Klima-Aktivistin Marie-Claire Graf referiert an der Paulus-Akademie
Konstruktiv

Klima-Aktivistin: «Kirche hat eine grosse Verantwortung in der Klimakrise!»

Die «Greta der Schweiz» hat an der Tagung «Synode 22» in der Paulus Akademie Zürich zur Klimagerechtigkeit referiert. Dabei sprach Marie-Claire Graf (25) über sterbende Gletscher in der Schweiz. Diese haben ihr Klima-Engagement ausgelöst.  

Vera Rüttimann

Wo kommen Sie jetzt gerade her?

Marie-Claire Graf: Zwischen den grossen Weltklima-Konferenzen finden immer Vorbereitungskonferenzen statt. So jetzt auch in Bonn, wo ich gerade herkomme. Seit 2017 engagiere ich mich in der Schweizer Klimabewegung. Ich bin anderem in der «Klima-Allianz» und bei der «Friday for Future»-Bewegung aktiv.

«Auslöser waren die abschmelzenden Gletscher.»

Medien nennen Sie die «Greta der Schweiz». Was war der auslösende Moment für Ihr Umwelt-Engagement?

Graf: Das Thema Klima war bei mir von Kind auf sehr zentral. Ich war jedes Wochenende in den Bergen. Der auslösende Moment war, als ich die abschmelzenden Gletscher sah. Vor allem den Morteratschgletscher. Ich sah dort Schilder mit den Markierungen, die anzeigen, wo der Gletscher bei einer Dekade jeweils stand. Ich habe irgendwann realisiert: Es geht nicht nur um die Natur, sondern auch um uns Menschen und unsere Gesellschaft.

Der Aletschgletscher im Wallis.
Der Aletschgletscher im Wallis.

Als Kind hat es mich irgendwann total frustriert, dass ich mich nicht einbringen konnte in die politischen Debatten rund ums Klima. Auch nicht in der reformierten Kirche in Baselbiet, wo ich aufgewachsen bin.

«Leute unter 16 sind ausgeschlossen vom Recht auf Partizipation.»

Sie waren einer der Hauptreferentinnen der «Synode 22». Wie ist Ihr Klima-Engagement und Synodalität verbunden?

Graf: Seit meinen Erfahrungen in meiner reformierten Kirchgemeinde begleitet mich das Thema Partizipation an Machtverhältnissen. Junge Leute unter 16 sind komplett ausgeschlossen vom Recht und können keine Partizipation betreiben. Sie können nicht entscheiden, wie die zukünftige Politik denn aussehen muss. Das darf nicht sein.

Jugendliche wollen auch in der Kirche Protagonisten sein.
Jugendliche wollen auch in der Kirche Protagonisten sein.

Eines ihrer zentralen Themen ist die Klimagerechtigkeit. Was ist das eigentlich?

Graf: Die Klimakrise ist auch eine Frage der Gerechtigkeit. Von den Folgen der Klimakrise sind unterschiedliche Bevölkerungsgruppen weltweit unterschiedlich betroffen. Beispielsweise sind landwirtschaftlich geprägte Länder stärker betroffen von Dürren, Waldbränden oder Fluchtbewegungen als andere Länder. Oft fehlen in diesen Ländern zudem die Mittel, um sich von den Folgen der Klimakrise ausreichend schützen zu können.

«Wenn junge Frauen weitere Wege gehen müssen, verpassen sie die Schule.»

Warum ist die Gender-Frage in der Klimagerechtigkeit wichtig?

Graf: In afrikanischen Ländern übernehmen Frauen oft wichtige Funktionen in der Landwirtschaft. Wenn diese wegen der Klima-Krise von Hitze und Dürre betroffen ist, leiden die Frauen. Oft arbeiten sie auch als Wasserträgerinnen. Wenn junge Frauen immer weitere Wege gehen müssen, um Wasser zu holen, verpassen sie die Schule. Da hat Auswirkungen auf ihren späteren beruflichen Lebensweg.

Dürre im Südsudan
Dürre im Südsudan

«Klimaflüchtlinge sind bei uns nicht anerkannt.»

Wie beurteilen Sie die Klima-Migration?

Graf: Wir sehen, dass immer mehr Menschen wegen Dürre oder Flut aus ihrer Heimat fliehen müssen. Doch Klimaflüchtlinge sind bei uns nicht anerkannt. Man bezeichnet diese Leute noch immer als Wirtschaftsflüchtlinge. Die Klimakrise wird zu Migration führen, und zwar in einem Ausmass, wie es dies vorher noch nie gegeben hat. Es gibt gewisse Regionen auf der Welt, die schon jetzt aufgrund der Auswirkungen der Klimakrise nicht mehr bewohnbar sind.

«Leute aus unteren sozialen Schichten dürfen nicht auf der Strecke bleiben.»

In diesem Kontext sprechen Sie von «fairer Transition». Was ist damit gemeint?

Graf: Faire Transition meint, dass gerade Leute, die aus unteren sozialen Schichten kommen und wenig zur Klimakrise beigetragen haben, mitgenommen werden sollen bei der Transformation von den fossilen zu den erneuerbaren Energien. Dazu braucht es nationale und internationale Abkommen, um diese Transformation voranzubringen. Denn betroffene Menschen, wie etwa die Kohlearbeiter im Ruhrgebiet, dürfen nicht auf der Strecke bleiben.

Gibt es auch Klima-Ungerechtigkeit in der Schweiz?

Graf: Natürlich. Beispielsweise sind die Berge viel stärker von der Klimakrise betroffen als andere Regionen in der Schweiz.

Sonnenaufgang über Industriegebiet.
Sonnenaufgang über Industriegebiet.

«Das Nein zum CO2-Gesetz hat mich erschüttert.»

Wo steht die Schweiz als Klimasünder? 

Graf: Im Juni 2021 hat eine knappe Mehrheit dagegen gestimmt, per Gesetz die CO2-Preise zu erhöhen. Dabei wollte unser Land seine Emissionen bis 2030 um die Hälfte reduzieren. Das hat mich erschüttert, denn gerade der Finanzplatz Schweiz stösst zwanzigmal so viele CO2-Emissionen aus wie die gesamte Schweizer Bevölkerung. Die meisten Emissionen kommen nicht von Privatpersonen, sondern von Unternehmen.

«Wir von der Klima-Allianz tauschen uns aus mit kirchlichen Organisationen.»

Wo steht die Kirche als Akteur in der Klimadebatte?

Graf: Beim Thema Klimagerechtigkeit sind alle Akteure von enormer Wichtigkeit. So natürlich auch die Kirche und ihre Institutionen. Die «Klima-Allianz», wo ich mich engagiere, arbeitet schon länger mit kirchlichen Organisationen zusammen – etwa mit Fastenaktion, Oeku oder Caritas. Wir tauschen uns regelmässig aus. Wohlwollend nehmen wir auch Aktionen wie das Label der «grüne Güggel» zur Kenntnis, das besonders nachhaltig ausgerichteten Pfarreien verliehen wird. 

Theologin Gaby Zimmermann mit dem "Grünen Güggel"
Theologin Gaby Zimmermann mit dem "Grünen Güggel"

«Auch in der Kirche stosse ich auf Ignoranz.»

Unternimmt die Kirche genug?

Graf: Die Kirche muss, wie alle Akteure, noch viel mehr tun. Denn die Auswirkungen der Klimakrise werden immer grösser und spürbarer. Und sie sind messbar! Wenn einer heute sagt, man spüre die Klima-Krise hier in der Schweiz nicht, dann ist er für mich schlicht ignorant. Auch in der Kirche stosse ich manchmal auf diese Ignoranz, wenn bei gewissen Personen das Wissen über die Auswirkungen der Klima-Krise nicht vorhanden ist. 

«Es braucht eine Top-Down- und eine Bottom-Up-Bewegung.»

Wie können Klima-Akteure und kirchliche Akteure besser zusammenwirken?

Graf: Es müssen neue Räume geschafft werden, damit die verschiedenen Akteure für den Dialog zusammenkommen können. Es gibt sehr viele junge Leute, die sich auf dem Gebiet der Klimagerechtigkeit gut auskennen. Sie wollen etwas verändern und ihr Wissen loswerden.

Es braucht eine Top-Down- und Bottom-Up-Bewegung. Jemand in der Kirche soll von oben das Thema Klimagerechtigkeit auf die Agenda setzen, und die Basis soll mitziehen. Die Kirche hat eine grosse Verantwortung bei der Lösung der Klimakrise.


Klima-Aktivistin Marie-Claire Graf referiert an der Paulus-Akademie | © Vera Rüttimann
15. Juni 2022 | 05:00
Lesezeit : ca. 4  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!