Miriam Vennemann: «Aschekreuz unterbricht Alltag und schreibt sich symbolisch in Körper ein»
Mit dem Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Umkehr ist keine Vorleistung des Menschen, sondern Antwort auf eine bereits geschenkte Zuwendung Gottes, sagt die Liturgiewissenschaftlerin Miriam Vennemann. Das alte Fest des Christentums kann auch heute noch für viele Menschen sehr ansprechend sein.
Jacqueline Straub
Heute begehen Christinnen und Christen Aschermittwoch. Was genau wird gefeiert?
Miriam Vennemann*: Mit dem Aschermittwoch beginnt die vierzigtägige Fasten- und Vorbereitungszeit auf Ostern, die eine der prägendsten Zeiten des Kirchenjahres bildet. Er markiert bewusst den Übergang von einer festlichen oder auch ausgelassenen Phase zu einem gemeinsamen wie persönlichen Weg der Besinnung, des Umdenkens und der Neuausrichtung auf das Evangelium.
Welche biblischen Wurzeln hat der Aschermittwoch?
Vennemann: Der Aschermittwoch selbst ist zwar kein biblisches Fest, doch seine Wurzeln liegen tief in der biblischen Tradition von Fasten, Busse und Umkehr. Im Alten Testament begegnen uns zahlreiche Szenen, in denen Menschen in Zeiten der Krise, Trauer oder Schuld fasten, sich in Sack und Asche hüllen oder Asche auf ihr Haupt streuen, wie etwa Jona 3,6; Ester 4,1; 2 Samuel 13,19; Daniel 9,3 und Jeremia 6,26.
Asche wird dort zum Zeichen existenzieller Betroffenheit.
Vennemann: Ja, und sie symbolisiert Trauer und Vergänglichkeit, das Wissen um die eigene Begrenztheit sowie die Offenheit zur Umkehr. «Staub und Asche» stehen zudem für die Geschöpflichkeit des Menschen vor Gott. Im Neuen Testament greift Jesus diese Tradition auf, indem er zur Umkehr ruft: «Kehrt um und glaubt an das Evangelium» (Mk 1,15). Jesus selbst fastet vierzig Tage in der Wüste, die uns als ein Vorbild für unsere eigene Fastenzeit dienen. Gleichzeitig mahnt er, das Fasten nicht zur äusseren Show und religiösen Selbstdarstellung werden zu lassen, sondern es als ehrliche Hinwendung zu Gott zu leben (Mt 6,16–18).
Welche Bedeutung hat das Aschezeichen im Alten und Neuen Testament?
Vennemann: Im Alten Testament ist Asche ein starkes Zeichen einer Erschütterung, die den Menschen im Innersten trifft. Wer Asche auf sein oder ihr Haupt streut, will Umkehr durchleben.
Beim Aschermittwochsgottesdienst wird in Anlehnung an Gen 3,19 «Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück» die Dimension der Vergänglichkeit aufgegriffen.
Vennemann: Der Mensch ist nicht absolut, sondern angewiesen, verletzlich und Teil einer grösseren Wirklichkeit. Im Neuen Testament tritt das konkrete Ascheritual zurück, doch die innere Bewegung bleibt. Jesus erinnert daran, dass Menschen «in Sack und Asche» Busse getan hätten (Mt 11,21) und ruft selbst zur Umkehr auf. Entscheidend ist dabei nicht das äussere Zeichen allein, sondern die Herzenshaltung, die das Leben von innen heraus verändert. Die Liturgie verwendet das alttestamentliche Zeichen und stellt es unter das Kreuz Christi. So wird aus dem Busszeichen zugleich ein Hoffnungszeichen: Es erinnert an die Endlichkeit des Menschen, steht aber im Horizont der Auferstehung. Nicht der Staub bestimmt den Ausgang, sondern Gottes barmherzige Zuwendung.
Welche Rolle spielen Busse und Umkehr im biblischen Kontext?
Vennemann: Busse bedeutet im biblischen Sinn nicht Selbstverurteilung oder das Kreisen um die eigene Schuld, sondern Umkehr – hebräisch teshuvah, griechisch metanoia.
Was ist damit gemeint?
Vennemann: Gemeint ist eine innere Neuorientierung, ein Umdenken, eine veränderte Blickrichtung: weg von sich selbst als Mittelpunkt, hin zu Gott. Umkehr im biblischen Sinn ist keine Vorleistung des Menschen, sondern Antwort auf eine bereits geschenkte Zuwendung Gottes. Umkehr eröffnet seit Jesu Auftreten die Möglichkeit, das Reich Gottes wahrzunehmen und sich auf seine Wirklichkeit einzulassen. Sie ist kein Selbstzweck, sondern eine Neuausrichtung des Lebens, die Vertrauen, Freiheit und erneuerte Beziehung ermöglicht. Busse im biblischen Sinn ist deshalb keine rückwärtsgewandte Fixierung auf Schuld, sondern eine dynamische Bewegung nach vorne, eine Öffnung für Gottes erneuernde Gegenwart.
Welche liturgische Bedeutung hat das Aschenkreuz?
Vennemann: Das Aschenkreuz ist eine stark verdichtete liturgische Zeichenhandlung, die die Bereitschaft zur Umkehr und zur Erneuerung des Lebens ausdrückt. Es verdeutlicht, was mit der Fastenzeit beginnt: die Einladung zur bewussten Neuorientierung vor Gott. Bei der Auflegung können zwei biblische Formeln gesprochen werden: «Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst» (vgl. Gen 3,19) oder «Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium» (Mk 1,15). Sie offenbaren eine Spannung: die ehrliche Konfrontation mit unserer Sterblichkeit und die Zusage eines Neuanfangs.
«Im Zeichen des Kreuzes Christi gewinnt die Asche eine neue Bedeutung.»
Was passiert mit uns, wenn wir das Aschekreuz erhalten?
Vennemann: Wenn die Asche in Form eines Kreuzes auf die Stirn gezeichnet wird, werden diese Worte leiblich erfahrbar. Das Zeichen unterbricht den Alltag, markiert einen Übergang und schreibt sich symbolisch in den Körper ein. Wer es empfängt, lässt sich davon berühren und zwar nicht nur im Inneren, sondern sichtbar und ganzmenschlich. Im Zeichen des Kreuzes Christi gewinnt die Asche eine neue Bedeutung: Die Erinnerung an die eigene Begrenztheit steht im Horizont der Auferstehung. So wird aus einem Zeichen der Vergänglichkeit ein Zeichen der Hoffnung und der Zugehörigkeit zu Christus.
Warum wird die Asche aus den Palmzweigen des Vorjahres gewonnen?
Vennemann: Sie erinnern an den Einzug Jesu in Jerusalem: an Jubel, Freude, Erwartung und die Hoffnung auf Neuanfang. Dass aus eben diesen Zweigen ein Jahr später Asche wird, ist symbolisch hoch bedeutsam. Die Verwandlung der Palmzweige in Asche veranschaulicht den triumphalen Empfang bis hin zum Kreuz und schliesslich die Auferstehung. Liturgisch verbinden sich Ende und Anfang, Erinnerung und Neubeginn. In dieser Bewegung erscheint Zeit nicht nur als linearer Ablauf, sondern als ein Weg durch das Kirchenjahr, der sich spiralförmig vertieft: Prägende Erfahrungen und Emotionen kehren wieder und gewinnen doch jedes Jahr neue Bedeutung.
Wie hat sich die Feier des Aschermittwochs historisch entwickelt?
Vennemann: Die vierzigtägige Fastenzeit als Vorbereitung auf Ostern ist seit dem 4. Jahrhundert belegt. Sie entstand im Zusammenhang mit der Taufvorbereitung der Katechuminnen und Katechumen und zugleich als Zeit der Sammlung und Umkehr für die ganze Gemeinde. Der eigentliche Aschermittwoch als klar markierter Beginn dieser Fastenzeit entwickelte sich jedoch erst allmählich. In der Spätantike und im Frühmittelalter war Busse zunächst eine öffentliche und meist einmalige Praxis für schwere Verfehlungen. Im Gottesdienst des Aschermittwochs hüllten sich die Büssenden in ein schlichtes Bussgewand und liessen sich mit Asche bestreuen. Anschliessend verliessen sie die Kirche. Damit traten sie sichtbar aus dem gewohnten Leben der Gemeinde heraus und begannen eine längere Zeit der Umkehr. Am Gründonnerstag wurden sie im Gottesdienst wieder in die Gemeinschaft aufgenommen.
«Diese Dimension ist heute auch ökumenisch anschlussfähig.»
In Rom setzte sich ab dem 6. Jahrhundert der Mittwoch vor dem ersten Fastensonntag als Beginn der Fastenzeit durch…
Vennemann: …auch, um auf die symbolischen vierzig Fasttage zu kommen, da die Sonntage selbst nicht als Fasttage galten.
Zwischen dem 7. und 10. Jahrhundert wandelte sich die Praxis. Wie sah nun der Aschermittwoch aus?
Vennemann: Aus der besonderen Busszeit einzelner wurde zunehmend eine gemeinsame Wegzeit der ganzen Gemeinde. Die Auflegung der Asche, zunächst den öffentlichen Büssenden vorbehalten, wurde schrittweise allen Gläubigen angeboten. Seit dem 11. Jahrhundert ist der Aschermittwoch als Beginn der vierzigtägigen Fastenzeit fest etabliert. Diese Form hat sich in der römischen Liturgie bis heute erhalten. Mit den Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils wurde die ursprüngliche Doppelperspektive der Fastenzeit erneut betont: als Weg der persönlichen Umkehr und zugleich als gemeinsame Vorbereitung auf das Ostergeheimnis – vor allem auch mit Blick auf die eigene Tauferinnerung oder -vorbereitung. Diese Dimension ist heute auch ökumenisch anschlussfähig.
«Der Aschermittwoch markierte zunehmend auch kulturell einen Übergang.»
Und seit wann markiert der Aschermittwoch das Ende der Fasnacht?
Vennemann: Die Verbindung von Aschermittwoch und Fasnacht entwickelte sich im Mittelalter. Die «Fastnacht» – wörtlich die Nacht vor dem Fasten – bezeichnete die letzte Gelegenheit für üppiges Essen, Feiern und Ausgelassenheit, bevor die Fastenzeit begann. Seit dem 13. Jahrhundert ist dieser Rhythmus in weiten Teilen Europas gut belegt. Auch das Wort «Karneval» wird oft – vermutlich volksetymologisch – von carne vale («Fleisch, lebe wohl») hergeleitet und verweist damit auf den Abschied vom Fleischverzehr vor der vierzigtägigen Fastenzeit. Der Aschermittwoch markierte deshalb zunehmend nicht nur liturgisch, sondern auch kulturell den Übergang: von der Ausgelassenheit zur Sammlung, vom Überfluss zur bewussten Begrenzung. Im Wechsel von Feiern und Fasten zeigt sich eine kulturell-religiöse Weisheit: Erst im Rhythmus von Fülle und Begrenzung findet das Leben sein Mass.
«Der Aschermittwoch setzt ein leises Semikolon.»
Warum ist der Aschermittwoch gesellschaftlich anschlussfähig?
Vennemann: Der Aschermittwoch berührt Themen, die weit über kirchliche Milieus hinausreichen. In einer Gesellschaft, die von Beschleunigung, Konsum, Leistungssteigerung und Perfektionismus geprägt ist, wirkt ein Tag, der bewusst zur Unterbrechung einlädt, fast widerständig. Er setzt dabei kein lautes Ausrufezeichen, sondern ein leises Semikolon. Er erinnert daran, dass wir nicht alles in der Hand haben, dass wir nicht ständig funktionieren, nicht immer online und nicht vollkommen sein müssen. Er eröffnet die Möglichkeit, innezuhalten und achtsamer zu leben. Er schenkt Mut, einen anderen Weg zu wählen als den vorgegebenen. Dass dieses Motiv auch jenseits religiöser Kontexte Resonanz findet, wird leicht ersichtlich.
Im Trend liegen etwa «Dry January», Klimafasten, Fastenkuren oder digitaler Detox. Ist das eine moderne Art Fastenzeiten im Jahr einzubauen?
Vennemann: Die Impulse sind dieselben: bewusst zu verzichten, um freier zu werden; sich zu begrenzen, um neu Mass zu gewinnen. In diesem Sinn kann der Aschermittwoch wie ein zweites «Neujahr» wirken, wenn auch stiller und nachdenklicher als das laute Feuerwerk des Jahreswechsels. Es ist eine Zeit der Vorsätze und Wünsche, in der es nicht nur um Verzicht geht, sondern darum, das Gute im eigenen Leben und im Miteinander bewusst zu stärken. Auch im interreligiösen Horizont ist diese Erfahrung anschlussfähig. Zeiten des Fastens, etwa im Ramadan, betonen, dass Unterbrechung, Selbstprüfung und Neubeginn keine exklusiv christlichen Motive sind. Sie gehören zu einer gemeinsamen menschlichen Erfahrung: Wo Menschen bewusst innehalten, entsteht Raum für Gespräch, für gegenseitige Wahrnehmung und für die Frage nach dem, was trägt und bleibt.
Worin liegt die Kraft des Aschermittwochs?
Vennemann: Vielleicht gerade in seiner Nüchternheit. Er verspricht keine schnellen Lösungen und keine spektakulären Veränderungen, sondern schafft Raum für eigene Fragen. Er lädt zu einer ehrlichen Bestandsaufnahme ein. Er spricht von Endlichkeit und gleichzeitig von Hoffnung sowie von einer Wirklichkeit, die über das Sichtbare hinausreicht. Und gerade diese Verbindung von Realismus und Zuversicht macht ihn heute für viele Menschen überraschend verständlich.
*Miriam Vennemann ist Doktorandin am Institut für Liturgiewissenschaft der Universität Freiburg i.Üe.
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