in dem Gebiet.» Mit diesem Satz brachte die St. Galler Spitalseelsorgerin Nazlije Memeti an einem Podium am Montag in Zürich den aktuellen Stand der muslimischen Seelsorge in der Schweiz auf den Punkt.

Georges Scherrer

Das Podium wurde vom «Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesellschaft» (SZIG) zum Deutschschweizer Abschluss des nationalen Projekts «Muslimische Organisationen als gesellschaftliche Akteure» organisiert. Das Projekt wurde vom Staatssekretariat für Migration (SEM) aus Mitteln des Integrationskredits des Bundes und von der Fachstelle für Rassismusbekämpfung (FRB) unterstützt. Aufgrund der guten Erfahrungen fördert das SEM weiterhin das Projekt des SZIG.

Auf dem Podium unter der Leitung von NZZ-Redaktor Simon Hehli sassen drei Personen aus dem Bereich praktische Seelsorge und zwei Personen, die eher im Hintergrund wirken. Thema war die praktische Seelsorge bei Muslimen. Diese steht am Anfang, sagte Nazlije Memeti, muslimische Seelsorgerin am Kantonsspital St. Gallen.

Anforderungsprofil für muslimische Seelsorgende

Sie zeichnete in Zürich die Umrisse eines muslimischen Seelsorgers auf. Dieser müsse selbstverständlich die Rituale der Muslime kennen und über eine theologische Ausbildung verfügen. Er müsse Erfahrungen aus dem Seelsorgebereich in der eigenen Gemeinschaft mitbringen und zudem von den «Erfahrungen christlicher Seelsorger» profitieren.

«Extremisten landen im Gefängnis oder im Grab.»

Kaser Alasaad | © Georges Scherrer
Noch konkreter wurde Kaser Alasaad, der muslimischer Asylseelsorger in Zürich ist. Er forderte eine Ausbildung, die in der Schweiz durchgeführt werde. Seelsorgende müssten einen moderaten Islam pflegen. Mit der Bemerkung, «Extremisten landen im Gefängnis oder im Grab», hatte er die Lacher auf seiner Seite.

Verhältnis Mann und Frau

Ein Muslim, der Seelsorger werden wolle, müsse alle Religionen respektieren, alle Menschen achten und mit den unterschiedlichen Kulturen vertraut sein. Gut zuhören können und viel Geduld haben seien Pflicht. Weltoffenheit und Kenntnisse verschiedener Sprachen seien ein weiteres Muss.

Deniz Yüksel | © Georges Scherrer
Deniz Yüksel von der Fachstelle Integration des Kantons Zürich forderte zusätzlich, dass in der Ausbildung das im islamischen Bereich zum Teil schwierige Verhältnis von Mann und Frau aufgenommen werde und die Männer für die spezifischen Frauenbedürfnisse sensibilisiert würden.

Finanzierung muslimischer Seelsorge

Die Fachspezialistin für Diskriminierungsschutz setzte hinzu, dass die Allgemeinheit ein Interesse an einer breit abgestützten Seelsorge habe und sich darum an der Finanzierung derselben beteiligen müsse.

Seelsorgende brauchen eine gute Ausbildung, sonst laufen sie in der Praxis auf.

Settimio Monteverde | © Georges Scherrer
Der Vorschlag passte ganz ins Konzept des Co-Leiters des Bereichs Klinische Ethik am Universitätsspital Zürich, Settimio Monteverde. Seelsorge solle als «Teil der Grundversorgung» betrachtet werden, verlangte der Ethiker.

Arbeiten in einem menschlichen Grenzbereich

Seelsorgende brauchen eine gute Ausbildung, sonst laufen sie in der Praxis auf, erklärte Monteverde. Er verwies auf Praxisbeispiele am Universitätsspital Zürich, wo Seelsorgende bei der Patientenbetreuung auf sehr schwierige Situationen stossen können.

Aus ihrer Praxis berichtete die reformierte, aus Bern stammende Seelsorgerin am Spital Bülach, Claudia Graf. Krankheiten führten Menschen an Grenzen heran. Sie benötigten darum eine fundierte und qualifizierte Unterstützung durch Seelsorgende. Diese müssten über das nötige «Know-how» verfügen. Wenn sie in Bülach beispielsweise einen Berner Patienten in ihrem Dialekt anspreche, fördere dies das «Zugehörigkeits- und Heimatgefühl» zwischen Patient und ihr als Seelsorgerin. Das Beherrschen verschiedener Sprachen sei darum wichtig.

Da gibt es auf katholischer Seite Nachholbedarf.

Claudia Graf | © Georges Scherrer
Die Seelsorgenden sollten den Patienten mit den Riten ihrer Religion begegnen können. Graf bedauerte, dass ihre katholischen Kolleginnen und Kollegen in Bülach etwa die Krankensalbung nicht spenden dürfen. «Da gibt es auf katholischer Seite Nachholbedarf», sagte Graf in Zürich.

Vorbildliche Arbeit eines nationalen Zentrums

Die Vizedirektorin des Direktionsbereichs Zuwanderung und Integration im Staatssekretariat für Migration (SEM), Cornelia Lüthy, lobte den Einsatz des SZIG für den Dialog mit den Muslimen. Der Schweizer Gesetzgeber habe in umstrittenen Bereichen wie Schwimmunterricht für Muslime oder der Verschleierung von Frauen einen «Ermessensspielraum» offen gelassen, der in Zusammenarbeit mit den Muslimen ausgelotet werden müsse. Wichtig sei dabei sowohl das kritische Hinterfragen der eigenen Position wie auch die Achtung der eigenen Meinung.

Die Organisatoren nahmen feinfühlig auf die Gebetszeiten der Muslime Rücksicht.

Cornelia Lüthy | © Georges Scherrer
Aufgrund der guten Erfahrungen mit den vom SZIG lancierten Workshops, die Vernetzung schafften, wird das SEM die Arbeit des Zentrums im Bereich «Muslimische Organisationen als gesellschaftliche Akteure» weiter unterstützen. Die bisherige «Phase 1» wurde vom SEM mit 220’000 Franken unterstützt. Bis 2020 sollen weitere 330’000 Franken in die «Phase 2» des SZIG-Projekts fliessen, erklärte in Zürich Cornelia Lüthy.

Die Breite muslimischen Engagements aufdecken

Muris Begovic | © Georges Scherrer
Über die Arbeit in diesen Workshops legte der Sekretär der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ) , Muris Begovic, Zeugnis ab. Er sei nie unter Druck gesetzt worden. Die Organisatioren der Workshops hätten feinfühlig etwa auf die Gebetszeiten der Muslime Rücksicht genommen. Der SZIG habe sich als ideales Bindeglied zwischen Behörden, Kirchen und den Muslimen erwiesen.

Es engagieren sich mehr Muslime als angenommen.

Diese Workshops hätten zudem gezeigt, dass sich in der Schweizer Gesellschaft viel mehr Muslime engagierten, als dies der VIOZ bisher bekannt gewesen sei. Dank dem SZIG-Projekt sei der Dialog mit den Muslimen von der persönlichen Zusammenarbeit auf eine «institutionelle» Ebene gehoben worden.

Hansjörg Schmid | © Georges Scherrer
Das in Freiburg beheimatete Zentrum für Islam und Gesellschaft werde weiterhin auf neue muslimische Gruppen zugehen, erklärte in Zürich dessen Direktor Hansjörg Schmid. Diese Gruppen müssten als Bedingung für den Dialog aber die Schweizer Rechtsordnung respektieren.

SZIG-Paper zur Radikalisierung

Der Westschweizer Abschluss des SZIG-Projekt findet am kommenden 16. April in Genf statt. Dann wird die neue Broschüre zum Thema «Radikalisierung» vorgestellt, die wie das «SZIG-Paper» «Muslimische Seelsorge in öffentlichen Institutionen» ebenfalls zweisprachig herausgegeben wird. Die neue Reihe kann direkt auf der Homepage des Zentrums heruntergeladen werden.

Auf Wunsch des Bundesrates

Das Schweizerische Zentrum für Islam und Gesellschaft wurde auf Anregung des Bundesrates gegründet. Eine Arbeitsgruppe unter der Leitung des Rektors der Universität Basel, Antonio Loprieno, entschied sich für den Standort Freiburg. Das Zentrum hat im Januar 2015 seine Tätigkeit offiziell aufgenommen.

Auf der Palliativstation | © KNA
Auf der Palliativstation | © KNA
Interessierte Zuhörerschaft am Zürcher Seelsorge-Podium | © Georges Scherrer
Interessierte Zuhörerschaft am Zürcher Seelsorge-Podium | © Georges Scherrer
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