Kunst und Kirche oder ein Speed-Dating zweier Unverstandener

Biel, 8.11.16 (kath.ch) In Biel trafen sich mehr als hundert christliche Kreative zum Forum für Kunst und Kirche von «Arts+». Die erstmalige Veranstaltung lebte von berührendem Gründergeist. Während prominente Theologen wie Fulbert Steffensky den Künstlern liebevoll die Leviten lasen, rangen letztere nach Worten.

Remo Wiegand

Eine Frau wühlt in einem Bücherberg. Nimmt eines in die Hände, «Ibsen…!?», verwirft es wieder. In den Büchern keine Antwort. Kjersti Sandstö steht schlaff auf der Bühne. Ihr rotes Oberteil, ihre blonde Mähne, ihr kantiger Körper markieren eine angestaute Energie, die ihre Quelle sucht. Eine Stimme aus dem Off, aus einem Kriegsgebiet ertönt. Eine syrische Christin berichtet vom Besuch islamistischer Schergen, von Hass, Angst, Verfolgung, Kreuzigungs-Androhungen. Von ihrem Bemühen um Feindesliebe.

Sandstö zuckt auf der Bühne, sie verrenkt sich, purzelt und springt – ist das noch Tanz oder bereits ein Boxkampf? Das Leid gibt ihr eine überirdisch erscheinende Kraft, sie ist ein Mensch gewordener Protestschwall. Ohnmacht verwandelt sich in Bewegung, in himmelschreiende Anklage. Sandstö tanzt den Krieg nach Biel – und die Möglichkeit, gegen ihn aufzubegehren.

Zwischen Kunst und Kitsch

Zaghaft applaudieren die Zuschauer in der Bieler Christuskirche nach der Tanzperformance. Rasch folgen noch zwei weitere Darbietungen, leicht bekömmliche Comic-Bilder von Alain Auderset und rassige Rockmusik voller wiedergekäuter Glaubensformeln von Marco Fuoli. – Was gefiel, was fiel durch? Was war Kunst, was Kitsch? Wo und wie schimmerte Glauben durch die Kunst? Eine Diskussion darüber gibt es hier nicht.

«Wir wollten die Kunst einfach mal so stehen lassen», erklärt Astrid Künzler von Arts+, einem Sammelbecken von Kreativen innerhalb der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA). Und fügt an: «Wir stehen ganz am Anfang eines Dialoges zwischen Kunst und Kirche. Die qualitative Spannbreite ist sehr gross. Wahrscheinlich fehlt uns noch eine Sprache, um darüber auszutauschen.»Das Forum sei als «Versöhnungsarbeit» zwischen Kunst und Kirche gedacht, so Künzler, selber Tänzerin und Christin.

Kunst und Schöpfung sind sich nahe

Versöhnung soll es an diesem Samstag im November von oben herab regnen (wie es sinnigerweise auch den Tag in Strömen giesst). Als Friedensrichter sind Pfarrer und Theologen geladen, die zu den Künstlern auf Erden sprechen. Der amerikanische Pfarrer, Autor und ehemalige buddhistische Mönch Ellis Potter macht den Anfang. Er trennt zunächst säuberlich zwischen Himmel und Erde: Gott erschaffe die Natur, der Mensch mache Kunst. Beispiel: Gott schafft Weizenähren, der Mensch ordnet sie als Weizenfeld an.

Zweckfreie Kunst ist nicht möglich

Letzteres sei, lächelt Ellis, bereits Kunst. Widerspruch aus dem Publikum: Das Weizenfeld diene einem Zweck, der Ernährung, nicht so die Kunst, die kein eindeutiges Ziel verfolgen sollte, wenn sie nicht billig daherkommen will. Ellis kontert ebenso charmant wie scharf: Zweckfreie Kunst sei nicht möglich, unmenschlich, letztlich gar tödlich.

Der Kern seines Credos: «Kunst genügt sich nicht selbst, sie dient der Beziehung.» Damit entspreche sie dem beziehungsfreudigen Gott der Liebe. Ellis lächelt den Fragesteller an und erwidert warmherzig: «Du hast eine andere Definition von Kunst als ich, doch wesentlich ist, dass wir in Beziehung sind.»

Aktualisiertes Bilderverbot

Jetzt nimmt Fulbert Steffensky auf der Bühne Platz. Mit dem evangelischen Professor und ehemaligen katholischen Mönch wird es andächtig, melancholisch, manchmal schwarzhumorig. Steffenskys Thema: Das Bilderverbot. «Ein Wagnis», so der 83-jährige.«Das alttestamentarische Bilderverbot vor Künstlern zu verteidigen ist wie beim Metzgerverband für vegetarisches Essen zu werben.»

Götzen verlangen immer Opfer

Steffensky führt das Goldene Kalb und moderne Götzen mit Worten auf die Schlachtbank. Götzendienst sei gefährlicher als Atheismus. In der Zeit des Nationalsozialismus sei nicht zu wenig, sondern zu viel geglaubt worden. Die Ermordung von Menschen jüdischen Glaubens sei die fatale Folge eines «gefährlichen Sinnhungers» gewesen. Angetrieben von einer gewaltigen Propagandamaschinerie. «Götzen verlangen immer ein Opfer», klagt Steffensky.

Die Reformierten seien denn auch immer skeptisch gegenüber bildgewaltigen Inszenierungen gewesen. Das weniger unmittelbare, weniger entzückende Wort und die Tradition des Hörens hätten hier ein höheres Gewicht. Zu Recht, möchte man betroffen murmeln. Religiöse Bilder? Theoretisch erledigt.

Lektion in Selbstzweifel erteilt

«Und nun möchte ich mir wiedersprechen», flüstert Steffensky dann urplötzlich. Und erteilt eine Lektion in Sachen Selbstzweifel, den er wie die Bilderskepsis hochhält. Auch er pflege Bilder zu betrachten, die an Beziehungen erinnern und Beheimatung ermöglichen. Eine entzündete Kerze in einer katholischen Kirche sei wie Theater, eine Inszenierung von Glück oder erlittenem Unglück.

Die Sprache fliehe ins Bild, wenn es ans Eingemachte gehe; seiner Liebsten raune man Bildworte zu wie «Du bist meine – was weiss ich? – Himbeere.». Steffensky erntet aufatmende Lacher. Doch an der Kernbotschaft hält er fest: «Das Bilderverbot schützt Gottes Freiheit vor Pfaffen und Ideologen, vor Fundamentalisten und allen übrigen Gottesbesitzern.»

Als Künstler geschnitten

Und die Künstlerinnen und Künstler? Sind ob der verwendeten Kraftworte oft baff. Sprachlos. Doch ein kreativer Widerspruchsgeist hängt spürbar in der Luft. Anfangshaft findet sich eine fragmentarische Sprache dafür, die vor allem im Keller der modernen Christuskirche zum Ausdruck kommt. Ein Maler aus Kloten erzählt davon, wie er als junger Künstler in seiner Gemeinde ein oben und unten abgeschnittenes Foto einer Person ausstellte. – Unverständnis erntete er dafür und wurde fortan regelrecht geschnitten.

Ein kreativ-frommes Chaos brodelt

Ein Architekt, der ein Magazin für Kunst und Kirche («Bart») mitherausgibt, schwärmt von Seminaren der Vereinigten Bibelgruppen (VBG) im Tessin, wo Christen so richtig um Kunst und Sprache ringen. An Bistrotischen gruppieren sich ein paar Menschen, die innig um Inspiration für ihr Künstlerleben beten. Ein kreativ-frommes Chaos brodelt in den Katakomben der Kirche – und strebt nach oben.

Am Ende doch zu viel

Dort geht das Forum am Abend mit einem «meditativen Gottesdienst» zu Ende, zu dem sich auch etliche Mitglieder der gastgebenden landeskirchlichen Gemeinschaft Jahu-Gemeinde gesellen. Eine kräftige Gemeinschaft von rund 200 Christenmenschen erwartet ein letztes, rituelles Ausrufezeichen zu einem bewegenden Tag und Thema.

Wolfgang Bittner, der auch den letzten Vortrag des Tages gehalten hatte, setzt zu einer Predigt an, die einfach nicht mehr enden will. Zu viel! Spätestens hier hätte man sich den Mut zur Lücke, die Kunst des Weglassens gewünscht, die Raum schafft für Neues, Gewagtes, noch nie Dagewesenes. Nicht für Theologie, die Kunst vordefiniert, sondern für eine freie Kunst, die den Glauben herausfordert.

Kjersti Sandstö am Forum «Arts» | © Remo Wiegand
8. November 2016 | 13:54
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