Papst Silvester I. zeigt Kaiser Konstantin ein Bild der Apostel Petrus und Paulus. - Detail eines Freskos von 1246, in der Silvester-Kapelle der Kirche Quattro Santi Coronnati in Rom.
Analyse

Hat Paulus das Christentum gegründet?

Der Philosoph Friedrich Nietzsche war es, der die These verbreitet hat, Paulus, nicht Jesus habe das Christentum gegründet. Paulus ist nach ihm der Bösewicht, der die Lehre Jesu verfälscht habe, indem er Jesu Tod als Sühne für die Sünden des Menschen darstellte.  An dieser Behauptung stimmt, dass es wesentlich Paulus war, der den Tod am Kreuz als Opfer verstand. Und doch ist die These falsch.

Francesco Papagni

Paulus war bekanntlich zu Beginn ein Christenverfolger. Nachdem auf dem Weg nach Damaskus ihm Jesus Christus selbst erscheint, wird er zum Verkündiger. Und unternimmt grosse Reisen, um das Wort Gottes zu verbreiten. Sein Publikum waren vor allem die sogenannten Gottesfürchtigen – Menschen, die sich der jüdischen Religion zugewandt hatten ohne formell zu konvertieren.

Paulus war kein Selbstläufer

Das entscheidende Argument gegen Nietzsches These von Paulus als Gründer des Christentums und Verfälscher der Botschaft Jesu findet sich in den Paulusbriefen und in der Apostelgeschichte: Paulus handelt nicht eigenmächtig.

In den Worten des emeritierten Luzerner Neutestamentlers Walter Kirchschlägers bleibt Paulus an die «Jerusalemer Urgemeinde rückgekoppelt», das heisst, Paulus reist immer wieder nach Jerusalem und diskutiert mit Petrus, Jakobus und den anderen über Grundsatzfragen.

Jerusalem
Jerusalem

Müssen Nichtjuden die Speisegesetze einhalten und beschnitten werden, wenn sie sich taufen lassen? Soll die frohe Botschaft überhaupt den Heiden verkündet werden? Die Jerusalemer haben eine besondere Autorität, weil sie den irdischen Jesus selbst erlebt haben, ihm nachgefolgt sind. Manchmal führen solche Diskussionen zu Streit, aber Paulus hält das aus. Für ihn ist Einheit unabdingbar.

Jude und Christ zugleich

Lange war das Paulusbild in der Theologie durch seinen Gegensatz zum Judentum bestimmt. Paulus habe das Judentum hinter sich gelassen, anstelle des Gesetzes trete das Evangelium. Heute ist diese Sicht überholt.

Die Menora ist ein Symbol fürs Judentum.
Die Menora ist ein Symbol fürs Judentum.

Wer die Briefe aufmerksam liest, stösst auf einige Stellen, in denen sich Paulus mit Stolz auf sein eigenes Judesein bezieht. War er deswegen kein Christ? Im ersten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung ist das kein Gegensatz, die Trennung der beiden Religionen findet später statt. Hingegen ist Paulus Universalist: Die Heilsbotschaft gilt für alle Menschen, unabhängig von Herkunft, Religion oder Geschlecht. Auch der in der Antike sonst fundamentale Unterschied zwischen Freien und Sklaven spielt keine Rolle.

Schwierige Fragen

 Eine der Hauptfragen, die heute in der Forschung diskutiert werden, ist die nach dem Verhältnis von Judentum und Christentum in Paulus. Nach Jahrhunderten der Verleugnung schwingt heute das Pendel in die entgegengesetzte Richtung aus: Paulus müsse restlos von der jüdischen Umgebung her verstanden werden.

Der Römer Spezialist Gaetano Lettieri mahnt, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten. Konkret: Es gibt eine Polemik in Paulus in Bezug auf das Judentum seiner Zeit, und auch die damaligen Juden ertrugen seine Predigten oft nicht. Das spielt sich zwar alles noch innerhalb des Judentums ab,  aber Paulus interpretiert bestimmte Vorstellungen seiner Zeit auf höchst originelle Weise.

Moses mit den Gesetzestafeln - gemalt von Chagall, zu sehen in Jerusalem.
Moses mit den Gesetzestafeln - gemalt von Chagall, zu sehen in Jerusalem.

Welche Bedeutung hatte für Paulus das mosaische Gesetz? Und aus welchen geistigen Quellen speiste sich seine Messiasvorstellung? Das sind Fragen, die noch nicht eindeutig geklärt sind. Fest steht, dass verschiedene Messiasideen existierten, aber die Vorstellung eines Messias, der seine Mission durch Tod und Auferstehung erfüllt, gab es im damaligen Judentum nicht.

Jerusalem, Athen und Rom

Also nochmals: Muss Paulus als Begründer des Christentums angesehen werden? Die Kurzantwort lautet nein. Das Christentum ist nur in der Entwicklungsperspektive verstehbar. Zu Beginn steht das Christusereignis, dann folgt die pfingstliche Ermutigung, das Evangelium in alle Himmelsrichtungen zu verkündigen.

Das Kolosseum in Rom
Das Kolosseum in Rom

Dafür hat Paulus sehr viel getan. Die Geschichte ist damit aber nicht zu Ende. Das frühe Christentum ist sehr bald mit der griechisch-römischen Hochkultur konfrontiert und mit der Frage: ablehnen oder aufnehmen? Eine Mehrheit plädiert für eine Aufnahme, sodass der christliche Glaube mit Begriffen der griechischen Philosophie ausformuliert wird.

Als drittes Element kommt das römische Recht hinzu. Jerusalem, Athen und Rom – das Christentum ist nicht versehbar, ohne jüdischen Monotheismus, griechisches Denken und römisches Recht.  Ohne Paulus ist das Christentum tatsächlich nicht denkbar, aber Paulus ist nicht der Begründer, wie Nietzsche behauptete, um damit das Christentum als Verrat an Jesus Christus zu denunzieren.

Fazit

Hinter Nietzsches Argumentation steckt ein bekanntes Muster, die romantische Idee des reinen Ursprungs. Es war einmal eine authentische Botschaft, die dann verfälscht, verdreht, verdunkelt wurde.

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Ob Paulus, die griechische Philosophie, die Konstantinische Wende – irgendjemand oder irgendetwas hat die Dekadenz verursacht. Den romantischen Ursprungsmythos in solchen Argumentationen zu erkennen, heisst, diese eben als romantisch zu erkennen. Von einem katholischen Standpunkt gibt es ohnehin zwei Quellen der Offenbarung, Schrift und Tradition. Das heisst, dass die Geschichte des Christentums nicht als Verfallsgeschichte gedeutet werden kann.


Papst Silvester I. zeigt Kaiser Konstantin ein Bild der Apostel Petrus und Paulus. – Detail eines Freskos von 1246, in der Silvester-Kapelle der Kirche Quattro Santi Coronnati in Rom. | © KNA
29. Juni 2025 | 17:00
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