Hans Zollner, SJ
International

Jesuit Zollner: Missbrauch von Ordensfrauen ist ein Problem in der Kirche

Ein lange verdrängtes Thema: Der Jesuit Hans Zollner sieht erste Erfolge im Kampf gegen Missbrauch von Ordensfrauen. Das Hilfswerk missio warnt: «Es braucht Konsequenz und Zeit.»

(KNA) Der Jesuit und Missbrauchsexperte Hans Zollner sieht im sexuellen Missbrauch von Ordensfrauen «ein Thema, das auf den Nägeln brennt». Bei einer Pressekonferenz des katholischen Hilfswerk missio Aachen sagte Zollner jüngst, in vielen Ländern könne heute – anders als noch vor zehn Jahren – offen über das Thema gesprochen werden. Missio habe inzwischen dazu beigetragen, dass heute nicht nur über Kinderschutz, sondern auch über den Schutz von Frauen in geistlichen Gemeinschaften gesprochen werde.

Gestiegenes Bewusstsein für das Thema

Das Hilfswerk hat in den vergangenen fünf Jahren (2020 bis 2025) Ausbildung, Empowering und Safeguarding von Ordensfrauen unterstützt. Nach intensiver Projektarbeit verzeichnet missio nun ein gestiegenes Bewusstsein für das Thema sexueller Missbrauch von Ordensfrauen, bessere Sprachfähigkeit über dieses Thema, Hilfe für Betroffene und Massnahmen zur Prävention. Gemeinsam mit Partnerorganisationen wurden in Afrika, Asien und Ozeanien zahlreiche Projekte durchgeführt. missio förderte sie mit rund 17,5 Millionen Euro.

534 Ausbildungsprojekte gefördert

Konkret erklärte missio-Präsident Dirk Bingener, das Hilfswerk habe in den fünf vergangenen Jahren 534 Ausbildungsprojekte gefördert, davon 107 spezifisch für Ordensfrauen. Damit wurden rund 80.000 Ordensfrauen und Novizinnen erreicht, die dabei unterstützt wurden, unabhängig, selbstbestimmt und stark zu leben. Das reduziere indirekt das Risiko für Gewalt.

35 Projekte im engeren Bereich Safeguarding hätten das Ziel, eine Infrastruktur aufzubauen, mit der Gewaltbetroffene Ordensfrauen unterstützt werden. Ausserdem gehe es darum, Prävention und Netzwerkarbeit aufzubauen. Dazu kämen internationale Netzwerktreffen und die finanzielle Unterstützung von acht Doktoranden und Doktorandinnen aus Afrika, Asien und Ozeanien.

Zollner: Heute ist das Thema auf dem Schirm

Zollner berichtete, eine Ordensfrau habe das Thema sexueller Missbrauch von Ordensfrauen bereits im Jahr 2000 angesprochen – damals ohne Konsequenzen. Das sei «zum Glück» heute anders. Selbst Papst Franziskus habe es 2018 öffentlich thematisiert.

«Menschen können heute offen über erlittenen Missbrauch sprechen. Sie sind sich bewusst darüber, dass Safeguarding-Training nötig ist.»

Schwester Mary Lembo berichtet aus Afrika, vor zehn Jahren sei es dort noch nicht möglich gewesen, über sexuellen Missbrauch von Ordensfrauen zu reden. Die Menschen seien hier davon ausgegangen, «dass Missbrauch nicht in Afrika, sondern nur in Europa und anderen Orten existierte». Das habe sich geändert.

«Menschen können heute offen über erlittenen Missbrauch sprechen. Sie sind sich bewusst darüber, dass Safeguarding-Training nötig ist.» Ausbildungs- und Vernetzungstreffen mit Teilnehmenden aus allen Kontinenten hätten beim Verständnis von Missbrauch als globalem Problem sehr weitergeholfen. Jetzt müssten einheitliche Verfahren und Verhaltenskodexe für den Umgang mit dieser Gewalt verbindlich gemacht werden.

Sexuelle Gewalt gegen Frauen teils akzeptiert

Es gebe auch heute noch Orden, die ein unterwürfiges Ordensideal pflegen, und Missbrauch verschweigen. In solchen Gemeinschaften hätten Schwestern, die über ihren erlittenen Missbrauch sprechen, grosse Schwierigkeiten. Auch in vielen Kulturen sei sexuelle Gewalt gegen Frauen mehr oder weniger akzeptiert.

Wie die indische Schwester Rushila Rebello sagte, stünden christliche Ordensfrauen gerade in muslimisch geprägten Ländern in der gesellschaftlichen Hierarchie so weit unten, dass Missbrauch von Ordensfrauen dort nicht als Problem angesehen würde.

Wandel von Mentalität und Kultur nötig

Zollner sagte, es brauche einen Wandel von Mentalität und Kultur, der nicht «von heute auf morgen» geschehe. So werde missio weiterhin in Bewusstseinschaffende Massnahmen investieren, erklärte die Safeguarding-Beauftragte Johanna Streit. Es brauche vor Ort mehr Anlaufstellen für Betroffene und Ausbildungsinstitutionen. Missio wolle dazu beitragen, kultursensible und günstige Ausbildungsmöglichkeiten in den verschiedenen Sprachgruppen zu etablieren und Netzwerke auf- und auszubauen.

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Bingener betonte: «Das Thema braucht Konsequenz und Zeit». Diese Mischung erscheine zwar ungewöhnlich. Aber sie sei erforderlich, um Prozesse anzustossen und Menschen mitzunehmen. Er betonte, die Gefahr der Versandung bleibe: «Es gibt immer wieder neue Generationen von Ordensfrauen. Die Tür ist aufgestossen, aber es gehen auch wieder Türen zu.» So werde es weiter darauf ankommen, mit Konsequenz und Zeit die Projekte weiterzuverfolgen. missio müsse diese beharrlich weiter fördern, bis sie auf eigenen Füssen stehen können.


Hans Zollner, SJ | © zVg
9. Februar 2026 | 16:00
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