«Mit einem Flügel kann niemand fliegen»
500 Jahre nach der Badener Disputation fand am Sonntag in der Badener Stadtkirche wiederum eine grosse Versammlung statt. Doch diesmal ging es nicht um ein Streitgespräch, sondern um ein gemeinsames Gebet für denFrieden.
Sabine Zgraggen
Es war einer jener Momente, in denen Geschichte plötzlich sichtbar wird. Zwei grosse Bildhälften mit einer Friedenstaube als Symbol der Versöhnung wurden von Jugendlichen gemalt und in den Altarraum getragen. Noch trennen die Hälften ein Spalt. Dann schieben die Jungen die beiden Teile zusammen. Applaus brandet auf. Wenig später werden die Bilder über dem Altar in die Höhe gezogen. Die Botschaft des Jubiläums könnte nicht deutlicher sein: «Mit einem Flügel kann niemand fliegen!»
Altgläubige und Neugläubige vereint
Lange hats gedauert: 500 Jahre nach der Badener Disputation wurde in der katholischen Stadtkirche Baden nicht der Spaltung gedacht, sondern die Versöhnung gefeiert. Wo sich 1526 Johannes Eck und Johannes Oekolampad in einem erbitterten Streitgespräch als Altgläubige und Neugläubige gegenüberstanden, beteten am Sonntag Bischof Felix Gmür und die Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, Rita Famos, nun gemeinsam am Altar.
Bereits der Auftakt zeigte, wo es lang geht. Auf dem unteren Bahnhofplatz versammelten sich Politik und Kirchenprominenz und die Badener Bevölkerung. Bundespräsident Guy Parmelin, Alt-Bundesrätin Doris Leuthard, Regierungsvertreterinnen und Regierungsvertreter vieler Kantone, Kirchenleitungen und Hunderte weitere Gäste, formierten sich für einen gemeinsamen Festzug. Begleitet von Blas-Musik, Fahnenschwingern und Vereinen zog der Festzug durch die sommerliche Altstadt zur Stadtkirche.
Religion geht alle etwas an
In ihrer Predigt erinnerte Rita Famos daran, dass sich die Kontrahenten vor 500 Jahren «Saures gegeben» hätten. Der Ton sei rau gewesen, die gegenseitigen Verteufelungen hätten tiefe Wunden hinterlassen. «Heute stehen wir gemeinsam am Altar», sagte sie. Im Zentrum ihrer Auslegung des Hohelieds der Liebe aus dem ersten Korintherbrief standen drei Gedanken: Liebe sei Geschenk, Liebe erlaube Widerspruch und Liebe kenne die eigenen Grenzen. Vielfalt sei keine Bedrohung, wenn sie in der Liebe bleibe.
Auch Bischof Felix Gmür schlug die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Die Badener Disputation habe nicht nur theologische Fragen verhandelt, sondern erstmals Politik und Öffentlichkeit miteinbezogen. «Religion gehört in die Öffentlichkeit – und das ist richtig so», betonte er. Gleichzeitig brauche es angesichts neuer gesellschaftlicher Spannungen weiterhin den Dialog zwischen Religionen und Weltanschauungen.
«Peace», «Pace», «Frieden»
Mehrfach wurde an diesem Tag deutlich, dass die Erinnerung an die Disputation nicht rückwärtsgewandt blieb. Ein eigens komponiertes Friedenslied wurde uraufgeführt. Chor, Orchester und Bläser füllten die Kirche mit kraftvollen Klängen, dass die Wände wackelten. Später stimmte die Gemeinde das neue Lied gemeinsam an. Besonders eindrücklich erklang die dritte Zeile: «Nicht Kampf, nicht Ehr, willst du, nicht Sieg.»
Immer wieder waren es junge Menschen, die dem Jubiläum ihre Handschrift gaben. Kinder zogen mit Lautsprechern tanzend durch das Kirchenschiff und riefen «Peace», «Pace» und «Frieden». Die Tanzgruppen setzten mit ihren Choreografien bewegende Akzente, die Sopranistin Deborah Leonetti sang von der Kanzel raumfüllend. Die Botschaft war klar: Die Zukunft der Versöhnung liegt nicht allein in den Händen der Kirchenleitungen, sondern bei allen. Stadtpräsident Markus Schneider brachte es auf den Punkt: «Fangen wir bei uns an».
Der Bundespräsident beim Papst
Im anschliessenden Festakt würdigte Bundespräsident Guy Parmelin den langen Weg, Konflikte auszuhalten. Die Disputation damals sei kein Dialog gewesen, sondern Ausdruck der Abgrenzung. Der daraus entstandene konfessionelle Graben habe das Land über Jahrhunderte gespalten. Heute gehe es darum, die eigenen Werte zu vertreten, ohne anderen ihren Wert abzusprechen. Unter grossem Applaus erinnerte der reformierte Waadtländer daran, dass er eine Katholikin geheiratet habe und kürzlich Papst Leo XIV. getroffen habe – Entwicklungen, die vor Jahrhunderten kaum vorstellbar gewesen wären.
Alt-Bundesrätin Doris Leuthard warb für Hoffnung in einer Zeit globaler Krisen. Frieden sei schwierig, aber möglich. Die Schweiz könne mit ihrer Tradition des Dialogs und der Verständigung einen wichtigen Beitrag leisten. Die UN-Charta und die anerkannten ethischen Prinzipien einten uns.
Eine wichtige Botschaft
Als die Feier mit Friedenslied, Apéro und Friedenssuppe ausklang, blieb vor allem ein Bild zurück: Dort, wo einst gestritten wurde, standen Menschen unterschiedlicher Konfessionen, Generationen und politischer Überzeugungen gemeinsam für Frieden und Verständigung ein. Das war die wichtigste Botschaft dieses Jubiläums.
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