Manuela Winteler: «Um das ‹Katholisch› zu retten, muss es als Wort im Namen verschwinden»
Manuela Winteler leitet die Frauengemeinschaft Bazenheid SG, Vroni Peterhans ist ehemalige Vizepräsidentin des Schweizerischen Katholischen Frauenbunds (SKF) und aktuell Präsidentin von Weltgebetstag und Oeku. Die beiden Frauen erklären, weshalb das «K» aus dem Verbandsnamen gestrichen werden soll.
Regula Pfeifer
Weshalb sind Sie für die Streichung des «K» aus dem Namen des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes*?
Manuaela Winteler: Der Schweizerische Dachverband setzt sich für eine gerechte Kirche und einen umfassenden Strukturwandel für ein christliches Miteinander ein. Das Wort «katholisch» kommt vom Griechischen und heisst allumfassend, total, universell. Das bedeutet, dass die Kirche von Jesus Christus zu allen Menschen gesandt wurde; nicht nur zu Angehörigen der römisch-katholischen Konfession, sondern zu allen, welche den christlichen Weg gehen und glauben.
Missbrauchsskandale und Klerikalismus haben zu einem starken Glaubwürdigkeitsverlust in der katholischen Kirche geführt. Um das «Katholisch» im ursprünglichen Sinn und die Ziele und Werte des Verbandes zu retten, muss das «Katholisch» als Wort im Namen verschwinden.
Vroni Peterhans: Ich möchte eher sagen: Ich bin nicht gegen die Streichung. Denn dabei schwingt auch Wehmut mit, dass wir katholischen Frauen es nicht geschafft haben, das Image dieses «Katholischen» im Namen mit unseren Werten zu besetzen und die Aussensicht positiver mitzuprägen, obwohl wir seit Bestehen daran arbeiten.
«Der schlechte Beigeschmack, welcher das ‹K› in den letzten Jahren bekommen hat, erschwert das positive Vorwärtskommen.»
Welche Chancen eröffnen sich aus Ihrer Sicht?
Winteler: Der schlechte Beigeschmack, welcher das «K» in den letzten Jahren bekommen hat, erschwert das positive Vorwärtskommen. Um Kirche zu leben und am Leben zu halten, muss Veränderung stattfinden. Die Namensänderung ist ein wichtiger Schritt in die Zukunft.
«Engagement von allen Frauen mit denselben Zielen wird durch die Öffnung gefördert.»
Engagement von allen Frauen mit denselben Zielen ist gefragt und wird durch die Öffnung ermöglicht, gefördert und unterstützt. Hemmschwellen fallen, offenes Miteinander wird möglich. Das ist es, was unsere Kirche dringend braucht. Zusammenhalten und am selben Strick ziehen, über namentliche Konfessionsgrenzen hinaus. So werden wir dem Wort «katholisch» wieder gerecht.
«Da nähert sich der Dachverband der Praxis der breiten Basis.»
Peterhans: Aus rein praktischem Grund sind kurze Namen einprägsamer. Auch andere katholische Organisationen bestehen schon viel länger ohne eine konfessionelle Bezeichnung im Namen. Ein grosser Prozentsatz der Frauenbund-Ortsvereine hat zum Teil schon länger kein K mehr im Namen. Da nähert sich der Dachverband der Praxis der breiten Basis.
«Es ist Zeit für die Findung einer neuen Identität und Profilierung.»
Befürchten Sie keinen Verlust an Identität und Profilierung?
Winteler: Nein. Im Gegenteil. Was bringt eine Profilierung in die falsche Richtung? Immer mehr Austritte, immer mehr Kritik – und dies zu Recht. Die klassische katholische Institution hat starken Lackschaden abbekommen. Diesen gilt es nun zu polieren. Wenn es der Klerus nicht schafft, müssen wir Frauen es tun. Die Zeiten haben sich geändert, seit Papst Pius IX. 1870 die Dogmen von der päpstlichen Unfehlbarkeit in Lehrfragen und seiner allumfassenden Jurisdiktion durchgesetzt hat. Es ist Zeit für die Findung einer neuen Identität und Profilierung, es ist Zeit, selbstbewusst in die Zukunft zu schreiten und den Lack zu erneuern. Die Namensänderung des Dachverbandes ist ein grosser Schritt nach vorn. Das Zeichen stimmt – weiter so!
Peterhans: Die Kirchen erreichen ihre Leuchtkraft nicht durch ihren Namen, sondern durch ihr christliches Wirken und ihre gelebten Werte, also ihr Zeugnis in der heutigen Gesellschaft. Das gilt auch für den Frauenbund. «An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen» (Mt 7), heisst es im Matthäus-Evangelium. Die Fruchternte des Frauenbundes, auch diejenige bezüglich des christlichen Glaubens, lässt sich sehen und wird weiterhin eine wichtige Stütze in der katholischen Kirche sein.
*An der Versammlung vom 23. Mai in Visp VS entscheiden die Delegierten des Schweizerischen Katholischen Frauenbunds (SKF), ob das «K» aus dem Verbandsnamen gestrichen werden soll. Mit 100’000 Mitgliedern ist der SKF der grösste konfessionelle Frauendachverband hierzulande. Der über 100-jährigen Organisation gehören 17 Kantonalverbände und 540 Ortsvereine an.
Weshalb der Frauenbund Schwyz kein «K» hat
Kathi Derendinger, Leiterin der Geschäftsstelle des Kantonalen Frauenbund Schwyz KFS, erklärt, weshalb ihr Kantonalverband kein K im Namen hat.
«Der Kantonale Frauenbund Schwyz hatte die Bezeichnung «Katholisch» nie im Namen. Seit Gründung 1964 heisst er Kantonaler Frauenbund Schwyz. Spirituelle Aspekte sind jedoch ein essenzieller Bestandteil unserer Identität und die unserer Ortsvereine. Das entspricht unserem Anspruch weiter, offen und inklusiv zu arbeiten und gleichzeitig die zugrundeliegenden Werte (wie Nächstenliebe, Solidarität und Menschenwürde) zu leben, ohne diese über den Namen in den Vordergrund zu stellen. Diese Positionierung äussert sich in mehreren Aspekten:
Offenheit und Inklusivität: Unser Selbstverständnis zielt darauf ab, eine breite Zielgruppe anzusprechen. Durch den Verzicht auf «Katholisch» im Namen betonen wir, dass wir uns nicht an eine bestimmte Konfession binden, sondern alle Frauen in Schwyz und darüber hinaus fördern wollen.
Anpassung an den gesellschaftlichen Wandel: In einer zunehmend pluralistischen und säkularen Gesellschaft ist es wichtig, über konfessionelle Grenzen hinauszublicken. Der Namenszusatz ‹Katholisch› könnte heute als restriktiv wahrgenommen werden. Mit einer neutralen Bezeichnung stellen wir sicher, dass unsere Arbeit zeitgemäss und an den Bedürfnissen einer vielfältigen Gesellschaft orientiert ist.
Klare Trennung von kirchlicher Prägung und zivilgesellschaftlichem Engagement: Wir verstehen uns als zivilgesellschaftliche Organisation, die sich ausschliesslich für die Interessen und Belange der Frauen einsetzt – ohne dabei kirchliche Werte oder Vorgaben in den Vordergrund zu stellen. Diese Unabhängigkeit ermöglicht es uns, breiter zu agieren.
Praktische Umsetzung in der Organisation: Öffentlich kommunizieren wir explizit, dass unser Engagement alle Frauen – gleich welcher Herkunft oder Konfession – erreichen soll.» (rp)
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