Martin Werlen (OSB) in der Badener Sebastianskapelle
Schweiz

Die Kirche gehört uns

Martin Werlen, einst Abt des Klosters Einsiedeln und seit fünf Jahren Propst der Propstei St. Gerold in Vorarlberg, sprach am Freitagabend in Baden über die spirituellen Herausforderungen der Zeit und über die Möglichkeiten, kirchliche Organisationsstrukturen zu verändern. Sein Auftritt im Rahmen der Gedenkfeierlichkeiten zu 500 Jahre Badener Disputation vermochte die Zuhörerschaft zu begeistern.

Stefan Betschon

Da ist sie, die Kirche, in der Tradition fest verwurzelt, und doch offen für Veränderungen, eine Kirche, die die Menschen ermutigt, stärkt; eine Kirche, die alle miteinbezieht, Männer und Frauen, ein Zuhause für alle Getauften, eine Kirche, die einsteht für die Menschenrechte und auch für die Geschlechtergerechtigkeit. – Da ist sie, die Kirche, wie sie sein muss, wie sie sein wird, wie sie immer war.

Da ist sie, die Kirche, wie sie Martin Werlen am Freitagabend in Baden präsentierte. Nicht eine andere Kirche, so betonte der Benediktinerpater mehrere Male während seines rund einstündigen Auftritts, nicht eine andere Kirche. Aber eine Kirche, die anders ist.

Zukunftsvision

Seine Zukunftsvision, die auch eine Rückbesinnung war, hat die Zuhörerschaft begeistert. Immer wieder gab es spontanen Applaus. Auch Zwischenrufe oder Rückfragen aus dem Publikum in der voll besetzten Badener Sebastianskapelle liessen erkennen, dass der Benediktiner die Menschen auf seiner Seite hat.

Wie schafft er es, die Menschen für sich und sein schwieriges Thema einzunehmen? Es ist seine ruhige Art, sein freundliches Auftreten, seine Nachdenklichkeit: Immer wieder unterbricht er den Redefluss, um nachzudenken. Was er sagt, wirkt nicht wie auswendig gelernt, sondern so, als hätte er das gerade aus der Situation heraus entwickelt.

«Umkehr gehört wesentlich zur Kirche.»

Vor allem aber geht es um das, was er sagt: Die katholische Kirche, die gerade etwas ramponiert ausschaut und aus der Zeit gefallen, hat eine Zukunft. Und diese Zukunft ist zu haben, ohne dass man die Herkunft verleugnen müsste. Immer schon, seit Jesus die Jünger zur Umkehr aufgefordert hat, sei die Fähigkeit zur Veränderung dieser Organisation eingeschrieben.

«Wir brauchen nicht eine andere Kirche, aber eine Kirche, die anders ist. Um immer neu, die Kirche zu werden, die anders ist, braucht es Umkehr. Immer wieder. Wenn wir heute als Kirche am gleichen Ort stünden, wo wir vor 20 Jahren schon waren, dann hätten wir unsere Berufung verpasst. Umkehr gehört ganz wesentlich zur Kirche.»

Kirche muss sich verändern

Die Kirche muss sich verändern, sie kann sich verändern und sie hat sich in jüngster Vergangenheit auch schon stark verändert. Das könne man, so Werlen, etwa daran ersehen, dass er als katholischer Priester auf einem Podium sich den Fragen eines reformierten Pfarrers aussetze. «Heute ist das möglich, dass wir miteinander da sind, weil wir diese Sehnsucht haben, Kirche zu sein, miteinander Kirche zu sein.»

Das Gespräch mit Werlen in der Sebastianskapelle war von der reformierten Kirche Baden und der katholischen Kirchgemeinde Baden-Ennetbaden organisiert worden im Rahmen einer Veranstaltungsreihe, die auf das 500-Jahr-Jubiläum der Badener Disputation Bezug nimmt. Damals, anfangs 1526, fand in der Stadtpfarrkirche Baden ein öffentliches Streitgespräch statt zwischen altgläubigen Theologen und Anhängern der zwinglianischen Reformation.

«Die Berufung der Kirche neu entdecken.»

Martin Werlen, 1962 im Wallis geboren und dort auch aufgewachsen, war von 2001 bis 2013 Abt des Klosters Einsiedeln. Seit 2020 leitet er die Benediktinerpropstei Sankt Gerold im Vorarlbergischen. Er hat sich als Buchautor aber etwa auch als Social-Media-Influencer über die Landesgrenzen hinaus Bekanntheit verschafft.

«Ich bin ein Reformierter», sagt Werlen gleich schon zu Beginn im Gespräch mit dem reformierten Pfarrer Hans Strub. «Ich will niemanden schockieren, wenn ich das sage, aber ich bin reformiert. Und ich hoffe, dass du Hans, katholisch bist. Das ist ein Mensch mit einem weiten Blick.»

«Ecclesia Semper Reformanda»

Eine Maxime der Kirche laute, so sagt Werlen, «Ecclesia Semper Reformanda». Auf Deutsch: Die Kirche muss sich laufend reformieren. Weil er zu leben versuche, was Maxime der Kirche ist, müsse er ein Reformierter sein. Er sei auch evangelisch, «ich hoffe es», denn er versuche sein Leben nach dem Evangelium auszurichten.

«Und ich hoffe auch, dass wir alle orthodox sind, rechtgläubig. Und adventlich, das wünsche ich uns auch, dass wir in Erwartung sind und hoffentlich auch pfingstlich, so dass etwas von dieser Geisteskraft in unserem Leben gegenwärtig ist.»

Indem er Begriffe, die üblicherweise dazu verwendet werden, sich abzugrenzen und andere auszuschliessen – das sei «fürchterlich» –, indem er diese Begriffe auf eine Art benutzt, die verschiedene, gleichermassen wichtige Aspekte des Christseins hervortreten lässt, macht Werlen deutlich, dass das Gemeinsame stärker ist als das Trennende. «So können wir die Berufung der Kirche neu entdecken.»

«Etwas kommt in Bewegung»

Weil Werlen einst als Abt auch Mitglied der Schweizer Bischofskonferenz war, kam sein reformierter Gesprächspartner gleich zu Beginn des Abends auf die hierarchische Struktur der katholischen Kirche zu sprechen. Doch Werlen möchte keinen Unterschied machen zwischen Bischöfen, Kardinälen und Päpsten einerseits und normalen Gläubigen andererseits. Die Taufe mache einen Unterschied, doch was danach komme, sei nicht mehr so wichtig, selbst eine Papst-Weihe sei im Vergleich zur Taufe nur eine «Bagatelle».

In der Nachfolge von Papst Franziskus und mit Verweis auf das für Christen so wichtige Wort von der Umkehr, schlug Werlen vor, die Pyramide der kirchlichen Hierarchie auf den Kopf zu stellen. Und weil – wie das päpstliche Lehramt einst festgehalten hatte (Lumen Gentium) – es ein allen Gläubigen gemeinsames Priestertum gibt, und weil mit dem Sakrament der Taufe, so Werlen, alle Gläubigen in die «priesterliche, königliche und prophetische Dimension Jesu hineingenommen» werden, und weil es ja nicht separate Tauf-Rituale gebe für Frauen und Männer, deshalb müsse es auch Priesterinnen geben. Er sieht viele Hinweise, dass diese seine Ansicht in der Kirche zunehmend Anhänger finde. «Es kommt etwas in Bewegung, es braucht Zeit.»

Wann gibt es katholische Priesterinnen?

«Wie viel Zeit?», will der Gesprächspartner, ein pensionierter Pfarrer, wissen. «Werden wir es noch erleben, dass es katholische Priesterinnen gibt?»

Werlen holt weit aus. Als Herausgeber der Monatshefte «Gemeinsam Glauben» hat er angefangen, dem Papst offene Briefe zu schreiben. In einem dieser Briefe hat er Papst Leo XIV. daran erinnert, dass es noch im 19. Jahrhundert üblich war, dass Päpste hochgestellten Mitarbeitern der Kurie auch ohne Priesterweihe die Kardinalswürde verliehen.

Seit Papst Franziskus gibt es in der Kurie auch weibliche Führungskräfte. So wird etwa das Dikasterium für die Institute des geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens von einer Frau geleitet. Werlen schlug deshalb dem Papst vor, solchen Präfektinnen die Kardinalswürde zu verleihen.

«Wann wird es Kardinälinnen geben?», will der Gesprächspartner wissen. Werlen möchte sich nicht festlegen. Aber er sagt: «Wenn es passiert, würde ich mich sehr freuen. Ich wäre nicht überrascht. Ich habe Hoffnung. Und alle Zeichen, die Papst Leo in den letzten Wochen gegeben hat, gehen in diese Richtung». Damit verweist Werlen auf eine Studie, die der Vatikan am 10. März zur Rolle der Frauen in der Kirche veröffentlicht hat. Dieses Dokument zeige, dass der Papst der Frauenfrage grosses Gewicht beimesse.

«Geht nicht in die Kirche!»

Werlen ist kein Umstürzler, kein Revoluzzer. Wo er Reformen anmahnt, tut er dies auf der Grundlage des Evangeliums oder mit Verweis auf die Tradition. Nur einmal lässt er sich zu einer Provokation hinreissen: «Geht nicht in die Kirche», sagt er. «Ich möchte euch eines ans Herz legen: Geht nie mehr in die Kirche.»

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Einmal seien wir in die Kirche gegangen, und das sei genug. Das war bei der Taufe. Doch als getaufte Christen könnten wir nicht mehr in die Kirche gehen. Jetzt seien wir Kirche. «Wenn wir in die Kirche gehen, bleiben wir Aussenseiter. Doch sobald wir entdecken, dass wir Kirche sind, dürfen wir uns freuen. Denn es ist eine Kraft und eine Freude, den gemeinsamen Glauben zu feiern.» Niemand, auch nicht einmal der Papst, könne allein Kirche sein. «Kirche sind wir alle miteinander. Und das gilt auch über die Konfessionsgrenze hinweg.»

«Die Kirche ist da, wo wir jetzt sind»

Nicht auf die ideale Kirche warten, sondern Kirche jetzt leben – das ist die zentrale Botschaft, die Werlen seinen Zuhörerinnen und Zuhörer am Freitagabend mitgab. «Die Konservativen haben das Bild einer Kirche, wie sie einst war. Und sie lieben dieses Bild einer idealen Kirche mehr als die Kirche.» Und genau so sei es auf der progressiven Seite: «Sie haben das Bild vor Augen, wie die Kirche sein sollte und dieses Bild lieben Sie mehr als alles andere.» Doch beide Gruppen, die für ihre Ideale leben, verpassten die Kirche. «Die Kirche ist da, wo wir jetzt sind.»


Martin Werlen (OSB) in der Badener Sebastianskapelle | © Stefan Betschon
21. März 2026 | 17:00
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