Karl Graf zu Crans-Montana: «Wenn Vergebung gelingt, ist es ein Geschenk»
Nach der Tragödie in Crans-Montana stellt sich für viele die Frage, ob sie jemals jenen, die für das Unglück verantwortlich sind, verzeihen können. «Verzeihen ist ein langer Prozess», sagt der psychotherapeutische Berater und Exerzitienleiter Karl Graf. Nicht jedem gelingt das.
Jacqueline Straub
Für die Tragödie in Crans-Montana werden Schuldige gesucht: Die Clubinhaber, die Gemeinde. Die Barbesitzerin entschuldigte sich unter Tränen. Eine Mutter eines verstorbenen Jungen sagte daraufhin gegenüber den Medien: «Ich will nichts von Frau Moretti wissen». Eine normale Reaktion, oder?
Karl Graf*: Es ist eine sehr verständliche Reaktion. Im Schock des Verlusts braucht diese Mutter Schutz und Raum für den eigenen Trauerprozess. Eine solche Frage an die Mutter ist in diesem Moment völlig fehl am Platz.
Können Menschen solch ein schlimmes Ereignis jemals verzeihen?
Graf: Verzeihen ist ein langer Prozess und zunächst ist völlig offen, ob und wie er gelingen kann. Am Anfang steht das Anerkennen der tiefen Verletzung, von Verzweiflung und vielleicht Sprachlosigkeit. Dazu gehört das Zulassen von Trauer – und auch von Gefühlen der Wut gegenüber Menschen, die am Unglück mitschuldig sind. Diese Gefühle brauchen einen geschützten Raum und dürfen nicht mit vorschnellen Antworten oder einem Appell zum Verzeihen überdeckt oder verdrängt werden.
«Es geht um ein Durchleben und Durcharbeiten des Verlustes.»
Sind Verzeihen und Vergeben wichtig?
Graf: Vergeben und Verzeihen sind wichtig, weil sie im Verlauf dieses Prozesses helfen können, innerlich freier zu werden und sich wieder dem eigenen Leben und der eigenen Zukunft zuzuwenden. Es geht darum, sich zu versöhnen mit dem, was war und nicht mehr verändert werden kann, um es ins eigene Leben zu integrieren und wieder nach vorne schauen zu können.
Muss der Prozess des Vergebens überhaupt gelingen?
Graf: Nein, Vergebung muss nicht gelingen. Sie ist ein offener Prozess, kein moralisches Gebot. Es geht um ein Durchleben und Durcharbeiten des Verlustes und damit – oft auch unterstützt durch eine sorgfältige fachliche Begleitung – um Integration des Schrecklichen. Das kann jahrelang dauern, manchmal ein Leben lang, manchmal gelingt der Prozess nicht.
Und was macht es mit der Person, die verziehen hat?
Graf: Die Person wird innerlich freier. Wenn Vergebung gelingt, ist es ein Geschenk. Es entsteht eine neue Freiheit, um sich dem eigenen Leben, der eigenen Zukunft zuzuwenden. Das heisst nicht, dass das Geschehene vergessen ist. Aber es bestimmt nicht mehr das ganze Leben.
Wie sieht der Weg des Verzeihens aus?
Graf: Da gibt es verschiedene Schritte und Wegstationen. Die sechs Punkte kann ich nur kurz andeuten.
«Wut, Trauer, Ohnmacht, oder auch Rachephantasien dürfen Raum haben.»
Sehr gerne.
Graf: Der erste Schritt ist Hinschauen. Das Unfassbare, den Verlust, und das, was einem geschehen ist, klar sehen und benennen – ohne zu verharmlosen oder zu entschuldigen. An zweiter Stelle kommt, Gefühle zuzulassen. Wut, Trauer, Ohnmacht, oder auch Rachephantasien dürfen Raum haben. Sie sind nicht tabu, sondern Teil des inneren Prozesses. Drittens: Desidentifizieren. Diese Gefühle ernst nehmen, sich mit der Zeit jedoch immer weniger mit ihnen identifizieren und so inneren Abstand zu gewinnen.
Und wie sehen die Schritte vier bis sechs aus?
Graf: Viertens: Den Menschen sehen. Die Schuldige, den Schuldigen als Menschen wahrnehmen, der oder die nicht nur Täter oder Täterin ist, sondern religiös gesprochen Geschöpf Gottes, ohne die Schuld zu bagatellisieren oder zu entschuldigen. Der fünfte Schritt heisst Freiheit finden. Auf diesem Weg kann allmählich innere Freiheit entstehen. Das Geschehen verliert seine Macht, der verletzte Mensch bleibt nicht in der Opferrolle gefangen, sondern lebt sein eigenes Leben weiter. Und sechstens: Vergebung wagen. Vergebung ist nicht ein spontanes Gefühl, sondern eine reife Entscheidung – und auch eine Gnade. Man kann sie nicht erzwingen, aber man kann sich ihr öffnen, wenn die Zeit dafür reif ist. Wann dieser Zeitpunkt ist, ist sehr individuell.
Jesus spricht viel von Vergeben. Wie kann dies den Eltern der verstorbenen Kinder gelingen?
Graf: Die Haltung Jesu wird oft missverstanden. Sie wird manchmal so dargestellt, als müsse Vergebung immer und sofort geschehen. Doch Jesus benennt Unrecht klar, etwa im Prozess vor seiner Hinrichtung, als er den Gerichtsdiener fragt: »Warum schlägst du mich?» Jesus setzt sich bedingungslos für die Anerkennung und Benennung von Unrecht ein – und die für Befreiung aus der Verstrickung von Täterinnen, Tätern und Opfer.
*Karl Graf ist Theologe, psychotherapeutischer Berater, Exerzitienleiter und geistlicher Begleiter.
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