«Heute im Blick» – die Kirche und der Mensch

Alt-Abt Martin Werlen gibt ein neues Buch heraus

Zürich, 21.11.14 (Kipa) Der ehemalige Abt von Einsiedeln, Martin Werlen, meldet sich in der Öffentlichkeit zurück. Das tut er mit dem Buch mit dem ironischen Titel «Heute im Blick». Dieses wurde am Freitag, 21. November, in Zürich vorgestellt. Das Buch richtet sich an die Gläubigen. Sie sollen Zeugnis geben und die Kirche «entstauben».

Martin Werlen war von 2001 bis 2013 Abt des Klosters Einsiedeln. In diesem Sommer verkündete sein Nachfolger als Abt von Einsiedeln, Urban Federer, über Twitter, dass sein Vorgänger aus seiner Sabbatzeit zurück ist. Martin Werlen verbrachte diese Zeit im Benediktinerkloster Pannonhalma in Ungarn und in der Dormitio-Abtei in Jerusalem.

Nun legt der Alt-Abt ein neues Buch vor. Abt Federer erklärte bei der Buchpräsentation, dass sich sein Vorgänger nicht zurückziehe. Vielmehr wolle er Werlen als guten Kommunikator behalten.

Das Buch wendet sich an Getaufte, sagte Werlen gegenüber der Presseagentur Kipa. Es stelle kein Lexikon dar, sondern lade vielmehr dazu ein, sich in einen Prozess einzulassen. Dieser betreffe Dinge, welche den Gläubigen Mühen machten. Wenn der Gläubige sich mit diesen Fragestellungen beschäftige, dann löse dies etwas aus. Darum sagte Werlen: «Für mich ist dieses Prozesshafte das Wichtigste.»

Das Buch ist für «Menschen in der Kirche» geschrieben, heisst zu Beginn des Bandes. Es richte sich insofern vor allem an diese, weil die Menschen in der Kirche Zeugnis von ihrer Taufe geben müssen, sagte Werlen gegenüber Kipa. Denn die Kirche sei nicht nur für ihre Mitglieder da. Die Getauften müssen nach draussen strahlen.

Viele Fragen, die sich der Alt-Abt beim Schreibenden des Buches stellte, stammten aus Gesprächen mit Menschen, die sich von der Kirche verabschiedet haben oder überhaupt keine Beziehung zu Kirche oder Religion hatten. Ebenso flossen Begegnungen etwa mit Muslimen in den Text ein. Werlen betonte aber: «Ich gebe keine Antworten, ich rege dazu an, in einen Prozess einzusteigen.»

Entstauben

Aus der Sicht des Herausgebers, dem deutschen Herderverlag, handelt das Buch davon, dass die Kirche zu dem Mensch gehen muss, sagte der zuständige Lektor Rudolf Walter bei der Buchvorstellung. Walter nahm ferner Bezug auf die Broschüre «Miteinander die Glut unter der Asche entdecken», die Martin Werlen noch in seiner Zeit als Abt von Einsiedeln veröffentlicht hatte. In Anspielung auf den Titel, meinte Walter: «Es brennt lichterloh», und zwar aufgrund der Sorge für die Kirche, aus Begeisterung, wegen der Spaltung der Kirchen, wegen Verlogenheit, Überheblichkeit und des Gegeneinanders innerhalb der Kirche. Der Alt-Abt setze sich mit der Frage auseinander: Was heisst eine menschliche und barmherzige Kirche? Damit umschrieb Walter eine ganze Palette von Themen, die im Buch behandelt werden.

Aus Sicht des Autors ist in der Kirche sehr vieles verstaubt. «Wenn wir aber abstauben, kommt sehr vieles zum Vorschein», erklärte Werlen an der Buchpräsentation. Seine Sabbatzeit nach dem Rücktritt als Abt habe ihm erlaubt, sehr viele Menschen kennen zu lernen und sich so mit dem «Geheimnis des Menschen» zu befassen.

Kontakt bewahren

Die Präsidentin des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes, Rosmarie Koller, war nach Zürich gereist, um das Buch zu würdigen. Sie betonte, dass eine Gruppe, also auch die Kirche, die nur nach Innen denke, unattraktiv für die Gesellschaft sei. Die SKF-Präsidentin warnte davor, als Kirche auf Distanz zu den Menschen zu gehen. «Wenn ein Bischof am Menschenrechtstag sich um Abgrenzung bemüht, dann hat er den Menschen aus dem Blick verloren», sagte Koller in Anspielung auf einen Brief mit dem Titel «Gender – die tiefe Unwahrheit einer Theorie», den der Churer Bischof Vitus Huonder vor einem Jahr veröffentlichte.

Wenn die Kirche nur noch Gehorsam verlange, dann habe sie den Menschen ebenfalls aus dem Blick verloren. Koller wünscht sich sehr, dass «jene Menschen einen Blick in dieses Buch werfen, die sich dem Blick der Menschen verschlossen haben.»

Hinweis: Martin Werlen, «Heute im Blick – Provokationen für eine Kirche, die mit den Menschen geht», Herder 2014 (kipa/gs/bal)

21. November 2014 | 16:56
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