Jugendseelsorge statt Direktionsassistenz: Der Weg von Aline Jacquier
Aline Jacquier hat am Weltjugendtag einen Schlüsselmoment erlebt. Unterdessen hat die Walliserin ihre Berufung in der Jugendpastoral gefunden, wo sie für die Diözese Sitten tätig ist. Kurz vor Abschluss ihrer Ausbildung zur Seelsorgerin erzählt sie von ihrem Werdegang.
Bernard Hallet, cath.ch / Adaption: Barbara Ludwig
Aline Jacquier wurde kürzlich zur Projektbeauftragten für die Jugendpastoral in der Romandie ernannt. Ein Posten, der insbesondere mit den Weltjugendtagen (WJT) in Verbindung steht. Diese neue Funktion kommt zu ihrem Engagement in der Diözese Sitten hinzu, wo sie für die Pastoral der 16- bis 25-Jährigen zuständig ist.
«Jovialer Clownfisch»
Die junge Frau hat sich gut auf das Treffen mit cath.ch vorbereitet. Akribisch verfolgt sie ihre Notizen während der Diskussion. Eine Ernsthaftigkeit, die im Gegensatz zu ihrer üblichen Jovialität steht. Hinter ihrer gute Laune, der Begeisterung und den Lachanfälle verstecke sich eine gewisse Schüchternheit und ihre grosse Sensibilität, gibt sie zu.
«Bei den Pfadfindern war mein Totem ‘Fisch Clown jovial’. Das passt gut zu mir. Das ist meine Art zu sein und die Freude Christi, die in mir wohnt, auszustrahlen», sagt Aline Jacquier, lächelt, und betont dann, dass die Freude eine ernsthafte Arbeit nicht verhindert.
Pfarrer wollte keine Mädchen am Altar
Aline wurde 1989 in Sitten geboren und wächst in der Walliser Gemeinde Fully in einer Familie auf, deren Eltern praktizierende Christen sind. Sie geht jeden Samstagabend in die Messe. «Eigentlich folgten meine Schwester und ich meinen Eltern zur Messe, aber ich war froh, weil ich dort alle meine Freunde aus der Schule traf.» Zu Hause betet sie abends mit ihrer Mutter. Durch ihre Grossmutter lernt sie das Rosenkranzgebet und einige Lieder kennen.
Nach ihrer Erstkommunion geht Aline mit einigen Freundinnen zum Pfarrer, um als Ministrantin am Altar zu dienen. Der Priester lehnt ab, weil er die Jungen nicht verlieren will; er befürchtet, dass sie den Altardienst desertieren, sobald Mädchen dabei sind.
Deutschvokabular lernen im Gottesdienst
Als Teenager rebellierte sich kaum. Der Messe durfte sie nicht fernbleiben, aber ihre Eltern liessen sie am Samstagabend mit ihren Freunden ausgehen. «Wir trafen uns auf der Empore der Kirche. Wir hörten Musik mit dem Walkman oder paukten unsere Deutschvokabeln. Im Grunde taten wir einfach so, als würden wir an der Messe teilnehmen.» Aline engagierte sich im Jugendchor, der die Messen musikalisch gestaltete.
Parallel dazu besucht Aline die Schule in Fully und die Orientierungsschule in Martigny. Danach lässt sich sie – wie einst ihre Mutter – zur kaufmännischen Angestellten ausbilden. In den Ferien hat sie Gelegenheit, in der Garage ihres Onkels auszuhelfen. Der Bereich der Automobilbranche interessiert sie, der Beruf gefällt ihr.
Eine Nacht, in der alles klar wurde
Ihr Weg scheint also vorgezeichnet – bis zu ihrer Teilnahme am Weltjugendtag in Köln im Jahr 2005. Von Freunden aus dem Ministrantenchor mitgenommen, macht sich Aline auf den Weg nach Deutschland. Sie ist 16 Jahre alt. «Eigentlich war es vor allem eine Gelegenheit, ohne die Eltern in den Urlaub zu fahren.» Die Reise zum Weltjugendtag wird das Geburtstagsgeschenk ihrer Eltern.
«In der ersten Woche kann ich mich nicht daran erinnern, dass ich in die Messe gegangen bin.» Die kleine Gruppe, mit der sie unterwegs ist, geniesst eher ein lokales Bierfest. Eine Stunde Anbetung mitten in der Nacht in der folgenden Woche verändert jedoch ihr Verhältnis zum Glauben radikal. «Ich hatte davon gehört, es aber nie selbst erlebt. Vor dem Allerheiligsten hat alles einen Sinn bekommen: mein Glaube, die Messe, die Katechese, das Gebet. Alles hat sich geklärt!» Sie illustriert das Phänomen mit den Emmaus-Pilgern, die plötzlich Jesus erkennen.
In dieser Nacht kristallisiert sich alles heraus, was sie in der Kirche erlebt hat und was bis dahin nicht ihr Lebensweg gewesen war. Sie spricht jedoch nicht sofort darüber. «Nach der Rückkehr drängte ich alle, zur Messe zu gehen, zum Erstaunen meiner Eltern», sagt sie.
Engagement für Organisation des WJT
Um die Begeisterung der Jugendlichen im Nachgang zum Weltjugendtag nicht abkühlen zu lassen, gab Pfarrer Jean-François Luisier der kleinen Gruppe die Gelegenheit, einen Vormittag mit dem Titel «Des Jeunes qui prient» (DJP) – zu Deutsch: Junge, die beten – einzuführen: «Wir trafen uns am Samstagmorgen aus Freude am Gebet, am Austausch und am Lachen», erzählt Aline Jacquier.
Neben der Atmosphäre ist es die Freiheit, ihre Treffen und Veranstaltungen selbst zu organisieren, die die Jugendlichen begeistert. Nach und nach übernimmt Aline Verantwortung. Sie wird Mitglied des Organisationskomitees des Weltjugendtags. Sie nimmt an den Weltjugendtagen in Sydney, Madrid und Rio im Jahr 2013 teil.
Ein Traum für 30’000 Franken
In Spanien besucht Aline Jacquier ein Konzert der Pop-Lobpreis-Band «Glorious». Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz schliesst sie sich einer Gruppe von sieben bis acht Jugendlichen an, die ein christliches Festival organisieren wollen.
Unter der Leitung von Jean-François Luisier «fingen wir an, gross zu träumen», erinnert sie sich. Ein Traum für 30’000 Franken: Das Budget für die erste Ausgabe des OpenSky-Festivals, das das Team auf die Beine stellen und zu einer Erfolgsgeschichte machen konnte. «Wir hatten 300 bis 400 Leute erwartet. Am Ende kamen über 1000 Leute in die Mehrzweckhalle von Fully. Glorious gab ein Konzert. Auf unsere Bitte hin hat sogar die Migros in der Nähe ihren Laden wieder geöffnet, um die Bar mit Pommes frites zu versorgen.»
«Pfarrer Jean-François Luisier hat uns immer vertraut und uns unsere Projekte träumen lassen, ganz im Stil von Don Bosco. Die Tatsache, dass ein Priester uns handeln liess, war für die damalige Zeit ziemlich neu.» Aline Jacquier versucht, diese Geisteshaltung fortzuführen. «Die Jugendlichen müssen Akteure ihrer Pastoral sein.» Die Botschaft der Jugendsynode von 2018 werde von der Kirche noch nicht gehört, findet die junge Frau.
Papstschreiben als Auslöser
Ein weiterer Höhepunkt für Aline Jacquier ist die Veröffentlichung von «Christus vivit», das postsynodale Schreiben von Papst Franziskus. Sie zitiert daraus: «Liebe Jugendliche, ihr seid das Heute Gottes, das Heute der Kirche. Die Kirche braucht euch heute, um ganz sie selbst zu sein.»
Der Aufruf des Papstes vom Juni 2019 klingt für die junge Frau wie eine Berufung. Auf Anraten ihrer Freunde beginnt sie eine Weiterbildung (CAS) und überprüft die Jugendpastoral der Diözese Sitten auf der Grundlage von «Christus vivit».
Junge übernehmen Verantwortung für Jugendseelsorge
Die Überlegungen führen schliesslich dazu, dass sich drei junge Menschen für den diözesanen Jugenddienst engagieren. Es gibt keinen Seelsorger mehr für diesen Bereich, wie es bis dahin der Fall war. «Wir ziehen es vor, je nach Ort, Art der Veranstaltung, die wir organisieren, oder der Struktur, die wir aufbauen, einen Priester hinzuzuziehen.» Die Jugendsynode hat Früchte getragen.
Ende einer Karriere
Die Berufung siegt schliesslich über die Karriere, für die Aline Jacquier bestimmt war, und dies trotz des Abschlusses einer Matura als Kauffrau im Jahr 2009 und eines eidgenössischen Fachausweises als Direktionsassistentin im Jahr 2018. Der «Parcours Theodule», eine dreijährige Grundausbildung der Diözese Sitten, mit einem 20 Prozent-Pensum gibt den Ausschlag. Die Covid-Pandemie akzentuiert die Fragestellung: «Soll ich mein ganzes Leben lang Grafiken und Marketingpläne erstellen?», fragt sich Aline Jacquier. Mit 33 Jahren gibt sie ihren Beruf als Direktionsassistentin auf.
Aline Jacquier absolviert derzeit eine Ausbildung zur Seelsorgerin. Sie schreibt ihre Diplomarbeit über die «Montée vers Pâques» (Feiern von Passion, Grabesruhe und Auferstehung Christi, Tradition in der Westschweiz, d.Red.) für 16- bis 30-Jährige. Die Rückmeldungen aus ihrem Fragebogen zu diesem Thema zeigen deutlich eine Fragestellung zum Ritual des österlichen Triduums. «Die jungen Menschen wollen die Bedeutung des Osterfeuers, des Lichts, des Wassers und der Taufe in der Osternacht kennenlernen.»
Neues Interesse an Grundlagen der Liturgie
Sie stellt fest, dass das neu erwachte Interesse an einer Rückkehr zu den Grundlagen der Liturgie mit einer Fokussierung auf den Ritus einhergeht. Sie hat auch eine Tendenz zur Hinterfragung festgestellt, «was richtig oder falsch ist», «ob man das Recht hat oder nicht», diese oder jene Geste während der Messe zu vollziehen. «Es darf nicht sein, dass dies zum Mittelpunkt des Glaubens wird, der in erster Linie eine Begegnung mit Christus ist», mahnt sie.
Wenn man sie nach dem Sinn ihres Werdegangs und der Vielzahl ihrer Erfahrungen fragt, spricht sie erneut von ihrer Begegnung mit Christus in jener Nacht 2005 in Köln. Und antwortet einfach, dass sie nicht allein ist.
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