«Mehrfache Berührungen»: Untersuchungen gegen Priester wegen Verdachts auf sexuellen Missbrauch

Es gibt einen neuen Missbrauchsfall: Der Churer Bischof Joseph Maria Bonnemain hat Untersuchungen gegen einen jungen Priester eingeleitet. Der Mann soll vor zwei Jahren Minderjährige sexuell angegangen haben.

Wolfgang Holz

Bei dem Beschuldigten handelt es um einen 36-jährigen Deutschen, der vor der Priesterweihe schon acht Jahre lang in verschiedenen Pfarrgemeinden in der Innerschweiz tätig war und dort auch die Leitung einer Pfarrei übernahm, wie Tamedia schreibt.

Gern unter jungen Leuten

Er habe dort jeweils am Mittagstisch der Schule teilgenommen, war aktiv in der Pfadi und der Jungmannschaft. Später war er Diakon in einer ländlichen Kleinstadt, ebenfalls in der Innerschweiz.

Ein Kirchturm in der Innerschweiz
Ein Kirchturm in der Innerschweiz

Dann sorgte plötzlich eine kurze Mitteilung in einem Pfarrblatt im Januar 2023 für Aufsehen. Die Pfarrei teilte mit, dass im gegenseitigen Einverständnis das Anstellungsverhältnis aufgelöst worden sei. Grund: Der Priester nehme eine Auszeit. Eine mysteriöse Endgültigkeit strahlte die Bemerkung aus, dass «eine Rückkehr nicht geplant» sei.

Mehrfach sexuell belästigt?

Wie Tamedia weiter weiss, hat der schnelle Abschied des Priesters handfeste Gründe. Denn im November 2022 hatte das Generalvikariat der Urschweiz offensichtlich in Schwyz Strafanzeige gestellt. Inhalt der Strafanzeige: Der junge Priester soll eine Person mehrfach sexuell belästigt haben.

Bischof Joseph Maria Bonnemain
Bischof Joseph Maria Bonnemain

Wie das mutmassliche Opfer aussagte, das bei den Vorfällen minderjährig war, kam es «mehrfach zu Berührungen». Konkret soll der Deutsche seinen Arm und teilweise seine Beine über ihn gelegt oder ihn massiert haben. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Staatsanwaltschaft stellt Untersuchung ein

Die Staatsanwaltschaft Schwyz stellte die Untersuchung jedenfalls bald wieder ein. Begründung: Es liege in dem Fall «höchstens der Tatbestand der sexuellen Belästigung» vor. Ausserdem sei die Anzeigefrist des Opfers verstrichen gewesen.

Der Fall ist damit aber nicht abgeschlossen. Bischof Joseph Maria Bonnemain hat rasch reagiert. Kaum beendete nämlich die Justiz das Verfahren, begann im Bistum Chur eine kircheninterne Untersuchung – und zwar «wegen des Verdachts sexuellen Missbrauchs Minderjähriger», wie in einem Dokument steht.

Bonnemain suspendierte Priester

Die Voruntersuchung wurde im Oktober 2023 abgeschlossen, und der Verdacht gegen den jungen Priester konnte nicht ausgeräumt werden. Darauf erliess Bischof Bonnemain am Anfang 2024 ein Suspensionsdekret und verbot dem Beschuldigten darin jegliches priesterliche Wirken.

Blick von oben auf den Petersplatz im Vatikan.
Blick von oben auf den Petersplatz im Vatikan.

Bei der Untersuchung hat offenbar auch Druck aus dem Vatikan eine nicht unwesentliche Rolle gespielt. Denn die im Vatikan für Missbrauch zuständige Stelle soll das Bistum Chur angewiesen haben, umgehend Vorsichtsmassnahmen zu ergreifen.

«Vor- und Nachteile einer Information»

Hintergrund: Kürzlich hat der Papst beschuldigte Schweizer Bischöfe aufgrund mangelnder Transparenz bei Untersuchungsergebnissen von Bischof Bonnemain in Sachen Missbrauch gerügt.

Nicole Büchel
Nicole Büchel

Indes: Der Fall war bisher nicht publik geworden. Aber warum? Darauf erklärt Nicole Büchel, Mediensprecherin des Bistums Chur gegenüber kath.ch, dass es bei der Eröffnung einer kirchlichen Voruntersuchung nötig sei, Vor- und Nachteile einer Information der Öffentlichkeit gut abzuwägen. Der engere Kreis der kirchlichen Kadermitarbeiter und -mitarbeiterinnen sei aber umgehend und fortlaufend informiert worden.

«Es muss zudem abgewogen werden, inwieweit eine solche Untersuchung das ganze Umfeld aller Betroffener tangiert. Und es gilt, den Datenschutz und die Privatsphäre zu wahren.» Von einem Mangel an Transparenz könne nicht die Rede sein. Büchel: «Das Bistum Chur, zusammen mit der Kirchgemeinde und der Pfarrei, ist sofort an die regionale, kirchliche Öffentlichkeit gegangen, nachdem die Staatsanwaltschaft ihre Untersuchung abgeschlossen hatte.»

Beschuldigter Priester sieht sich verleumdet

Der beschuldigte Priester sieht sich derweil als Opfer einer Verleumdungskampagne. Der 36-Jährige verweist darauf, dass die Staatsanwaltschaft Schwyz die Ermittlungen gegen ihn sehr schnell wieder eingestellt habe, schreibt Tamedia.

Das Schwyzer Rathaus
Das Schwyzer Rathaus

Gleichzeitig hat er die Flucht nach vorn ergriffen und ist in die deutsche Heimat zurückgekehrt. Der Beschuldigte arbeitet heute als Quereinsteiger in einem Grossunternehmen und hat dort zum Teil mit jungen Menschen zu tun. Seinem Arbeitgeber teilte er nicht mit, dass er vorher acht Jahre lang Priester in der Schweiz war.

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Bleibt die Frage, warum das Bistum Chur nicht den neuen Arbeitgeber in Deutschland über die zweifelhafte Vergangenheit seines neuen Mitarbeiters in der Schweiz informierte.

«Anstellungsbehörden sind immer die Kirchgemeinden, nicht das Bistum, das wird oft verwechselt. Abgesehen davon, muss sich die Kirche, ob staatsrechtlich Körperschaft oder Bistum, an die staatsrechtlichen Vorgaben halten», erklärt Nicole Büchel. Sprich: Wenn es keine direkte, explizite Referenzanfrage des neuen Arbeitgebers an den letzten Arbeitgeber gebe, dürfe kein Unternehmen von sich aus aktiv informieren.


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22. November 2024 | 16:00
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