Mord ja, Abtreibung nein?
Zürich, 22.11.16 (kath.ch) Priester dürfen seit dem Ende des «Jahres der Barmherzigkeit» (20. November) Abtreibungen vergeben. Das hat der Papst so entschieden. Drei Schweizer Pfarrer erzählen kath.ch, ob sie nun einen anderen Umgang mit Abtreibungen und Vergebung pflegen werden – oder nie ein Unterschied bestand.
Francesca Trento
«Für mich persönlich ändert sich mit der Erlaubnis des Papstes nichts», so Roland Eigenmann, katholischer Pfarrer der Katholischen Kirche Region Rorschach, gegenüber kath.ch. «Ich war schon vorher davon überzeugt, dass wir alles vergeben sollten.» Dankbar sei er dem Papst trotzdem. Nun müsse die gesamte katholische Kirche das gleiche Verständnis der Vergebung der Sünde Abtreibung ausleben. «Durch Franziskus’ Erlaubnis wird den Menschen wieder bewusster werden, dass Gott alles vergibt. Wieso sollten wir Priester dies im Namen Jesu nicht auch tun sollen?»
Menschen verzeihen ungern
Gott verzeiht alles. Dieser Meinung sind auch die beiden katholischen Pfarrer Mario Pinggera und Peter Camenzind. Bei der Vergebung gebe es jedoch ein Problem, so Pinggera, Pfarrer in der katholischen Pfarrei Richterswil/Samstagern. «Menschen verzeihen nicht alles so leicht, wie es Jesus zu tun predigte. Vor allem verzeihen Menschen oft sich selbst nicht.» Da könne ein Pfarrer noch lange sagen, man sei die Sünden nun los, so Pinggera weiter. «Wenn der Leidende das Sakrament der Versöhnung nicht annimmt, erfährt er auch das Gefühl der erlösenden Lossprechung nicht.»
Schliesslich vergibt ja Gott, nicht der Pfarrer
Gleichzeitig sind sich jedoch alle drei einig, dass die Vergebung der Sünde durch die Beichte und das Sakrament der Busse «gründlicher» sei. «Jesus gab seinen Apostel die göttliche Kraft weiter, Menschen in Gottes Namen zu vergeben», meint Camezind, Pfarrer in der Pfarrei St. Marien in Wädenswil. Er glaube zwar auch, dass sich manche Menschen ohne Beichte, ohne Gespräch verzeihen könnten. «Schliesslich vergibt ja Gott und nicht der Pfarrer.» Die Vergebung durch den Pfarrer habe jedoch eine andere Qualität, ist sich Camenzind sicher.
Das sieht auch Pinggera so. Er findet aber das Heilsame an einer Beichte müsse bei einem Pfarrer erlebt werden, um diese «andere Qualität» zu spüren. Für Eigenmann ist das Gespräch in der Beichte das Heilsame. «Das Aussprechen der Schuld ist auch ein Los-Sprechen, ein Los-Lassen», ist Eigenmann überzeugt.
Abtreibungen selten gebeichtet
Geht man von den drei befragten Priestern aus, sind die Regeln zur Vergebung einer Abtreibung unter Schweizer Priestern unklar. Gemäss Pinggera wird das Thema in der Ausbildung «gar nicht wirklich» behandelt. »Ich habe mir das gar nicht überlegt, ob ich vergeben darf oder nicht», so Camezind, der den Fall erst zweimal hatte – und «natürlich» vergab.
Womöglich sind die Regeln auch unter Schweizer Frauen wenig bekannt – oder kaum gefragt. «Ich hatte noch nie eine Frau zur Beichte, die abgetrieben hat», so Pinggera. Die Frauen liessen sich von ihnen eher im Vorfeld einer möglichen Abtreibung beraten, sagen die Pfarrer.
Der Papst sei durch diesen Entscheid endlich konsequent, sagt Pinggera. Denn: «Wieso sollte ich einen Mord vergeben dürfen und eine Abtreibung nicht?»
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