Joachim Küchenhoff über die grosse Schwierigkeit, sich selber zu verzeihen
In seinem neuen Buch schreibt der Basler Psychiater Joachim Küchenhoff übers Verzeihen. Im Podcast «Laut + Leis» sagt er, welche Probleme Menschen ganz besonders umtreiben.
«In der Praxis, jedenfalls im Augenblick, ist die grosse Schwierigkeit, sich selber zu verzeihen. Das zu verzeihen, was man verfehlt, was man falsch gemacht, was man anderen angetan hat. Aber nicht im Sinne eines reumütigen Sünders, Es geht nicht darum, sich zum reumütigen Sünder zu erklären. Sondern es ist hilfreich, wenn ein Mensch sein Tun verstehen kann und damit einen Zugang zu sich selbst findet.
Für mich das krasseste Beispiel in der Behandlung sind Menschen mit schweren Essstörungen. Also nehmen Sie als Beispiel die Anorexie-Patientin, die zehn Jahre in ihrer Aufmerksamkeit um das Magersein und gegen das Hungergefühl ankämpfen verbracht hat. Sie muss nachher, wenn’s ihr besser geht, zu sich sagen, ich habe viel verschenkt von dem, was ich hätte erleben können, was andere erlebt haben.
Um sich da nicht einen enormen Vorwurf zu machen (ich bin so blöd gewesen), muss die Therapie wirklich eine Unterstützung bieten. Mit dem Ziel, dass ich mich in der Situation, in der ich gewesen bin, verstehen und mir anders begegnen kann. Ich muss mich nicht verurteilen und immer weiter verurteilen. Das spielt in der Praxis eine grosse Rolle, auch bei depressiven Menschen.»
Das sagt der Basler Psychiater Joachim Küchenhoff im Podcast «Laut + Leis». Sein neues Buch heisst «Verzeihen. Plädoyer für eine unverzichtbare psychosoziale Fähigkeit», erschienen ist es im Psychosozial-Verlag. (sl)
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