Karin Iten und Stefan Loppacher arbeiteten zusammen als Präventionsbeauftragte des Bistums Chur.
Story der Woche

#InsideLGF und darüber hinaus: Die Krise der Schweizer Kirche

Der Fall eines abgesetzten Priesters gewährt Einblicke in das, woran die Kirche krankt: Säkularisierung, Priestermangel und überforderte Kantonalkirchen. Und er zeigt: Die Krise der Schweizer Kirche ist auch eine des dualen Systems. Eine Analyse.

Annalena Müller

Das aktuelle Drama im Bistum Lausanne, Genf und Freiburg (LGF) ist weniger medientauglich als frühere Skandale. Es geht nicht um Sex-Eskapaden unter Priestern. Und es geht – glücklicherweise – auch nicht um Missbrauch. Der Fall des Waadtländer Priesters mag nicht zu grossen Schlagzeilen taugen. Aber er gewährt tiefe Einblicke in die Strukturen des dualen Systems. Und in die Herausforderungen, vor denen die Schweizer Kirche steht.

Nicht nur LGF

In der Waadt hat ein Priester eine Frau am Knie berührt. Ohne den Fall unabhängig zu prüfen, suspendiert die Waadtländer Kantonalkirche FEDEC* den Priester und kündigt ihm kurz darauf.

Der Bischofssitz in Freiburg
Der Bischofssitz in Freiburg

Wieder ein Fall aus dem Westschweizer Bistum, der zu reden gibt. Aber: LGF ist keine Ausnahme. Viele Aspekte, die diesen Fall charakterisieren, sind auf andere Bistümer übertragbar.

Fremde Priester müssen betreut werden

Wegen des Priestermangels sind alle Schweizer Bistümer auf «fremde Priester» angewiesen. Ungefähr die Hälfte der hier tätigen Priester hat einen ausländischen Pass. Die meisten von ihnen stammen aus Osteuropa, Afrika und Indien. Inkardiniert sind sie in den Bistümern ihrer Heimatländer. In der Schweiz sind sie meist zeitlich befristet angestellt.

Ungefähr die Hälfte der Priester in der Schweiz hat einen ausländischen Pass.
Ungefähr die Hälfte der Priester in der Schweiz hat einen ausländischen Pass.

Die sprachlichen und kulturellen Barrieren erhöhen das Risiko von Missverständnissen. Laut Karin Iten und Stefan Loppacher, Präventionsbeauftragte des Bistums Chur, ist daher zentral: «Kulturelle Unterschiede müssen regelmässig thematisiert werden».

Herkules-Aufgabe der Kantonalkirchen

Es ist eine Herkules-Aufgabe für die Kantonalkirchen und Kirchengemeinden. Als Arbeitgeber der Priester müssen sie die kulturellen Gräben überbrücken. In Anbetracht des Agierens der FEDEC stellt sich die Frage: Sind die Kantonalkirchen dieser Aufgabe gewachsen?

Die Kantonalkirchen und Kirchgemeinden spielen in der Schweiz eine wichtige Rolle. Sie sind die zivilrechtlichen Arbeitgeber von Priestern und Seelsorgenden. Zusammen mit den Bistümern sind sie verantwortlich für deren kulturelle Integration.

Der Bischof ist der Chef der Priester. Aber in der Schweiz selten ihr Arbeitgeber.
Der Bischof ist der Chef der Priester. Aber in der Schweiz selten ihr Arbeitgeber.

Sie müssen die Schweizer Kirche durch multiple Krisen steuern, Lösungen für den Priestermangel und Antworten auf die Säkularisierung finden. Und nebenbei müssen sie den dringend notwendigen Mentalitätswechsel in Sachen Missbrauch bewerkstelligen.

Verhaltenskodex nur ein erster Schritt

Ein wichtiger Schritt in Richtung Mentalitätswechsel: Der Churer Verhaltenskodex. Dieser wird in leicht abweichender Form auch im Bistum LGF eingeführt. Karin Iten und Stefan Loppacher sind die geistigen Eltern des Kodex. Aber sie wissen: Alleine greift der Kodex nicht.

Das Bistum Chur hat bereits den Verhaltenskodex zum Umgang mit Macht eingeführt.
Das Bistum Chur hat bereits den Verhaltenskodex zum Umgang mit Macht eingeführt.

Für einen Mentalitätswechsel braucht es mehr. Eine Teamkultur, in der die Graubereiche besprochen werden, die der Kodex benennt. Sie fordern ausserdem: «Eine unterstützende Führung auf Ebene aller kirchlichen Entscheidungsträger und Personalverantwortlichen. Sowie ein differenziertes Agieren, das Risikomanagement nicht mit Melde- und Krisenmanagement verwechselt.» Iten und Loppacher arbeiten seit Jahren zu dem Thema. Iten hat dazu Konzepte ausgearbeitet und publiziert.

Überforderte Kantonalkirchen

Der Fall des Waadtländer Priesters zeigt: der Umgang mit Graubereichen überfordert. Die Situation, um die es hier geht: eine Berührung am Bein während eines Gesprächs. Der Vorfall ist ein Graubereich, weil er strafrechtlich nicht relevant ist. Aber dennoch eine Grenzüberschreitung des akzeptierten Gesprächsverhaltens ist.

Kirchenjuristische Kreise schütteln über das Vorgehen der FEDEC den Kopf. Die Verantwortlichen hätten zu schnell agiert; auf rechtlich unsicherer Basis; ohne den Fall richtig zu untersuchen.

Nicht nur im Kloster fehlt der Nachwuchs. Auch die Kantonalkirchen haben Mühe, ihre Stellen zu besetzen.
Nicht nur im Kloster fehlt der Nachwuchs. Auch die Kantonalkirchen haben Mühe, ihre Stellen zu besetzen.

In Hintergrundgesprächen nennen Experten immer wieder die gleichen Probleme: Die Kantonalkirchen hätten Probleme, geeignetes Personal zu finden. Die Bewerberdecke sei dünn. Es fehle an professionellen HR-Strukturen. Es mangle an Know-how im Umgang mit Fehlverhalten im Graubereich – oder auch nur einem Problembewusstsein dafür.

«Null-Toleranz ist ein schlechter PR-Gag»

Dem gegenüber steht die kirchliche «Null-Toleranz». Den Begriff haben vatikanische Pressesprecher geprägt. Die «tolérance zéro» hat sich auch das Bistum LGF 2017 medienwirksam auf die Fahnen geschrieben.

Kirchliche Kommunikation als "Blackbox".
Kirchliche Kommunikation als "Blackbox".

Für Loppacher und Iten ist «Null-Toleranz» ein Reizwort. Ein «schlechter PR-Gag» und «eine leere Worthülse», die Handeln suggeriert, ohne dass etwas geschieht. Dies betrifft auch die Kantonalkirchen. Dort sind Verantwortliche mit vielschichtigen Fällen konfrontiert, auf die der Vorschlaghammer «Null Toleranz» die falsche Antwort ist.

Fehler und Lernkultur notwendig

Der Fall in der Waadt zeigt die Absurdität einer falsch zugeordneten «tolérance zéro». Gerade «in Graubereichen gilt: Null-Risiko ist nicht möglich, ohne regelmässig über das Ziel hinauszuschiessen», so die beiden Präventionsbeauftragten.

Karin Iten sensibilisiert auf einer Schulung für den Umgang mit Handlungen im Graubereich.
Karin Iten sensibilisiert auf einer Schulung für den Umgang mit Handlungen im Graubereich.

Viel wichtiger als plakative Slogans sei die Etablierung einer «Fehler- und Lernkultur, die arbeitsrechtlich eingebettet ist». Die zuständigen Amtspersonen müssen lernen, «zwischen sexuellem Missbrauch und Fehlverhalten im Graubereich zu unterscheiden. Sie sollten sich im Zweifelsfall von Fachleuten beraten lassen», bevor sie Entscheidungen treffen.

Kantonalkirchen tragen besondere Verantwortung

Dieser Lernschritt ist zentral. Die Kantonalkirchen und Kirchengemeinden tragen in der Schweiz eine besondere Verantwortung. Das Kirchenrecht bietet Priestern nämlich kaum rechtlichen Schutz, wie Urs Brosi im Gespräch mit kath.ch erläutert.

Das Kirchenrecht regelt die Meldepflicht eindeutig: Missbrauchsfälle, die Minderjährige betreffen, müssen in Rom gemeldet werden.
Das Kirchenrecht regelt die Meldepflicht eindeutig: Missbrauchsfälle, die Minderjährige betreffen, müssen in Rom gemeldet werden.

Besonders prekär ist die Situation für «fremde Priester». Fremd hinsichtlich ihrer Inkardination. Denn für «ausgeliehene» Priester fühlt sich ein Ortsbischof oftmals weniger verantwortlich als für seine «eigenen». Das duale System der Schweiz, in dem Kantonalkirchen die zivilen Arbeitgeber sind, könnte Priester eigentlich gut vor bischöflicher Willkür schützen.

Fall lässt tief blicken

Der Waadtländer Fall ist vor diesem Hintergrund besonders dramatisch. Der Priester gerät doppelt zwischen die Räder des Systems. Die Missio erhielt er von einem Bischof, der am liebsten ohne ausländische Priester auskommen möchte. Und seinen Arbeitsvertrag von einer Kantonalkirche, die beim ersten Kontakt mit einer Grauzonen-Situation ihrer Fürsorge und Risikomanagement-Pflicht nicht gerecht wird.

Bischof Morerod sagte der NZZ im Dezember 2020: Er möchte ohne ausländische Priester auskommen.
Bischof Morerod sagte der NZZ im Dezember 2020: Er möchte ohne ausländische Priester auskommen.

Auch wenn der Waadtländer Fall weniger zu Schlagzeilen taugt als priesterliche Sexskandale: Er verdient ein mediales Hinsehen. Denn an ihm zeigen sich die tektonischen Bewegungen der Schweizer Kirchenplatten. Inklusive der Gräben, die sich im dualen System auftun.

*Fédération ecclésiastique catholique romaine du canton de Vaud (FEDEC)


Karin Iten und Stefan Loppacher arbeiteten zusammen als Präventionsbeauftragte des Bistums Chur. | © zVg
12. Mai 2023 | 05:00
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