Der Geist von Taizé weht auch in Baden
Am Pfingstwochenende haben 300 überwiegend junge Erwachsene in Baden «einen Tag wie in Taizé» erlebt. Für manche war es ein Wiedersehen, für viele ein Kennenlernen. Von Sonntag auf Montag wurde diskutiert über das Wirken des Heiligen Geistes, die Menschen tauschten Erfahrungen aus, assen und sangen gemeinsam – mit der öffentlichen «Nacht der Lichter» in einer vollbesetzten Stadtkirche als Höhepunkt.
Boris Burkhardt
«Gehörst du auch zu unserer Gruppe?», fragt Alexandra (25) aus Luzern und wartet die Antwort kaum ab: «Komm mit!» Sie steht auf der Nummer 7, die mit Kreide auf den Platz vor der Stadtkirche in Baden in einen Kreis gemalt ist. Fünf andere junge und ältere Erwachsene stehen dabei. Die Nummer für eine der 25 Kleingruppen haben sie aus dem Lostopf gezogen, als sie sich am Mittag beim Empfang anmeldeten.
300 Menschen kamen am Pfingstwochenende nach Baden, um einen «Tag wie in Taizé» zu erleben. Sie kommen hauptsächlich aus der Schweiz, haben teilweise aber auch einen langen Weg auf sich genommen. Die allermeisten sind junge Erwachsene. Aber es sind auch einige dabei, die zum Beispiel 1972 das erste Mal in Taizé waren. In Taizé existiert seit 1942 eine ökumenische Bruderschaft, die jährlich von Tausenden junger Menschen besucht wird. Eingeladen in die Bäderstadt an der Limmat hat das OK des 500-Jahr-Jubiläums der Badener Disputation.
«Taizé hier nach Baden zu holen, nimmt uns aus der Ohnmacht heraus.»
Der ökumenische Geist, der 1526 nicht über die Disputanten habe kommen wollen, solle nun fünf Jahrhunderte später in die Stadtkirche Mariä Himmelfahrt finden, erklärt Claudio Tomassini, Gemeindeleiter in Baden und Mitglied im OK. Er war seit seiner Jugend in Basel regelmässig in dem burgundischen Dorf Taizé und begleitete viele Gruppen dorthin. «Taizé hier nach Baden zu holen», sagt er, «nimmt uns aus der Ohnmacht heraus und stärkt uns, mit Frieden und Hoffnung das Leben und die Welt zu gestalten.»
Die Gruppe um Alexandra setzt sich im Schatten auf den Asphaltboden des Kirchplatzes und stellt sich untereinander vor. Alexandras einnehmende Art erklärt sich schnell, als sie sagt, dass sie Lehrerin ist. «Eine Berufskrankheit», erklärt sie fröhlich. Alexandra war noch nie in Taizé, zum Jahresanfang aber erstmals beim Europäischen Jugendtreffen der Gemeinschaft in Paris dabei. Der Schreiner Johannes (54) aus Kreuzlingen besucht sowohl Taizé als auch die Jugendtreffen seit 40 Jahren regelmässig. Jojo (72) aus Erlinsbach war als Jugendseelsorger schon oft dort.
Sprachenvielfalt auch in Baden
Johannes berichtet, welche Herzlichkeit, Friedlichkeit und innere Ruhe er im Taizé-Gründer Frère Roger Schutz (1915–2005) gespürt habe, als er ihm vor Jahren erstmals im Gebet begegnet sei. Er empfiehlt, in der Karwoche nach Taizé zu gehen: «Es ist ein tolles Gefühl, wie sich in der Gemeinschaft die Spannung bis zur Osternacht steigert.» Die Studentin Melanie (28) aus Luzern schwärmt von der erhebenden Erfahrung, wenn der Ostergruss in vielen Sprachen erklingt: «Manche Sprachen sind zahlreich vertreten. Diejenigen, die nur ein paar Sprecher mitgebracht haben, dafür umso lauter und kräftiger.» Auch Melanie war bereits über zehnmal in Taizé.
Das Thema Sprachen war auf dem Badener Taizé-Treffen von Anfang an akut. «Welcome to Baden. Here my English ends», hatte Tomassini in der Stadtkirche zur Begrüssung der Gäste gesagt und es ernst gemeint. Marjorie übersetzt die restliche Begrüssung auf Englisch, Cécile auf Französisch. Marjorie ist eine 35-jährige Brasilianerin, die ein Jahr in Taizé als Freiwillige arbeitete, Cécile eine 19-jährige Schülerin aus Zürich, die sich freiwillig beim grossen Tag in Baden engagiert. Auf Pfingsten als Fest des Sprachwunders geht auch Frère Raymon, der neben Frère Francis aus Taizé gekommen ist, in seinem Bibelimpuls zum Festtag ein.
Pfingsten als ein «Zuhör-Wunder»
Petrus und die restlichen Apostel sprechen nach der Niederkunft des Heiligen Geistes in «fremden Zungen», sodass sie alle Ausländer in Jerusalem in ihrer eigenen Sprache sprechen hören. Frère Raymon fragt sich, ob der Heilige Geist den Aposteln eingab, alle diese Fremdsprachen zu sprechen, oder ob er den Zuhörern eingab, Petrus’ Rede in ihrer eigenen Sprache zu verstehen. Er möchte gerne Letzteres glauben, sagt er seinem aufmerksam lauschenden Publikum, weil Pfingsten dann nicht nur ein Sprachen- sondern vor allem ein «Zuhör-Wunder» wäre.
Denn das Einander-Zuhören ist sein Anliegen, das Fundament des christlichen Zusammenlebens. Die Geschichte vom Pfingstwunder zeige, dass Einheit in Vielfalt ein Geschenk des Heiligen Geistes sei. Diese Vielfalt auszuhalten, erfordere Mut und Kraft, so Frère Raymond. «Gerade in schwierigen Zeiten wie diesen betonen die Menschen, auch die Christen, die Ähnlichkeiten zwischen ihnen, um Harmonie und Frieden zu erreichen.» Damit verwechselten sie aber Einheit mit Einförmigkeit.
«Wo der Heilige Geist wirkt, blüht Vielfalt auf.»
Der Heilige Geist habe die Apostel immer wieder über ihre Grenzen der Sprache, Kultur und Ethnie hinausgeführt. Er allein sei es, der die Gemeinschaft zusammenhalten könne. Er verhindere den Stolz und die Arroganz einzelner, sich über andere zu erheben. «Wo der Heilige Geist wirkt, blüht Vielfalt auf», ist sich Frère Raymon sicher. Johannes berichtet später in der Arbeitsgruppe, wie er in Taizé diesen Geist gespürt habe im Umgang miteinander: «Ich kann den Standpunkt des anderen einfach stehen lassen. Ich muss ihn nicht überzeugen und er mich nicht.» Und Jojo erzählt, wie er sich als Mitarbeiter einer Asylunterkunft zunächst bedroht gefühlt habe von den fremden Sprachen, die er nicht verstanden habe: «Ich habe gelernt, entspannt zuzuhören.»
Austausch über Taizé-Erfahrungen
In der Kaffeepause bringt Alexandra Menschen zusammen, die sie kennt. Die Ungarin Dorina (30) aus dem gemeinsamen Luzernbieter Heimatdorf, den Deutschen Immanuel (25) aus Kempten im Allgäu, den sie in Paris traf. Ohne Umschweife integriert sie auch die 19-jährige Ukrainerin Ivanka in das Gespräch: Sie studiert ein Semester in Jena in Thüringen und hat somit einen der längsten Anreisewege. Im Nachmittagsprogramm entscheiden sich Dorina und Ivanka für den Bericht von Freiwilligen, die in Taizé gearbeitet haben.
Rund 25 Menschen sitzen um einen der wuchtigen Holztische im Schatten des Kirchplatzes. Dazu gehört Marjorie, die ein Jahr in Taizé lebte. Warum man das so lange Zeit machen sollte ohne Lohn und soziale Absicherung, fragt jemand. Er habe gehört, das Essen in Taizé sei schlecht, sagt ein anderer.
Für sie sei die Zeit in Taizé ein Geschenk gewesen, erklärt Marjorie auf Englisch. Nach ihrer Au-Pair-Zeit in den USA hätte sie in ihrer brasilianischen Heimat erst einmal keine Arbeit gehabt. «Es war das erste Mal, dass ich mich als Teil von etwas gefühlt habe, dass grösser war, als ich glaubte.» Cécile sitzt neben Marjorie. Sie war schon mehrmals in Taizé, und möchte gern mal dort Freiwillige mitwirken.
Priorin Irene spricht über Hoffnung
In der Stadtkirche spricht derweil Irene Gassmann, Priorin des Benediktinerinnenklosters Fahr, über Hoffnung. Hoffnung sei Gottvertrauen ohne eigene Stärke, sagt sie und berichtet, wie schwer es für sie gewesen sei, sich einzugestehen, dass es die Klostergemeinschaft in zehn bis 15 Jahren nicht mehr geben werde. «Ich bin 61 und die jüngste von 16 Schwestern.» Es koste Mut, etwas loszulassen, damit Neues entstehen könne.
2013 sei die Schule des Klosters geschlossen worden: «Heute ist das Gebäude ein christliches Mehr-Generationen-Haus. Das hätte ich mir davor nie vorstellen können.»
«Nacht der Lichter» in voller Kirche
Nach dem gemeinsamen Abendessen, Pasta mit Ratatouille, füllt sich die Kirche langsam wieder. Um 20.30 Uhr wird hier die «Nacht der Lichter» stattfinden, so wie Aussenstehende Taizé vor allem kennen: Sich tranceartig immer wiederholende Lieder, Gebete und Stille im Kerzenschein. Tomassini rechnet damit, dass insgesamt 600 bis 700 Menschen aus der ganzen Region kommen werden. Er täuscht sich nicht. Die mittelgrosse Kirche ist auch auf Empore und Seitenbänken bis auf den letzten Platz gefüllt.
Die jungen Taizé-Teilnehmer sitzen auf dem Boden vor der ersten Bank und vor den Seitenaltären. Frère Raymon und Frère Francis sitzen vorne im Altarraum im Schneidersitz vor dem typisch bunt bemalten Holzkreuz. Klavier, Querflöte und Trompete begleiten die singende Gemeinde. Zur Unterstützung hat sich auch ein Chor unters Publikum gemischt.
Nach einer halben Stunde ist es dunkel genug, dass die Kerzen angezündet werden. Einer reicht das Licht an den anderen weiter. «Meine Hoffnung und meine Freude» singt die Taizé-Gemeinde in Baden ohne Unterlass, «Jésus, le Christ» und «Bless the Lord, my soul». Alexandra sitzt in einer Bank in der Mitte des Kirchenschiffs zwischen ihren Freunden Dorina und Immanuel, hat die Augen geschlossen und lächelt.
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