Matthias Jäggi: «Die wirklich herzhafte Variante des Abendmahls habe ich noch nicht entdeckt»
In der SRF-Radiopredigt diskutieren Matthias Jäggi und Dorothea Tscharner über die Abendmahlsfeier. «Es ist nicht viel Freude dabei», kritisiert Tscharner. Jäggi ist reformierter Pfarrer in Gipf-Oberfrick, Tscharner macht als Theologiestudentin da ein Praktikum.
Matthias Jäggi: Wir haben kürzlich darüber diskutiert, was Pfarrleute in Zeiten von Krieg predigen sollen. Weniger predigen, mehr Rituale feiern, wäre eine Variante. Nur was für Rituale? Wir haben bei Brot und Wein diskutiert und sind darum rasch bei der gemeinsamen Abendmahlsfeier gelandet. Wobei dich eine reformierte Abendmahlsfeier nur mässig begeistere … Sag doch nochmals, Dorothea, wie es dir geht, wenn du an einem Abendmahl teilnimmst?
Dorothea Tscharner: Ach, ich versuche stets, mich weder am Brot noch am Wein zu verschlucken, und bin immer froh, wenn ich meinen Platz wieder einnehmen darf. Von Gemeinschaft spüre ich jeweils nicht viel, wenn wir da stumm in Reih und Glied vor dem Pfarrer anstehen. Es ist nicht viel Freude dabei!
Jäggi: So schlimm?
Tscharner: Ja, schon. Und es ist deshalb etwas traurig, weil wir in der reformierten Tradition nur noch zwei Sakramente feiern: Taufe und Abendmahl. Ich empfinde, dass dem schönen Ritual, bei dem wir Brot und Wein teilen, etwas abhandengekommen ist. In meinen Augen ist es zu einer Form erstarrt. Mir fehlt etwas Herzhaftes, etwas Stärkendes beim üblichen Ablauf.
«Immer etwas steif, diese Veranstaltung.»
Matthias Jäggi
Jäggi: Es geht mir ja ähnlich: Immer etwas steif, diese Veranstaltung. Erlebt und ausprobiert habe ich schon viele Variationen, aber die wirklich herzhafte habe ich für mich noch nicht entdeckt.
Tscharner: Hm, es liegt sicher an Verschiedenem. Zum Beispiel die sogenannten Einsetzungsworte: Versteht die jemand? «Dies ist mein Leib für euch.» Tönt nicht so verheissungsvoll, sondern abschreckend. Ebenso der zweite Teil: «Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut.» Da schlucke ich schwer. Allein das Wort Kelch lässt mich schaudern, weil es mich an die Szene im Garten Gethsemane erinnert, als Jesus betet und sagt: «Vater, lass diesen Kelch an mir vorübergehen.» Vom Blut reden wir schon gar nicht. Entweder wir finden eine neue Sprache oder erklären diese Worte mal!
Jäggi: Das tönt jetzt vielleicht etwas konservativ: Aber diese Worte sind uns gegeben. Punkt. Bei aller Liebe zum Übersetzen von biblischen Worten in zeitgemässe Sprache: Die Einsetzungsworte müssen meiner Meinung nach im Gottesdienst im Original vorkommen – auch weil sie uns verbinden mit der gesamten Christenheit auf der Welt. Unsere Aufgabe ist es dann, sie – wie du sagst – zu erklären.
Tscharner: Dass uns diese Worte gegeben sind, tönt für mich nach wenig Spielraum. Es würde doch schon helfen, wenn wir der Gemeinde erzählten, dass es sich bei diesem Ritual um eine jüdische Segensfeier handelt.
«Diese Segensfeier heisst Kiddusch und wird bis heute gepflegt.»
Dorothea Tscharner
Jäggi: Genau, du kennst dich da ja gut aus. Erzähl doch, bitte!
Tscharner: Diese Segensfeier heisst Kiddusch und wird bis heute gepflegt. Wenn sich die Familie oder die Gemeinschaft am Schabbat-Abend zum Essen trifft, wird zuerst der Wein gesegnet, bevor sie ihn trinken. Dann folgt ein Schabbat-Segen, der zum einen an die Schöpfung und zum anderen an den Auszug aus Ägypten, also an die Befreiung aus der Sklaverei, erinnert, darauf wird das Brot gesegnet. Nach dem Essen wird nochmals der Wein gesegnet. Und genau diese Reihenfolge erzählt uns der Evangelist Lukas in Kapitel 22 seines Evangeliums. Dieses Segensritual haben die ersten Jesusanhänger und -anhängerinnen, die ja mehrheitlich jüdisch waren, übernommen und weitergepflegt. Ja, weiter interpretiert, wenn sie sich in ihren Gemeinschaften trafen und miteinander assen. Erst mit der Zeit wurden aus den ursprünglich jüdischen christliche Gruppen. Und erst jetzt kommen wir zur neuen Bedeutung von Brot und Wein. Wie deutest du diese beiden Zeichen Brot und Wein im Gottesdienst?
«Zu dieser Frage sind ja schon ganze Bibliotheken gefüllt worden.»
Matthias Jäggi
Jäggi: Zu dieser Frage sind ja schon ganze Bibliotheken gefüllt worden. Manchmal habe ich das Bedürfnis, das so simpel wie möglich zu beschreiben. Zum Beispiel so: Die Bedeutung vom Brot ist: Gott schenkt uns, was wir zum Leben brauchen – Grundnahrungsmittel, Sonnenlicht, Luft. Die Bedeutung vom Wein ist: Gott schenkt uns, was unser Herz erfreut – Genussmittel, Musik, Freundschaft.
Tscharner: Sehr schön, ja! Und gut verständlich. Das gefällt mir. Die Brotsymbolik möchte ich gern noch vertiefen: Brot ist ein täglicher Bestandteil von Mahlzeiten, früher wie heute, aber ich glaube, es steckt noch mehr drin. Brot bedeutet Leben, ja, aber auch verschiedenes Sterben:
Wenn das Korn gesät wird, muss es «sterben», damit aus den Samen Pflanzen werden. Wenn das Korn in der Reife steht und wir die goldgelben Felder bewundern, kommt der Schnitter und mäht es nieder. Dann wird das Korn in die Mühle gebracht. Wieder verliert es seine Form und gewinnt eine neue. Das Mehl kann man dann zu einem Brotteig anrühren. Doch jetzt muss es erst noch durchs Feuer, bevor es uns ernährt. Solche Prozesse müssen wir uns vor Augen halten, wenn wir Brot essen. Brot ist Verwandlung und Hingabe pur. Und es bedeutet auch Gemeinschaft, weil es sich teilen lässt.
«Jesus meinte vermutlich: Ich bin Teil eures Alltags.»
Dorothea Tscharner
Wenn Jesus sich als Brot bezeichnet, dann meinte er vermutlich das: Ich bin Teil eures Alltags, ich habe mich hingegeben, um euch zur Nahrung zu werden. Ihr könnt im Glauben daran teilhaben und mir ähnlich werden.
Jäggi: Ich kann dir folgen bis zum Stichwort «im Glauben daran teilhaben und mir ähnlich werden». Meinst du damit, dass das Abendmahl uns stärkt für die Christusnachfolge und uns hilft, aufzustehen, wie Christus aufgestanden respektive auferstanden ist?
Tscharner: Ja, ich glaube, dass wir das ernst nehmen müssen. Es geht auch in unserem Leben um Verwandlung und Hingabe. Und das Abendmahl erinnert uns an diesen Prozess. Wir sind nicht allein, sondern in Gemeinschaft. Wir sollen nicht an Hunger leiden, sondern werden genährt, wir sind nicht auf uns gestellt, Christus ist uns vorausgegangen.
Jäggi: Wir sind quasi seine Verbündeten. «Das ist der neue Bund», sagt Jesus mit dem Kelch in der Hand. Wir verbünden uns mit Christus und mit Mitfeiernden in Nah und Fern, auf der ganzen Welt. Grafisch ergibt das für mich ein Kreuz: Der senkrechte Balken die Verbindung mit Christus, der waagrechte die Verbindung untereinander. – Und was meinst du: Ist Dein Verschluck-Risiko beim nächsten Mal jetzt kleiner?
«Von diesem gemütlich-entspannten Zusammensein müsste man mehr spüren beim Abendmahl.»
Dorothea Tscharner
Tscharner: Nun ja, sich verschiedene Bedeutungen des Abendmahls vor Augen führen, bedeutet ja noch nicht automatisch, dass die Feier selber dann herzhafter ist. – Mir geht dazu immer durch den Kopf, wie oft in der Bibel Leute gemeinsam am Tisch sitzen, essen, trinken und fröhlich sind. Von diesem gemütlich-entspannten Zusammensein müsste man mehr spüren beim Abendmahl in der Kirche.
Jäggi: Ja, das wäre schön. So ein urchristlicher Groove – Oder ist das ein Murks und täten wir besser daran, dem Abendmahl seinen – sagen wir mal – rituellen Charakter zu lassen, es so zu schätzen, wie wir es nun mal feiern?
Tscharner: Ich glaube, das hängt von den Menschen ab, mit denen wir feiern, nicht? Ich möchte niemandes Ritual stören, wenn es so für die Gottesdienstbesucher und -besucherinnen an einem Sonntagmorgen stimmt. Als Variante stelle ich mir gern eine Gemeinschaft im kleinen Kreis vor mit vielleicht zwölf bis fünfzehn Personen, so wie die Jüngerinnen und Jünger damals. Vielleicht wäre das Abendmahl dann sogar Bestandteil eines richtigen Essens? Das käme einer urchristlichen Feier näher. – Was es genau ist, was mir das Herz öffnen würde, kann ich noch nicht sagen. Wahrscheinlich verschlucke ich mich noch ein paarmal!
Jäggi: Liebe Hörerinnen und Hörer, dass einem beim Abendmahl das Herz aufgeht, finde ich einen schönen Gedanken. Solche «Herzöffner-Momente» wünschen wir Ihnen zum Schluss auch sonst, mitten im Alltag. Einen guten Sonntag…
Die Radiopredigt basiert auf dem 1. Korintherbrief 11,23-26
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