Hildegard Wustmans: «Frauen können und wollen Verantwortung übernehmen»
Mit Sarah Gigandet zieht im November erstmals eine Frau in die Leitung des Generalvikariats des Bistums Basel ein. Im Bistum Limburg ist das bereits Realität. Hildegard Wustmans spricht über ihre Erfahrungen und den Wandel durch Frauen in der Kirchenleitung.
Jacqueline Straub
Sie sind die erste Bischöfliche Bevollmächtigte im Bistum Limburg. Zusammen mit dem Generalvikar sind Sie ein gleichberechtigtes Führungsteam an der Spitze des Bistums. Was bedeutet es für Sie persönlich, als erste Frau diese Leitungsposition im Bistum Limburg auszuüben?
Hildegard Wustmans*: Ich habe in meinem Berufsleben schon häufiger erlebt, die erste Frau in einer bestimmten Position zu sein. Trotzdem ist dieses Amt noch einmal etwas Besonderes.
Weshalb?
Wustmans: Mir war von Anfang an bewusst, dass damit ein Signal verbunden ist. Und dieses Signal ist angekommen. Viele Frauen haben mir geschrieben und sich über meine Ernennung gefreut. Eine sagte, es sei, als hätten wir eine gläserne Decke durchbrochen. Das hat mich sehr berührt. Zugleich gibt es für diese Aufgabe kein Rollenskript.
«Ich spreche bewusst von einem wir.»
Das eröffnet Möglichkeiten…
Wustmans: …und ist zugleich eine Herausforderung, weil wir es auch mit unausgesprochenen Erwartungen zu haben. Ich spreche bewusst von einem wir, denn es handelt sich um eine Aufgabe, die ich gemeinsam mit dem Generalvikar gestalte.
Seit eineinhalb Jahren sind Sie nun in diesem Amt. Was hat Sie überrascht und was war vielleicht schwieriger als erwartet?
Wustmans: Es wird genau beobachtet, was wir tun und ob sich durch die neue Leitungsstruktur tatsächlich etwas verändert. Anspruchsvoll ist für mich vor allem die Gleichzeitigkeit der Themen. Wir befinden uns in einem tiefgreifenden Transformationsprozess. Es geht um Finanzen und Personal, um Strukturen und Immobilien – und bei all dem immer um Menschen. Es gibt in all dem nicht die einfache Lösung. Das auszuhalten, gut zuzuhören und zu entscheiden und dadurch Klarheit für die Mitarbeitenden zu geben, gehört für mich zu Führung.
«Eine Frau in dieser Position ist ein Zeichen.»
Was verändert sich, wenn eine Frau an der Spitze des Generalvikariats bzw. Ordinariats mitentscheidet?
Wustmans: Natürlich bringe ich meine Erfahrungen ein. Aber ich halte nichts davon, daraus einen typisch weiblichen Führungsstil abzuleiten. Eine Frau in dieser Position ist ein Zeichen und das wird gelesen: Eine Frau auf der obersten Leitungsebene eines Bistums kann selbstverständlich Verantwortung übernehmen.
Gibt es konkrete Situationen, in denen Sie sagen würden: «Das wäre anders gelaufen, wenn hier ausschliesslich Männer in dieser Leitungsposition sässen»?
Wustmans: Die Einführung einer solchen Stelle ist Ausdruck einer gewollten Veränderung. Wenn zwei Personen an einer Lösung arbeiten, nimmt die Perspektivenvielfalt zu – auch wegen der unterschiedlichen Erfahrungen, die sie in diese Aufgabe mitbringen. Problematisch wird es für Organisationen doch eher dann, wenn an entscheidenden Stellen Personen mit sehr ähnlichen Erfahrungen und Perspektiven zusammenkommen.
«Im Austausch entsteht vielfach etwas Besseres.»
Weswegen?
Wustmans: Dann bilden sich blinde Flecken. Die Historikerin Donna Harroway hat schon vor über dreissig Jahren argumentiert, dass eine jede Entscheidung immer von einem bestimmten Ort aus getroffen wird, mit einer bestimmen Geschichte, bestimmten Erfahrungen im Hintergrund. Kurzum, der Fokus auf den Nenner Geschlecht würde zu einer Reduktion dessen führen. Was sich aber sehr wohl beobachten lässt: Zwei Personen mit unterschiedlichen Werdegängen sehen weitaus mehr als zwei mit demselben Werdegang.
Sie haben bei Ihrer Ernennung von Transparenz, Dialog und Kulturwandel gesprochen. Was bedeutet Kulturwandel für Sie ganz konkret im Führungsalltag?
Wustmans: Kulturwandel entscheidet sich für mich im Alltag. Probleme im Alleingang lösen zu können oder sogar zu müssen, ist in Teilen der Kirche noch immer verbreitet. Das möchten wir ändern: Ich kann mit einer Idee ins Gespräch gehen, ohne die fertige Antwort zu kennen. Im Austausch entsteht vielfach etwas Besseres. Dazu gehören Information, Kritik und nachvollziehbare Entscheidungen. Beteiligung heisst aber auch, Verantwortung zu übernehmen und zu entscheiden.
Welche Rückmeldungen bekommen Sie von Frauen innerhalb des Bistums?
Wustmans: Ich bekomme viele ermutigende und persönliche Rückmeldungen. Frauen sagen mir, dass es ihnen etwas bedeutet, eine Frau in dieser Position zu sehen. Das freut mich. Frauen tragen seit Generationen einen grossen Teil des kirchlichen Lebens und sind gleichzeitig von bestimmten Ämtern ausgeschlossen. Meine Position dazu ist bekannt: Ich sehe theologisch keine stichhaltigen Gründe, Frauen die Weihe zu verweigern. Das Thema wird bleiben.
Das Bistum Basel hat nun ebenfalls eine Frau in eine Co-Leitung ins Generalvikariat berufen. Ist das aus Ihrer Sicht ein Zeichen für einen grösseren Wandel in der katholischen Kirche?
Wustmans: Ich freue mich darüber. Solche Entscheidungen sind wichtig, weil sie etwas sichtbar machen, das eigentlich selbstverständlich sein sollte: Frauen können und wollen Verantwortung übernehmen. Von einem grundlegenden Wandel würde ich wegen einzelner Personalentscheidungen aber noch nicht sprechen. Der beginnt dort, wo sich Strukturen und Kulturen dauerhaft verändern. Die entscheidende Frage ist deshalb für mich nicht, wie viele einzelne Frauen es in Leitungspositionen schaffen, sondern ob Frauen selbstverständlich an Macht, Verantwortung und Entscheidungen beteiligt sind.
Was denken Sie, wird und kann sich in der Basler Bistumsleitung durch eine Frau ändern?
Wustmans: Ich würde ihr nicht die Erwartung aufladen wollen, allein deshalb etwas verändern zu müssen, weil sie eine Frau ist. Ich weiss aber aus eigener Erfahrung, dass eine solche Ernennung etwas verändert. Ich wünsche meiner Kollegin deshalb vor allem, dass sie sehr bald nicht mehr als «die Frau an der Spitze», sondern ganz selbstverständlich als eine Verantwortliche für ihr Bistum wahrgenommen wird und alles Gute und Gottes Segen für diese Aufgabe.
*Hildegard Wustmans ist Bischöfliche Bevollmächtigte im Bistum Limburg. Gemeinsam mit Wolfgang Pax hat sie die Leitung des Bischöflichen Ordinariates inne. Die habilitierte Theologin ist zudem Professorin an der Wolfgang-Goethe Universität Frankfurt am Main.
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